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Fühlen als Maß der Dinge

Antoinette, Jahrgang 1956, hat den Ausstellungsort für den Zeitraum der Schau zu ihrem zweiten Zuhause gemacht. Hier steht sie vor dem Werk "Zwischen Tag und Nacht".
Antoinette, Jahrgang 1956, hat den Ausstellungsort für den Zeitraum der Schau zu ihrem zweiten Zuhause gemacht. Hier steht sie vor dem Werk "Zwischen Tag und Nacht". © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Simon Rayß / 12.10.2016, 07:50 Uhr
Eberswalde (MOZ) Für acht Wochen hat sich das Zentrum für Erneuerbare Energien am Waldsolarheim in einen Ausstellungsraum verwandelt. Mehr als die Hälfte dieser Zeit ist bereits rum. Anlass genug, um sich die Werke von "Mythos Europa" einmal näher anzuschauen - gemeinsam mit Antoinette, ihrer Schöpferin.

Ein dickes, dunkles Insekt sitzt auf dem Dach. Beschützt es das Haus unter seinem massigen Körper? Mit Sicherheit könnte es die Wände zum Einsturz bringen, in denen sowieso Bedenkliches vor sich geht. Gleichzeitig trägt eine Frau mit Feuerwehrhelm eine lodernde Flamme aus dem Haus, dorthin, wo eine andere Frau in aller Seelenruhe liest. Am Horizont ziehen bedrohliche Wolken herauf und blicken mit starren Augen auf einen benachbarten Felsen - was hat das alles bloß zu bedeuten?

Diese Frage mag sich manch ein Besucher der Schau "Mythos Europa" stellen, der vor dem Bild "Zwischen Tag und Nacht" verharrt. Antoinette, der Schöpferin des Öl-Gemäldes von 2013, ist das ganz recht. Ihre Kunst soll Fragen aufwerfen, Emotionen wecken. "Das Maß der Dinge für mich ist: Kann ich es fühlen?", sagt die Eberswalderin.

Das gilt für den Entstehungsprozess wie für den Moment der Rezeption. Die Besucher ihrer Ausstellung, die noch bis zum 5. November im Zentrum für Erneuerbare Energien zu sehen ist, sollen ins Gespräch kommen. So sind auch die regelmäßigen Führungen angelegt: dialogisch. "Die Leute werden dazu angeregt, selber Geschichten in den Bildern zu sehen", sagt Thomas Hampel, der Partner Antoinettes, sowohl künstlerisch als auch privat.

Zum Assoziieren regt auch ihre Bildsprache an. Sie versammelt eine Vielzahl eigentlich konkreter Figuren, hinter denen sich jedoch eine ganze Reihe von Bedeutungsebenen auffächert: von der persönlichen über die politische bis hin zur mythologischen. Schließlich geht es um den "Mythos Europa": um die sagenhafte Geschichte der Königstochter Europa und um Krieg, Vertreibung, Flucht, die den Kontinent derzeit umtosen.

Das Werk "Europa und ihre Narren" macht dieses Ineinander der Sinn-Ebenen greifbar: Europa sitzt auf Zeus, dem Göttervater, der sie der griechischen Mythologie zufolge in Gestalt eines Stieres verführen will. Sie trägt einen Mantel, in dessen Saum Antoinette Worte eingenäht hat - einen "Schutzbrief", wie sie es nennt. Ihre Urgroßmutter hat der Künstlerin diese Zeilen geschrieben, als sie noch ein Mädchen war. Sie sollten sie mahnen, sich an die christlichen Gebote zu halten, und gleichzeitig vor allem Übel bewahren.

Nun bringt Antoinette die persönliche Erinnerung per Druck auf die Leinwand. "Die Handschrift meiner Urgroßmutter ist auf diese Weise im Kunstwerk enthalten", sagt sie. Der "Schutzbrief" geht auf Europa über, auf die Figur und auf den Kontinent. Auch das will sie mit ihren Werken vermitteln: "Ich erlebe unsere Realität als sehr gefährdet", sagt Antoinette.

Das gewaltige Öl-Gemälde - 1,50 mal drei Meter groß - begrüßt die Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung. Links und rechts an den hohen, mit Grobspanplatten verkleideten Wänden hängen weitere Arbeiten. Vorn die großformatigen, weiter hinten die etwas kleineren, im Zentrum des Raums dann Zeichnungen und Entwürfe. Auch solche zu "Europa und ihre Narren". "Andere Entwürfe warten darauf, noch Bilder zu werden", sagt Antoinette.

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet sie zum Thema Europa, auch das lässt sich in der Ausstellung nachvollziehen. Das älteste der rund 100 Werke stammt von 1984. "Sphinx" heißt es und zeigt eine nackte, kahlköpfige Frauenfigur im Profil. An ihrer Seite: ein vierbeiniges Tier, in dem sich durchaus ein junger Stier erkennen lässt. "Das ist so eine Kontinuität, das mussten wir unbedingt dazunehmen", sagt Thomas Hampel.

Dann tritt er heran an die Leinwand und nimmt sie herunter von der Wand. Auf der Rückseite: ein Aufkleber mit dem Aufdruck "Kunstausstellung der DDR, Dresden 1987/88". Seither ist viel passiert - im Leben und im Werk Antoinettes, aber auch in Europa. Wenn die Eberswalder Ausstellung in gut drei Wochen endet, sollen die Werke auf Reisen über den Kontinent gehen. Als erster Halt im Gespräch: Griechenland.

Bis 5.11., Brunnenstraße 26A, Di bis So, 11-19 Uhr, Mo geschlossen, Eintritt frei; Führungen: Di und Do, 18 Uhr, Sa und So, 15 Uhr; "Provinziale"-Filme mit Diskussion, stets Fr, 19 Uhr

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