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Sucht nach Selbstzerstörung

Schluss mit Hoffnungsschimmer: Schüler setzen sich mit Gefährdungen ihrer heiteren Selfie-Generation auseinander; vorn: Lara Pohlers als Jenny (Mohns Freundin), Jan Henkel als Mohn, hinten: Dominik Stephen, Jessika Ehmer, Marcin Lakomiak, Laura Stein.
Schluss mit Hoffnungsschimmer: Schüler setzen sich mit Gefährdungen ihrer heiteren Selfie-Generation auseinander; vorn: Lara Pohlers als Jenny (Mohns Freundin), Jan Henkel als Mohn, hinten: Dominik Stephen, Jessika Ehmer, Marcin Lakomiak, Laura Stein. © Foto: MOZ/Uwe Stiehler
Uwe Stiehler / 03.11.2016, 06:29 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Mit der Droge Crystal Meth beschäftigt sich ein Theaterstück, das am Theater Frankfurt jetzt mit Jugendlichen inszeniert wurde. Frank Radüg hat es einstudiert.

Crystal Meth schenkt Glücksgefühle, die in den Wahnsinn treiben und den Körper auffressen und das ganz schnell. Es gab mal eine Fotoserie, Faces Of Meth heißt sie, die mit Vorher-Nachher-Bildern dokumentierte, wie diese Droge aus Menschen Zombies macht - innerhalb von drei Monaten. Kein Stoff macht schneller abhängig, kein Stoff wirkt so zerstörerisch. Crystal wirkt tausendmal stärker als eine natürliche Dopamin-Ausschüttung.

Das Zeug, das aussieht wie Kandis-Zucker, wird auch in Brandenburg zum Problem. Im Süden des Landes vor allem. Die Crystal-Meth-Welle schwappt von Sachsen aus ins Land. Der Freistaat wiederum wird vor allem von Tschechien aus mit der Droge geflutet, die in Sachsen so weit verbreitet ist wie in keinem anderen Bundesland.

Weder der brandenburgische Landtag, der Ende September über Crystal diskutierte, noch die Landesregierung haben bisher einen Überblick darüber, wie viele Crystal-Meth-Abhängige es in Brandenburg gibt. Man weiß nur, dass vor allem im Süden die Suchtberatungsstellen immer mehr Crystal-Junkies betreuen. Statistisch erfasst ist auch, dass im Zuständigkeitsbereich der Kriminalpolizei Cottbus/Spree-Neiße jeder zweite Diebstahl von einem Crystal-Abhängigen begangen wird. Die Landtagsfraktion der CDU sah sich deshalb herausgefordert, ein Konzeptpapier zur Prävention und zur Bekämpfung des Crystal-Handels auszuarbeiten. Doch die Landesregierung schiebt das Problem noch vor sich her, beziehungsweise auf die an Sachsen grenzenden Landkreise ab.

Aber die Kunst hat sich dessen bereits angenommen. Da gibt es einmal den Song "Crystal Meth in Brandenburg" von dem Rapper Grim104. Das Video zum Lied, das eine Art wüste Horror-Variation von Rainald Grebes Brandenburg-Song ist, wurde im Netz schon mehr als 300 000 Mal geklickt. Nicht so martialisch aber näher am Problem ist, was das Theater Frankfurt mit dem Stück "Crystal Baby" zeigt, das am Freitag Premiere hat und am Sonnabend noch mal gezeigt wird. Es erzählt von Mohn, einem Jugendlichen, der ständig Geldprobleme hat. Er lässt seine Freundin glauben, das seien Spielschulden. Seinen Crystal-Konsum kann er eine Zeit lang kaschieren. Aber er strudelt immer tiefer in den Teufelskreis aus Sucht, Geldnot, Gewalt, Lügen und Kriminalität. Er beklaut seine Mutter und würde sogar seine Freundin als Sexopfer an seinen Dealer verkaufen...

Geschrieben hat das Stück Frank Radüg, der es mit Schülern des Karl-Liebknecht-Gymnasiums in Szene setzt. Für sie hat das Ganze einen sehr realistischen Hintergrund. Sie wissen, dass man schon in ihrem Alter auch in Frankfurt an jede Droge rankommt. Junkies sind sie deshalb nicht.

Mit Jugendlichen so etwas einzustudieren sei faszinierend, sagt Christina Hohmuth (Choreografie und Musik), weil sie sich mit den Gefährdungen und den bösen Schatten ihrer heiteren Selfie-Generation auseinandersetzen müssen. Auf der anderen Seite ist die Arbeit mit ihnen nicht ganz einfach. Sich fürs Theater zu disziplinieren, erforderte einen gewissen Lernprozess.

Die jungen Darsteller werden in diesem von der Stadt Frankfurt geförderten Stück weniger die gesundheitlichen Risiken ausmalen, sondern spielen, wie Crystal das soziale Verhalten und die sozialen Bindungen des Abhängigen weg ätzt. "Wir wollen zeigen", sagt Christina Hohmuth, "was die Droge, die ich nehme, mit denen macht, die mich lieb haben, die mir wichtig sind." "Crystal Baby" findet da einen Schluss mit Hoffnungsschimmer. Das haben die Droge und ihre Dealer zwar nicht verdient. Aber mit einem Schocker-Ende sollten die Jugendlichen nicht zurückgelassen werden.

Aufführungen: 4.11. (Premiere), 5.11. , jeweils 19.30 Uhr, 16.11. (auf Vorbestellung), 9.30 Uhr, Theater Frankfurt, Sophienstraße 1, Tel. 0335 64957

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