Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Aus Liebe in die DDR ausgewandert

Schwere Entscheidung: Gerlinde Breithaupt zog der Liebe wegen 1981 in die DDR.
Schwere Entscheidung: Gerlinde Breithaupt zog der Liebe wegen 1981 in die DDR. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 03.11.2016, 07:06 Uhr
Berlin (MOZ) Sie gingen aus Liebe, flohen vor Strafverfolgung, suchten ein besseres Leben oder kehrten einfach wieder zurück - rund 500 000 Menschen zogen von 1949 bis 1989 freiwillig in die DDR. Das eher unbekannte Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte wird nun erstmals in einer eigenen Ausstellung beleuchtet.

Es ist eigentlich nur Neugierde, die Gerlinde Breithaupt 1977 das erste Mal in die DDR treibt. Die junge Theologie-Studentin aus Hannover will die Geburtsstadt ihres Vaters sehen. Doch in Erfurt lernt sie auch den jungen Joachim kennen. Eine Liebe mit Hindernissen. Der alte Kalender, in denen das Ost-West-Paar die 30 Tage rot angestrichen hat, an denen es sich sehen durfte, hängt nun auf einer Ausstellungstafel in der Gedenkstätte Marienfelde, gleich neben ihrem schwarzweißen DDR-Hochzeitsfoto.

In dem ehemaligen Notaufnahmelager West-Berlins wird seit 1993 an die Fluchtbewegung von Ost nach West erinnert. Doch ab Mittwoch werden dort erstmals auch die kaum bekannte Geschichte der Menschen erzählt, die von der Bundesrepublik in die DDR übersiedelten.

Gerlinde Breithaupt machte sich die Entscheidung damals nicht leicht. "Ich hatte viele innere Kämpfe". Freunde schütteln nur den Kopf und reagieren mit Entsetzen auf ihre Umsiedlungspläne. Auch die Eltern machten sich Sorgen. "Doch sie haben mir keine Steine in den Weg gelegt", ist die 63-Jährige heute dankbar.

Nachdem sich die Evangelische Kirche bei den DDR-Behörden für das Paar einsetzt, kann sie 1981 einreisen. Sie muss ihren Pass ab-, und damit auch ihre westdeutsche Staatsangehörigkeit abgeben. "Das war schon ein schmerzlicher Moment." Dass es eine Entscheidung aus Liebe ist, will ihr die Staatssicherheit lange nicht abnehmen. Das Telefon des Pastoren-Ehepaars wird jahrelang überwacht. Immer wieder versucht man ihnen Fallen zu stellen. "Ein Besucher bot uns Devisengeschäfte an. Ein Bekannter bat um Hilfe bei einer angeblichen Flucht in den Westen."

Die Staatssicherheit und das Misstrauen spielten auch in den meisten anderen der insgesamt 20 Biografien eine Rolle. Da gibt es die Spione, die vor der Enttarnung im Westen in die DDR geholt werden. Oder RAF-Aussteiger wie Inge Viett, die jahrelang mit ihrem ahnungslosen Mann und Sohn in der DDR untertaucht. Aber da ist auch die Hürdensprinterin Karin Richter, die 1958 gemeinsam mit ihrem Trainer die DDR verlässt. Die DDR-Sportführung will den "Verrat" nicht dulden. Mit massiven Drohungen gegen Richters Geschwister werden beide zur Rückkehr genötigt und von der Propaganda als reuige Sünder präsentiert.

Von der regen Wanderbewegung in beide Richtungen zeugt eine Grafik in der neuen Schau. Bis zu 70 000 Menschen zog es in den 50er-Jahren jährlich in die DDR. Nach dem Mauerbau waren es im Durchschnitt immer noch 2000 im Jahr. "Interessanterweise war es meist nicht politische Überzeugung, sondern wirtschaftliche oder private Gründe, die zu dem Entschluss führten", berichtet Kuratorin Eva Fuchslocher. Manche seien vor Schulden oder Strafverfolgung geflohen, andere waren Rückkehrer, die ihre Familie vermissten. Auch das in der DDR propagierte "Anrecht auf Arbeit" sei ein Beweggrund gewesen. "Wer freiwillig in die DDR kam, dem wurden teilweise Wohnraum und vergünstigte Kredite verschafft", erklärt die Ausstellungsmacherin.

Privilegien, die aber auch für große Vorbehalte sorgten. Frauke Naumann, die 1986 zu ihrem Verlobten nach Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern zog, berichtet, wie sie von den neuen Kollegen im zugewiesenen Betrieb geschnitten wurde. "Wenn ich mich mittags an den Tisch setzen wollte, standen alle auf." Die ersten Wochen im zentralen Aufnahmeheim Röntgental beschreibt Frauke Naumann wie ein Leben in einem Gefängnis. In der Quarantänestation muss sie sich nackt untersuchen lassen. Die täglichen, stundenlangen Verhöre empfindet die junge Frau als demütigend und einschüchternd.

Gerlinde Breithaupt muss die Schikanen der Aufnahmeheime nicht über sich ergehen lassen. In der kleinen evangelischen Gemeinde in Roßlar, in der sie ihr Vikariat macht, wird sie herzlich aufgenommen. "In der DDR war die Kirche ein heimeliger und vertrauter Raum - das hat mir alles sehr viel leichter gemacht." Die Gehälter sind dagegen alles andere als üppig. Im Pfarrgarten muss das Stadtkind lernen, Obst anzubauen und einzukochen und ein bisschen zusätzliches Geld damit zu verdienen. Auch wenn sie sich über ein paar Apfelsinen im Westpaket der Eltern freut, findet sie es nur gerecht, so zu leben, wie es die anderen auch müssen.

Ihren Entschluss überzusiedeln, hat Gerlinde Breithaupt, die sich bis heute in der Thüringischen Landeskirche engagiert, nie bereut. Die Friedliche Revolution war für sie dennoch eine große Erleichterung. "1990 wurde mein ältester Sohn eingeschult. Ich bin froh, dass ihm so das autoritäre Schulsystem erspart blieb."

Die Wanderausstellung "Wechselseitig. Rück- und Zuwanderung in die DDR" bis 17. April in der Gedenkstätte Marienfelder Allee 66/80, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt frei

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG