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Probleme, Widersprüche, Träume

Und was ist dein Lieblingsfach? Austausch gab es u. a. mit den Kindern der Ambedkar-Slumschule in Vijayawada
Und was ist dein Lieblingsfach? Austausch gab es u. a. mit den Kindern der Ambedkar-Slumschule in Vijayawada © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 14.11.2016, 06:36 Uhr
Strausberg (MOZ) Drei Wochen waren sie in Indien unterwegs - elf Schüler und Studenten u. a. vom Oberstufenzentrum MOL. Die Bildungsreise war eine vielfältige Begegnung mit einem Land im Wandel, mit Widersprüchen, Problemen und Hoffnungszeichen.

Intensiv hatten sich alle vorbereitet. Vier Wochenendseminare absolviert, zudem ergänzend das eine oder andere Buch gelesen. Ein kleiner Kulturschock bleibt trotz alledem. Die ganz charakteristische Duftkulisse in den Straßenzügen, die sich mit Worten kaum beschreiben lässt und einfach "typisch indisch" riecht. Die Menschenmassen in den großen Städten und das Gedränge, wenn beispielsweise bei den Vorortzügen in Mumbai (Bombay) die Zusteigenden nicht etwa warten, bis jene draußen sind, die an diesem Bahnhof raus wollen. Das Essen, das zwar zumeist lecker ist, aber in teils ungewöhnlichen Gerichten daherkommt. Vada (eine Art Donut), Idly (gedämpfter Grieß), Masala Dosa (mit einem herzhaften Crepe vergleichbar) oder Puri (aufgeplustertes Fladenbrot) werden da zur täglichen Frühstücksauswahl. Und dann sind da noch das enorme Interesse der Einheimischen an den hellhäutigen Gästen, das viele Händeschütteln zu Woher-Wohin-Fragen und die unzähligen Wünsche nach einem Foto. Spätestens nach dem 20. binnen einer Viertelstunde sehr nervend.

Gleich am ersten Tag, in der Sieben-Millionen-Metropole Hyderabad, stand die Besichtigung einer Solarfabrik auf dem Programm. Nicht nur das Thema Energieversorgung - 100 000 der 600 000 indischen Dörfer haben noch immer keinen Stromanschluss - spielte da eine Rolle. Sondern die Jugendlichen sahen auch, wo jene speziellen Solar-Leselampen produziert werden, von denen sie im Reiseverlauf mehr als 100 Stück, für die daheim Spenden übergeben wurden, überreichten. Ein Licht der Hoffnung für Kinder in urbanen Slums und Dörfern auf dem Land, die damit auch abends noch lesen und Hausaufgaben machen können. Und dass Bildung zum wichtigsten Motor im Kampf gegen Armut gehört, wurde unterwegs immer wieder deutlich.

Auch für Nähmaschinen hatte die Gruppe Spenden dabei. Sie wurden in der kleinen Textilstadt Sircilla überreicht - an junge Frauen, die einen sechsmonatigen Schneiderkurs besucht haben. Pfarrer Sam Kalwala, einer der lokalen Partner der Gesellschaft für solidarische Entwicklungszusammenarbeit (GSE, der Trägerverein der Bildungsreise), hat dieses Projekt ins Leben gerufen, um für Zukunftschancen zu sorgen. Die erfolgreichen Kursteilnehmerinnen strahlen ein neues Selbstbewusstsein aus: "Endlich kann ich selber zum Familieneinkommen beitragen", sagt dankbar die 20-Jährige Soni, die mit ihrer verwitweten Mutter, Bruder, Schwägerin und deren Kindern zusammenlebt.

Vor allem der intensive Kontakt zu den ehemaligen Straßenkindern beim Verein SKCV in der Millionenstadt Vijayawada wird den jungen Brandenburgern und Berlinern gut in Erinnerung bleiben. Im SKCV-Jungendorf, direkt am Ufer des aufgestauten Krishna-Flusses, half die Gruppe zwei Tage beim Streichen mehrerer Häuser. Das Vorgängerteam 2014 hatte seinerzeit im Mädchenzentrum die Schule neu gemalert.

Anregenden Austausch gab es gerade mit den Zehntklässlern, die ordentlich englisch sprechen, in der Dr.-Ambedkar-Slumschule, wo Kinder aus besonders armen Familien einen kostenlosen Bildungszugang erhalten. Ein Projekt, das auch schon seit Jahren zu den aus Märkisch-Oderlnad unterstützten Einrichtungen gehört. Genauso wie der Frauenverein VMM, wo sich die Jugendlichen u. a. mit 15 jungen Frauen unterhielten, die im Krisenzentrum Zuflucht vor Misshandlung durch ihre Ehemänner oder sonstige Drangsalierungen gefunden haben. Bei VMM erhalten sie eine Ausbildung, und erstaunlich offen erzählten sie vom Leidensweg zuvor und neuen Zukunftsplänen. "Das hat mich sehr berührt", so Theres Steingräber (18/Neuenhagen) in der Auswertungsrunde vor der Heimreise.

"Ich habe gelernt, dass man im Leben nur recht wenige Dinge wirklich braucht", nahm Dominique Penkert (19/Neuenhagen) als wichtigste Erkenntnis der drei Wochen für sich mit. Dass es in der indischen Gesellschaft so viele Unterdrückungsmechanismen gibt, sei es gegenüber Frauen oder niederen Kasten, bewegt Svenja Tscherniewski (18/Altlandsberg) auch weiterhin. "Ich habe mich zwischendurch öfter gefragt, wie das Land wohl in 50 Jahren aussehen wird." Und nicht nur Duane Pohl (23/Neuenhagen) war berührt, wie viele Stunden pro Tag viele Inder schuften, um ein paar Rupien für ihre Familien zu verdienen. Bereits das zweite Mal war Robin Prinz (17) dabei. Noch intensiver als 2014 fand er die letzten drei Tage in der 25-Millionen-Metropole Mumbai, wo die Gruppe mit Vertretern einer Umweltorganisation zu Themen wie Müll und Energiewende diskutierte, sich zwei Slums ebenso anschaute wie als Kontrast das eine Milliarde Dollar teure Privathaus des Industriellen Mukesh Ambani.

Die Reise wurde über das Programm Jugend für Entwicklungszusammenarbeit des Landes und der Stiftung Nord-Süd-Brücken gefördert, Bildungsminister Günter Baaske als Schirmherr des Projekts hatte die Gruppe vor Abflug in Potsdam empfangen.

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