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Jäger der verschollenen Pferde

Simon Rayß / 20.10.2016, 06:55 Uhr
Eberswalde (MOZ) Monatelange Ermittlungen, falsche Fährten, skurrile Verdächtige: Das ist der Stoff, aus dem Krimis sind. Manchmal auch Vortragsabende. So wie am Dienstag, als ein Polizist und ein Journalist von ihrer Suche nach einem Nazi-Kunstwerk erzählen - auf Einladung des Heimatkundevereins und des Rotary-Clubs.

Irgendwann will es Konstantin von Hammerstein genau wissen. "Wer von Ihnen hat die Statuen eigentlich gesehen?", fragt er die rund 100 Zuhörer. Die Hälfte hebt die Hand, darunter auch Karl-Dietrich Laffin: "Ich habe in den 70er-Jahren als Abiturient auf dem Sportplatz meine Runden gedreht", sagt der Vorsitzende des Eberswalder Kulturbundes, der in der zweiten Reihe des gut gefüllten Hörsaals sitzt.

Besagter Sportplatz in Südend war damals angeschlossen an eine sowjetische Kaserne - und Heimat von zwei gewaltigen Bronzepferden. Um die geht es am Dienstagabend in der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE). "Spiegel"-Redakteur von Hammerstein und der Chefkunstfahnder des Berliner Landeskriminalamtes (LKA), René Allonge, erzählen von der abenteuerlichen Reise der Statuen "Schreitende Pferde", die der Bildhauer Josef Thorak einst geschaffen hat.

Dieser Thorak (1889-1952) war nicht irgendein Bildhauer, sondern Hitlers Haus- und Hofkünstler, der sich seine Dienste fürstlich entlohnen ließ. Die Pferde - Hohlgüsse, drei Meter hoch, zweieinhalb Tonnen schwer - hat er 1939 gefertigt, extra für die Berliner Reichskanzlei. "Das sind schon richtige Kolosse", sagt Allonge. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden die Statuen vor den Bombardements der Alliierten in Sicherheit gebracht - ins Schlösschen Jäckelsbruch bei Wriezen (Märkisch-Oderland). Von dort sind sie nach dem Krieg von sowjetischen Soldaten abgeholt worden, "als Trophäen", wie der Ermittler sagt, und über Umwege auf dem Sportplatz gelandet.

Nazi-Kunst auf dem Gelände einer sowjetischen Kaserne - diese eigenwillige Konstellation ist aber nur Ausgangspunkt für die abenteuerlichen Begebenheiten, die von Hammerstein und Allonge in der HNE Revue passieren lassen. Denn Ende der 80er-Jahre, noch vor Maueröffnung, verschwinden die Pferde. Abgeholt zum Verschrotten, ist die landläufige Meinung. Der Journalist und der Kunstfahnder widerlegen diese Ansicht.

"Wir erzählen die Geschichte einer Recherche", sagt Konstantin von Hammerstein. Beide Referenten sitzen zurückgelehnt in Jackett und hellblauem Hemd auf ihren Stühlen. Sie berichten locker und unterhaltsam, flechten auch mal die ein oder andere Anekdote ein. Immer wieder lächeln sie in sich hinein angesichts der haarsträubenden Details ihrer monatelangen Suche, die im vergangenen Jahr die Statuen wieder zum Vorschein gebracht hat - in einer Lagerhalle im pfälzischen Bad Dürkheim.

Die Ermittlungen führen von dubiosen Kunsthändlern über Schmuggler, die die riesigen Pferde noch vor Maueröffnung in den "Westen" bringen, bis zu reichen Sammlern, die im Keller mit Akribie Hitlers Reichskanzlei nachbauen. Ermittlungen, die lange Zeit parallel laufen - bei der Polizei seit Ende 2013, der "Spiegel" bekommt Anfang 2014 Wind von der Sache. "Da haben wir monatelang nebeneinander her recherchiert, ohne voneinander zu wissen", sagt von Hammerstein.

Die Zusammenarbeit mit der Polizei hat dem Journalisten zunächst Kopfzerbrechen bereitet: "Ist das unter ethischen Gesichtspunkten überhaupt zulässig?", fragt er sich. Doch als seine Spuren ihn einfach nicht weiterbringen wollen, wendet er sich doch an Allonge und sagt: "Komm, wir machen das zusammen."

Die von Allonge geleitete Abteilung 454 des Berliner LKA befasst sich mit Kunstdelikten. Mit Diebstählen, Fälschungen, aber auch mit verschollenen Werken wie den Bronzepferden. Der Besitz von Nazi-Skulpturen wie diesen ist nicht prinzipiell verboten. Problematisch wird die Sache allerdings dadurch, dass die Statuen als ehemaliges Reichseigentum erst in den Besitz der DDR, dann in den der Bundesrepublik übergegangen sind. "Wenn jemand etwas anbietet, das ihm nicht gehört, dann ist das Betrug", sagt René Allonge.

Letzten Endes münden die Ermittlungen im Mai 2015 in einen bundesweiten Einsatz. "Dieser Durchsuchungs-Tag hat mich nachhaltig beeindruckt", erklärt der Polizist. Kunstwerke, Uniformen, Waffen, ja einen nahezu vollständigen Panzer entdecken die Einsatzkräfte bei ihren Razzien in Kiel, München und andernorts. Und eben auch Thoraks "Schreitende Pferde" in Bad Dürkheim. "Das ist für die Ermittler ein tolles Gefühl, wenn man dann am Ziel ist", sagt er.

Das Berliner Verwaltungsgericht hat mittlerweile bestätigt, dass die Bronzepferde Eigentum des Bundes sind. Zugleich wird eine Ausstellung mit den sichergestellten Werken vorbereitet. Auch ein drittes Pferd ist noch aufgetaucht: pikanterweise auf einem Schulhof am bayerischen Chiemsee. Ganz ohne erklärendes Beiwerk. Legal ist es dennoch: Thoraks Erben sollen mit dem Pferd die Internatsgebühren für ihren Spross bezahlt haben. Das Nazi-Kunstwerk ist demnach Eigentum der Schule.

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