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Wenn der Kollege stottert

Logopäden-Ausbildung: Annika Schwedesky, Laura Gast, Denise Fouquet und Gwendola Meinhardt (v. l.)
Logopäden-Ausbildung: Annika Schwedesky, Laura Gast, Denise Fouquet und Gwendola Meinhardt (v. l.) © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Viola Petersson / 22.10.2016, 08:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Marilyn Monroe und Scatman John hatten das Problem. Auch der "Graf" (Unheilig) bekannte sich dazu. Der wohl prominenteste Vertreter ist jedoch der britische König Georg VI. Sie alle gehören zu den Stotterern. Zum Welttag des Stotterns am 22. Oktober rückt die Bundesvereinigung die Sprechstörung in den öffentlichen Fokus.

Unzählige Anläufe hatte Prinz Albert (der spätere Georg VI.) schon genommen, um das Stammeln zu überwinden. Sie alle waren gescheitert. Und "Bertie", wie er im Familienkreis genannt wurde, hatte bereits die Hoffnung aufgegeben. Bis seine Frau ihn zu einem letzten Versuch überredete - und er den etwas schrägen Sprachtherapeuten Lionel Logue traf. Einen australischen Logopäden, der auf ganz unkonventionelle Behandlungsformen setzte ...

Genau so, wie im Oscar prämierten Streifen "The King's Speech" dargestellt, sehe gute Therapie aus, sagt Robby Stolle, Logopäde in Eberswalde und seit 13 Jahren mit einer Praxis im Brandenburgischen Viertel. Und so sei Therapie eben auch erfolgreich. Stottern, betont Stolle, sei zwar eine Sprechstörung, die aber eben nicht nur den "Sprechapparat" betreffe, sondern den ganzen Körper. Entsprechend vielschichtig müsse die Behandlung sein.

Ob Stottern, Fachleute sprechen von Balbuties, heilbar sei, darüber würden sich die Gelehrten streiten. Unstrittig sei aber, dass Betroffene durch Behandlung weitestgehende Symptomfreiheit erlangen können. Zumindest über große Phasen, so Stolle. Wie eben König Georg VI.

Mehr als 800 000 stotternde Menschen gibt es laut Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe in Deutschland (BVSS), also etwa ein Prozent der Bevölkerung. Beim Welttag des Stotterns 2016 lautet das Schwerpunktthema "Stottern im Beruf". Stotternden traue man nicht zu, den Anforderungen eines Arbeitslebens mit Telefonaten, Präsentationen und Besprechungen gewachsen zu sein, stellt Vorsitzender Prof. Dr. Martin Sommer fest. "Die Schere im Kopf muss weg. Dass ein Mensch stottert, sagt zunächst nichts über seine Eignung für einen bestimmten Beruf aus", betont er und wünscht sich eine größere Aufgeschlossenheit. Dietlinde Schrey-Dern, Präsidentin des Bundesverbandes für Logopädie, bekräftigt: "Stottern lässt sich gut behandeln. Die Logopädie bietet eine Reihe effektiver Therapieansätze." So vielfältig wie die Patienten und deren Stottersymptomatik, so vielfältig die Methoden. Allerdings: Die wissenschaftliche Absicherung erfordere mehr Forschungsmittel und eine Akademisierung der Ausbildung.

Selbstverständlich sei Stottern als Redeflussstörung (ebenso wie das sogenannten Poltern) Teil des Ausbildungsprogramms zum Logopäden, sagt Stefanie Gey, Dozentin an der Schule für Logopädie in Eberswalde. In der Theorie werde es im ersten Studienjahr behandelt, also während des Unterrichts. Während der Praktika im zweiten Jahr sammeln die Schüler dann erste praktische Erfahrungen. Wobei, so Gey, das Stottern eine insgesamt doch eher seltene Störung sei. Die Kollegen in den ambulanten Praxen hätten es vor allem mit "den klassischen Aussprachestörungen" zu tun.

Was Robby Stolle und Kristin Ehlert, seit März mit einer Praxis in Eberswalde, bestätigen. Zu den häufigsten Problemen bei Kindern gehören phonetische Störungen sowie Wortschatzdefizite, so Ehlert. Das widerspiegelt sich u. a. in den Ergebnissen der Einschulungsuntersuchungen. Sprachliche Defizite sind mittlerweile der häufigste Grund für Rückstellungen. Der Bedarf an Logopäden wächst. Das Land Brandenburg hat reagiert. 2015 eröffnete es in Eberswalde die erste (schulgeldfreie) Schule für Logopädie - mit momentan 24 Schülern. Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Praxen im Oberbarnim erhöht.

Robby Stolle hat die Erfahrung gemacht: Beim Stottern geraten Eltern schnell in Panik, eben weil es mit einem Stigma verbunden ist. Natürlich gelte die Devise, je eher die Therapie beim "echten Stottern" beginnt, desto besser. Aber mindestens genauso wichtig sei allgemein die sprachliche Entwicklung des Nachwuchses, die Kommunikation. Da gebe es in Familien zum Teil große und wachsende Defizite. Kristin Ehlert rät: Bei anhaltendem Stottern, bei "spürbarer Anspannung" den Kinderarzt kontaktieren.

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