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80 Interviews an einem Tag

Sängerin/Songwriterin Lea Joy begleitete die Satire-Lesung von Titanic-Chefredakteur Tim Wolff am vergangenen Samstag in Falkensee. Auch Lars Krause (re.) lies sich es nicht nehmen dabei zu sein.
Sängerin/Songwriterin Lea Joy begleitete die Satire-Lesung von Titanic-Chefredakteur Tim Wolff am vergangenen Samstag in Falkensee. Auch Lars Krause (re.) lies sich es nicht nehmen dabei zu sein. © Foto: Ute Jahnke
Ute Jahnke / 15.10.2016, 09:29 Uhr
Falkensee (MOZ) Der amtierende Chefredakteur des Satire-Magazins Titanic, Tim Wolff, erzählte am vergangenen Samstag im Falkenseer Kronprinz unter anderem von seinen skurrilen, aber wahren Erlebnissen nach dem Mordanschlag auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris am 7. Januar 2015.

So musste er an diesem Tag etwa 80 Interviews mit Journalisten führen. "Es kamen immer wieder die gleichen Fragen: "Haben Sie Angst? Haben Sie wirklich keine Angst?' Ich habe versucht diese Fragen sachlich zu beantworten: Dass wir in unserer Redaktion tatsächlich keine Angst vor Anschlägen hatten, weil so viele Medienvertreter da waren. Bis man sich da durchgeschossen hätte, wären wir schon längst wieder raus gewesen."

Auch das Landeskriminalamt tauchte in der Redaktion auf und bemängelte die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen: "Unsere Redaktion liegt im Erdgeschoss, hat ganz dünne Fenster. Hier ist man ungefähr in drei Sekunden drin, hat alle erschossen und sitzt wieder zuhause auf der Couch." Daher wurde Wolff von der Polizei zur gefährdeten Person erklärt und unter Polizeischutz gestellt, obwohl es noch niemals Drohungen gegen ihn oder die Redaktion gegeben hatte. Er bekam ein Infoblatt ausgehändigt mit der Bitte, dieses "nicht an linksradikale Kreise weiterzureichen". Daraufhin kicherten seine Kollegen: "Zu spät!"

Der Chefredakteur wurde von schwer bewaffneten Polizisten zur Arbeit gefahren. Da der Fußweg nur fünf Minuten beträgt, aber die Polizeipatrouille immer wieder unvorhersehbare Umwege fahren soll, dauerte die Fahrt stets länger als gewohnt. Als Vorteil sah Wolff allerdings, dass er sogar nach seinen Lesungen spätabends bis vor die Haustür geleitet wurde. Dies nutzte er dann mehrmals gründlich aus, indem er sich kräftig betrank, "weil es natürlich nichts besseres geben kann als von drei großen, starken, bewaffneten Männern bis vor die Wohnungstür besoffen gebracht zu werden." Wenig später wurde der Polizeischutz wieder eingestellt.

Vor ein paar Wochen wollte die Polizei eine Übung in seinem Wohngebiet durchführen. Hierzu wurde eine Bombenattrappe im Hof aufgestellt, die die Auszubildenden finden sollten. Um Nachbarn nicht zu verunsichern, klebten Polizisten einen Zettel mit der Aufschrift "Attrappe" auf die Bombe - was ein echter Attentäter natürlich auch machen könnte. Da auf der Bombe ein alter Wecker mit Klebeband befestigt wurde, kam Wolff zu dem Schluss: "Die Frankfurter Polizei bezieht ihr Wissen aus alten "Clever & Smart"-Comics."

Seinen Humor hat er durch diese ganze Aktion aber nicht eingebüßt. "Kommen zwei Terroristen in eine Satire-Redaktion. Sagt der eine: "Zuerst die gute Nachricht. Ihr Auflage wird sich schon bald verhundertfachen.'"

Zudem las er seine Quizfragen fürs "Humor-Diplom für Muslime" vor: "Welche dieser Streiche finden Sie vertretbar? Furzkissen unterm Gebetsteppich / Frau am Steuer / Minarett ansägen / den Großmufti "die Großmutti" nennen. Zum Lachen gehe ich... in den heiligen Krieg / in die Redaktion von "Charlie Hebdo' / in die Luft/ in den Keller (wie ein richtiger Deutscher)."

Die fremdenfeindlichen Übergriffe in Sachsen hat Tim Wolff in einer "Asterix"-Parodie verarbeitet: "Sachsterix bei den Flüchtlingen". Zusammen mit Pöbelix, Abschiebefix (dem einzigen als asylkritisch bekannten Hund) und Bierakolix (braut Zaubertränke, die übermenschliche Wut verleihen, und auch Molotow-Cocktails) kämpft er gegen die Cäsarin (Merkel). Auch die Führaonin (Petry, die aus der Asche von Flüchtlingsheimen die Zukunft lesen kann) hat ihre Hände im Spiel.

Am 13. November gehen die Satire-Lesungen weiter mit Thomas Gsellas neuem Programm "Neue Prosa, neue Lyrik. Manchmal lustig, niemals schwyrik." Weitere Infos unter www.satire-am-abend.de

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