Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Herausforderung Barrierefreiheit

Schon umgerüstet: Detlef Bröcker und Sebastian Stahl, Geschäftsführer und Betriebsleiter der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn an einem Fahrzeug, das zu 30 Prozent, nämlich im mittleren Zugteil, barrierefreie Ein- und Ausstiege hat.
Schon umgerüstet: Detlef Bröcker und Sebastian Stahl, Geschäftsführer und Betriebsleiter der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn an einem Fahrzeug, das zu 30 Prozent, nämlich im mittleren Zugteil, barrierefreie Ein- und Ausstiege hat. © Foto: Detlef Bröcker
Martin Stralau und Joachim Egge / 16.11.2016, 20:15 Uhr
Schöneiche/Woltersdorf/Gosen-Neu Zittau (MOZ) Die Vorgabe der EU, bis zum Jahr 2022 vollständige Barrierefreiheit im Öffentlichen Personennahverkehr zu schaffen, stellt auch die Straßenbahnbetriebe in Woltersdorf und Schöneiche vor Herausforderungen. Dabei ist man in Schöneiche deutlich weiter.

"Was den Zeitplan zur Umsetzung der Barrierefreiheit angeht, bin ich total fassungslos", sagt Monika Viktor, Geschäftsführerin der Woltersdorfer Straßenbahn GmbH. Denn Barrierefreiheit bedeute, dass Fahrgäste ohne jede fremde Hilfe zurecht kommen müssten. "Da geht es nicht nur darum, Haltestellen und Bahnen bezüglich der Einstiegsmöglichkeiten umzurüsten. Wir müssen auch Anzeigetafeln und Durchsagemöglichkeiten einrichten, um Gehörlose und Blinde über Fahrten zu informieren", nennt sie weitere Beispiele. Zumindest die beiden letzten Punkte seien gerade in Vorbereitung.

Selbst wenn jetzt "jemand den Geld-Koffer öffnet", um damit alle Aspekte der Barrierefreiheit erfüllen zu können, sagt sie, würde es an den Kapazitäten der Baufirmen scheitern, das bis 2022 umzusetzen. Monika Viktor sieht derzeit hinsichtlich des Themas keinen Handlungsauftrag für die Woltersdorfer Straßenbahn. Die Geschäftsführerin wartet auf Signale des Aufgabenträgers, also des Landkreises. Er und die Gemeinde halten jeweils die Hälfte der Anteile an dem Unternehmen. "Der Kreis hat einen Planungsauftrag. Er muss sagen, was wir machen sollen, ob unsere Straßenbahn als Alleinstellungsmerkmal erhalten bleiben soll, ob es Ausnahmen von der Barrierefreiheit gibt und so weiter."

Keiner der sieben Gothawagen (Baujahre 1959-1961) ihrer Straßenbahn sei barrierefrei, bei den Haltestellen wäre es nur der Berliner Platz, wenn die Fahrzeuge entsprechende Einstiegsmöglichkeiten hätten, sagt Monika Viktor. Und der Kauf neuer Fahrzeuge sei anders als bei anderen Verkehrsbetrieben mit einer besonderen Schwierigkeit verbunden. Denn alle Züge der Woltersdorfer Straßenbahn seien schmaler und kürzer als die, die es derzeit auf dem Markt gebe. "Wenn wir neue kaufen, müssten wir unseren Betriebshof umbauen für Wartungs- und Reparaturarbeiten. Oder es müssten für uns Fahrzeuge gebaut werden. So lange uns aber niemand sagt, was von uns verlangt wird, bringt es nichts, Bahnen zu kaufen. Das könnte zu Fehlinvestitionen führen", sagt Monika Viktor, die "ein gut aufgestelltes Unternehmen führt, das keine Kredite bedienen muss und jährlich zwischen 650 000 und 700 000 Fahrgäste transportiert".

Ein gutes Stück weiter ist die Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn, die ebenfalls schuldenfrei ist und 950 000 Fahrgäste pro Jahr befördert. "Unsere Haltestellen sind barrierefrei", sagte Geschäftsführer Detlef Bröcker am Montag bei einem Vor-Ort-Termin, den die Schöneicher Ortsverbände von Bündnis90/Die Grünen und Die Linke für Lokal- und Landespolitiker zu diesem Thema organisiert hatten. Von den sieben Zügen des Betriebes, dessen Gesellschafter zu 70 Prozent die Niederbarnimer Eisenbahn AG und zu jeweils 15 Prozent die Gemeinden Rüdersdorf und Schöneiche sind, seien drei zu 30 Prozent barrierefrei. Bei diesen Fahrzeugen, die auf jeder zweiten Fahrt eingesetzt werden, hat das mittlere der drei Zugteile barrierefreie Ein- und Ausstiege. "Wir bräuchten drei bis vier neue Fahrzeuge, mit denen wir unsere alten aus den 1970er-Jahren ersetzen könnten", sagt Detlef Bröcker. Ein neuer Zug würde 2,5 bis 2,8 Millionen Euro kosten. "Das ließe sich nur über eine Förderung finanzieren", fügt er hinzu. Bröcker freut sich daher, dass im Landtag derzeit darüber diskutiert wird, die Mittel, die das Land pro Jahr als Zuschuss an alle Straßenbahn- und O-Bus-Betriebe ausreicht, auf zehn Millionen Euro zu verdoppeln.

Barrierefreiheit spielt auch in Gosen-Neu Zittau eine Rolle. Die Fraktion Bürgernah scheiterte in der jüngsten Gemeindevertreter-Sitzung mit einem Antrag zu dem Thema. Sie wollte erreichen, dass der Ortsentwicklungsausschuss eine "Anforderungs- und Bedarfsanalyse zur Sicherung der Barrierefreiheit an Bushaltestellen" erarbeitet. Thomas Schölzchen, der Vorsitzende des Ausschusses, reagierte verblüfft: "Die Barriere ist doch beim Einsteigen." Fraktions-Mitglied André Organiska verwies auf die Schwierigkeiten seiner behinderten Frau, überhaupt zur Bushaltestelle zu kommen. Dafür reiche eine Begehung, meinte Schölzchen.

Wie Organiska auf Nachfrage erläuterte, bezieht er sich vor allem auf die fehlenden Bürgersteige im Umfeld mehrerer Bushaltestellen, so in Burig, aber auch gegenüber der Kita "Rappelkiste" in der Berliner Straße in Neu Zittau.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG