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"Stolpersteine" erinnern an Ehepaar, das zur NS-Zeit deportiert wurde / Verlegung der Tafeln im November

Dunkle Jahre in Lichterfelde

Simon Rayß / 25.10.2016, 06:15 Uhr
Lichterfelde (MOZ) Ihre Abstammung war ihr Verhängnis: Die Lichterfelder Margot und Eugen Epstein werden 1942 deportiert. Im nächsten Monat kommen nun zwei "Stolpersteine" in den Bürgersteig vor der Eberswalder Straße 51 - kleine Gedenktafeln aus Messing, die an das Schicksal des jüdischen Ehepaars erinnern.

Als es Zeit wird, "lebe wohl" zu sagen, wissen Margot und Eugen Epstein, dass es ein Abschied für immer sein wird. "Wenn du diese Zeilen findest, werden wir wohl nicht mehr unter den Lebenden zu rechnen sein", schreiben sie im April 1942 in einem Brief an August Förste, Eugen Epsteins Pflegevater. "Ich saß an deinem Schreibtisch still und stumm, die Tränen rannten mir von meinen Wangen", setzt der Ziehsohn hinzu, "jedoch es half alles nichts, die Stunde nahte und wir mussten uns trennen."

Eugen und Margot Epstein sind zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre alt. Und sie sind Juden, in einer Zeit, in der diese Abstammung einem Todesurteil gleichkommt. Sie müssen ihre Heimat zurücklassen, ihre Lieben, ihr Leben. Zunächst verschlägt es sie in ein Sammellager nach Berlin, von dort ins Warschauer Ghetto, wo sie getrennt werden. Von Eugen Epstein verliert sich an diesem Punkt jede Spur. Margot Epstein schreibt weiter nach Hause, an August Förste. Herzzerreißende Briefe und erschütternde Zeugnisse von Hunger, Not und Zwangsarbeit.

Fünf Jahre früher, im Oktober 1937, haben Margot und Eugen Epstein geheiratet. Sie beziehen eine gemeinsame Wohnung in der Eberswalder Straße in Lichterfelde. Dort, vor dem Haus mit der Nummer 51, kommen nun "Stolpersteine" ins Pflaster des Bürgersteigs, um an ihr Schicksal zu erinnern.

Mit diesen Messingtafeln bewahrt der Kölner Künstler Gunter Demnig in ganz Europa das Andenken an Menschen, die zur Zeit der Nationalsozialisten vertrieben und vernichtet worden sind. Ihren Namen, das Geburtsjahr, Jahr und Ort der Deportation sowie Angaben zu ihrem Schicksal graviert er in die matt glänzenden Tafeln ein. In Eberswalde gibt es bereits etliche, in Finowfurt und Groß Schönebeck sind sie auch zu finden.

Wenn Lichterfelde am 16. November, am Buß- und Bettag, um 12 Uhr seine "Stolpersteine" bekommt, wird es der Künstler selbst sein, der sie in den Boden bringt. "Davor und danach gibt es ein kleines Programm", sagt Ulf Haberkorn vom Evangelischen Pfarramt Finowfurt, zu dem auch die Lichterfelder Gemeinde gehört. Was genau geboten wird, das werde derzeit noch besprochen, berichtet der Pfarrer. Die Evangelische Gemeinde übernimmt die Kosten für die kleinen Gedenktafeln im Trottoir - 120 Euro pro "Stolperstein".

Die Idee jedoch, auf diese Weise an die Epsteins zu erinnern, geht auf Karl-Heinz Masuhr zurück. Er ist lange Jahre selbst in der Gemeinde aktiv gewesen, bis er vor fünf Jahren seine Ämter niedergelegt hat. Seither ist sein Engagement ungebrochen - nun unter anderem dafür, das Andenken an Margot und Eugen Epstein zu bewahren. "Das Projekt läuft fast zwei Jahre", sagt er.

Aufmerksam geworden auf das Schicksal der beiden ist Masuhr durch einen Artikel in den "Heimatkundlichen Beiträgen", die vom Eberswalder Museum herausgegeben werden. Persönlichen Kontakt zu den Hinterbliebenen hat er auch: "Die Großnichte von Eugen Epstein wohnt noch heute nebenan", berichtet der Lichterfelder. Eine aktuelle Ausstellung über Margot und Eugen Epstein in der Kirche des Schorfheider Ortsteils hat Masuhr ebenfalls initiiert. Seit gut zwei Monaten sind dort Zeugnisse aus dem kurzen Leben der Epsteins zu sehen: die Originale der Briefe, das Hochzeitsfoto des Paares und eine Schautafel über ihr Schicksal.

Die Nachforschungen der Angehörigen nach dem Verbleib von Eugen Epstein sind auch in den Nachkriegsjahren ergebnislos geblieben. Das letzte Lebenszeichen, das Margot Epstein zugerechnet wird, erreicht August Förster im Sommer 1943. Unter einem Decknamen bekommt er eine Postkarte - aus dem Konzentrationslager Theresienstadt.

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