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Rafael Cardoso stellt in Seelow als Deutschland-Buchpremiere seinen Roman über Familie Hugo Simon vor

Der eigenen Geschichte ganz nah

Bücher signiert: Rafael Cardoso mit seiner Frau, Patricia Breves, Marion Hahn und der Vorsitzenden des gastgebenden Heimatvereins Schweizerhaus, Marion Krüger (v.l.)
Bücher signiert: Rafael Cardoso mit seiner Frau, Patricia Breves, Marion Hahn und der Vorsitzenden des gastgebenden Heimatvereins Schweizerhaus, Marion Krüger (v.l.) © Foto: Josephin Hartwig
Doris Steinkraus / 24.10.2016, 17:46 Uhr
Seelow (MOZ) Am Wochenende erlebte die Kreisstadt eine Deutschland-Buchpremiere. Der Kunsthistoriker und Schriftsteller Rafael Cardoso stellte sein neuestes Buch "Das Vermächtnis der Seidenraupen" vor. Es widmet sich in Roman-Form der Familiengeschichte von Hugo Simon, dessen Urenkel Cardoso ist.

"Das Buch wäre anders geworden. Die Begegnungen in Seelow hatten großen Einfluss auf mein Schreiben", bekennt Rafael Cardoso. Ehe er aus seinem neuesten Werk liest, beantwortet er Fragen zu sich und seiner Familie. Erst seit zwei Jahren gibt es den Kontakt zum Heimatverein Schweizerhaus. Zu verdanken ist er dem Hinweis von Landrat Gernot Schmidt. Der hatte über die Vorstellung des Buches "Sechzehn Frauen" von Cardoso gelesen. Und auch darüber, dass der gebürtige Brasilianer gerade an einem Roman arbeitet, in dem er die Geschichte der Familie von Hugo Simon beleuchtet.

Der Verein setzte alle Hebel in Bewegung, um Kontakt zum Urenkel des Mannes aufzunehmen, der in Seelow nicht nur ein landwirtschaftliches Mustergut aufbaute, sondern bis heute als einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Weimarer Republik und als großer Kunstmäzen gilt. Über den Fischer-Verlag wurde schließlich dieser Kontakt vermittelt. Er sei neugierig gewesen, erzählt der 52-Jährige. Er kannte den Ort Seelow nur aus den Aufzeichnungen seines Urgroßvaters. Schon bei der ersten Begegnung sei er angetan gewesen von dem, was er in Seelow sah und erfuhr, kam dann immer wieder. Nirgendwo sonst sei er der Geschichte der Familie, die mit ihrer Flucht 1933 aus Deutschland nicht nur ihre Identität, sondern auch alles Hab und Gut verlor, so nahe gekommen wie in Seelow.

Erst mit 16 Jahren erfuhr Cardoso, der den Namen seiner Mutter trägt, dass seine Familie nicht einst aus Frankreich, sondern aus Deutschland geflohen war. Mit 23 hielt er die ersten Dokumente und Unterlagen in der Hand. Die Geschichte der Familie ließ ihn nicht mehr los. 2006 kam er zum ersten Mal nach Deutschland. "Das Vermächtnis der Seidenraupen" indes sei kein Sachbuch zur Familiengeschichte, macht Rafael Cardoso deutlich. Es sei ein Roman, in dem er sich erstmals der Herausforderung gestellt habe, historisch Verbürgtes und Fiktives zu vereinen. "50 Prozent sind schriftstellerische Freiheit", sagt er schmunzelnd. Alle handelnden Personen gab es wirklich. Ihre Dialoge, Gefühle, Sehnsüchte indes sind schriftstellerische Auslegung, resultierend auch aus dem Studium der überlieferten Materialien und Tagebuchaufzeichnungen von Hugo Simon.

Dass die kleine Stadt Seelow immer wieder im Buch auftaucht, ist eine besondere Reminiszenz auch an den Heimatverein, der das Wirken des einst einflussreichen Bankiers und Sozialisten wieder in den Fokus rückt. Seine Sicht auf Deutschland sei heute eine andere, sagt Cardoso. Für ihn habe Deutschland als einziges Land in Europa seine Geschichte begriffen und sie aufarbeitet.

In den Kapiteln, die die Bibliothekarin Marion Hahn liest, wird Seelower Geschichte lebendig. Cardoso lässt Hugo Simon 1931 über Bad Freienwalde zu seinem Mustergut fahren und ihn sich dabei an Walter Rathenau erinnern. Der Bankier findet in Seelow immer wieder seine innere Ruhe, diskutiert dort auch mit Politik- und Kunstgrößen seiner Zeit. Dorthin will er sich zurückziehen, wenn es mit den Nazis in Berlin schlimmer kommen sollte. Der "braune Spuk" werde in ein paar Monaten vorbei, ist er überzeugt. Eine fatale Einschätzung, mit der er bis zum Ende seines Lebens hadern wird.

Die Lesung macht neugierig auf mehr. Cardoso kündigt die Fortsetzung des Romans, der 1945 endet, an. Die Odyssee der Familie geht jedoch weiter. Sie steht für die enge Verzahnung von Familien- und Weltgeschichte. Das habe er zeigen wollen, sagt Cardoso in fließendem Deutsch. Und dankt der Stadt sowie dem Verein für das Engagement und die Wertschätzung, die der Familie entgegengebracht wird.

Das Vermächtnis der Seidenraupen, Fischer-Verlag, ISBN: 978-3-10-002535-7

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