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Der Monte Caprino der Kurstadt

Valentinis Sommerhäuschen auf dem Monte Caprino: Die kolorierte Zeichnung aus dem Jahr 1858 wird im Bad Freienwalder Oderlandmuseum aufbewahrt. Hier residierte einst der aus Rom stammende Philosoph Francesco Valentini.
Valentinis Sommerhäuschen auf dem Monte Caprino: Die kolorierte Zeichnung aus dem Jahr 1858 wird im Bad Freienwalder Oderlandmuseum aufbewahrt. Hier residierte einst der aus Rom stammende Philosoph Francesco Valentini. © Foto: Oderlandmuseum
Reinhard Schmook / 07.10.2016, 06:34 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) Gerade ist eine Dissertation über Francesco Valentini, Professor für Sprachwissenschaften, fertig geworden, der auch in Bad Freienwalde eine Rolle spielte. Er zog von Berlin aus 1848 in die Kurstadt und wurde schnell eine lokale Berühmtheit.

Im Sommer 2012 bekam ich Besuch von der jungen Sprachforscherin Anne-Kathrin Gärtig aus Heidelberg, die sich mit dem Werk des römischen Lexikographen, Sprachmittlers und Philosophen Francesco Valentini (1789-1862) beschäftigte. Wir sind u .a. über den Monte Caprino gegangen, wo Mitte des 19. Jahrhunderts das Sommerhaus Valentinis stand. Jetzt ist ihre Dissertation unter dem Titel: "Deutsch-italienische Lexikographie vor 1900, die Arbeiten des Sprach- und Kulturmittlers Francesco Valentini (1789-1862)" Berlin/Boston 2016, erschienen. Dieses umfangreiche Werk wirft ein helles Licht auf den Römer, der in der Geschichte unserer Heimatstadt im 19. Jahrhundert eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielte.

Valentini wurde am 27. September 1789 als Sohn eines Kaufmanns in Rom-Trastevere geboren. Mit knapp 20 begann er ein Medizinstudium, das er nach kurzer Zeit beenden musste, um an Napoleons Russland-Feldzug teilzunehmen. Nach Gefangennahme und Flucht gelangte er 1813 nach Berlin, wo er seine Tätigkeit als Italienisch-Lehrer begann. Nicht nur als Lehrer, sondern auch privat etablierte sich Valentini in Berlin, wo er 1816 Caroline Stage heiratete, mit der er vier Kinder bekam. Nach deren Tod heiratete er die königlich-preußische Opernsängerin Henriette Reinwald, mit der er drei weitere Kinder zeugte und die nach ihrem Tod in Freienwalde am 23.9.1857 auf dem hiesigen Georgenkirchhof begraben wurde. In Berlin verfügte er über ein dichtes Netz sozialer Kontakte und war auch Mitglied der "Großen Loge der Freimaurer Royale York zur Freundschaft im Orient zu Berlin". Neben seiner Unterrichtstätigkeit auf rein privater Basis gab er 1821 sein erstes gedrucktes Werk, ein deutsch-italienisches Taschenwörterbuch, heraus. Sein Hauptwerk jedoch ist das "Vollständige italienisch-deutsche und deutsch-italienische grammatisch-praktische Wörterbuch", das in Leipzig von 1831 bis 1836 in vier Bänden erschien. Dafür gebührt ihm ein fester Platz in der Geschichte der Sprachwissenschaft.

Am 3. Oktober 1836 gründete er in Berlin die "Societá Italiana", eine deutsch-italienische Kulturgesellschaft. Man traf sich regelmäßig im Hotel "Unter den Linden" für Vorträge in italienischer Sprache zu Wissenschaft, Sprache, Kunst und Literatur. Mit dem Versuch, im Jahre 1843 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin eine Professur für italienische Sprache und Literatur einzurichten, die er selbst gerne besetzen wollte, scheiterte Valentini. Die Enttäuschung darüber, sein Alter und die politische Entwicklung nach der 1848-er Revolution mögen dazu geführt haben, dass er Berlin verließ und nach Freienwalde zog. Hier blieb er nicht untätig, wurde schnell zur lokalen Berühmtheit. Davon zeugen die zeitgenössischen Beschreibungen von Theodor Fontane und Adolph Menzel über ihre Aufenthalte in Freienwalde. Valentini setzte sich an die Spitze des schon bestehenden Verschönerungsvereins und wirkte in den ihm noch verbleibenden Lebensjahren tatkräftig für ein anmutiges und schönes Umfeld der alten Kur- und Badestadt. Auf dem Ziegenberg, den er in "Monte Caprino" umtaufte, ließ er sich ein skurriles Sommerhäuschen errichten, mit bunten Fensterscheiben und Sinnsprüchen an den Außenwänden, genannt "Valentinis Ruh". An dessen Stelle steht seit 1929 das Kriegerdenkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Freienwalder. In seinem Eifer italienisierte er auch die Namen anderer umliegender Anhöhen wie z. B. die "Casa Rivera" oder "Bella Vista". Wenn er verärgert war, konnte er sehr heftig reagieren. Andererseits zeichnete er sich durch einen großen Sinn für Humor aus, wie seine Gelegenheitsdichtungen, Sinnsprüche und andere schriftliche Äußerungen belegen.

In den letzten Lebensjahren scheint es ihm auch gesundheitlich nicht mehr besonders gut gegangen zu sein. Francesco Valentini verstarb am 15. März in Berlin und wurde auf dem St. Hedwigsfriedhof beigesetzt. Heute liegt das Familiengrab mit seinem Grabstein auf dem Friedhof am Columbiadamm in Berlin-Neukölln.

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