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Problemwolf wird nicht akzeptiert

Fakten geliefert: Simon Harnisch (rechts) erläuterte die derzeitige Lage um die Wolfspopulation in Brandenburg. In Ostprignitz-Ruppin ist in diesem Herbst ein Rudel nachgewiesen worden - erstmals seit dem Aussterben der Art vor mehr als 150 Jahren.
Fakten geliefert: Simon Harnisch (rechts) erläuterte die derzeitige Lage um die Wolfspopulation in Brandenburg. In Ostprignitz-Ruppin ist in diesem Herbst ein Rudel nachgewiesen worden - erstmals seit dem Aussterben der Art vor mehr als 150 Jahren. © Foto: MZV
Christian Schönberg / 22.11.2016, 18:55 Uhr
Fretzdorf (MZV) Nach der Ansiedlung eines Wolfrudels in Ostprignitz-Ruppin wächst die Sorge der Landwirte, dass ihre Herden Opfer von Tierrissen werden. Das wurde beim Kreisbauerntag am Dienstag in Fretzdorf deutlich.

Dabei geht es nicht allein um Tierverluste. Was zum Beispiel, wenn eine vom Raubtier gehetzte Beute einen schweren Verkehrsunfall verursacht? Das fragt sich zum Beispiel Mutterkuh-Halter Jürgen Schindler aus Walchow. Rein versicherungstechnisch könnte das zum Problem werden. Die bestehende Versicherung würde den Schaden vielleicht abgelten. Aber bei zunehmender Zahl der Risse, könnten die Versicherer gezwungen sein, die Beiträge empfindlich zu erhöhen.

Tatsächlich ist solch ein Szenario - wie wahrscheinlich es auch sein mag - im derzeitigen Wolfsmanagementpan nicht berücksichtigt. Das gab auch Staatssekretärin Dr. Carolin Schilde zu, die Gast beim Kreisbauerntag im Rasthof an der A 24 war. "Wir werden uns künftig damit auch beschäftigen", sagte sie. Letztlich könnte solch ein Fall aber auch auf ein richterliches Urteil hinauslaufen.

Tatsächlich, das machte Schilde deutlich, ist derzeit vieles in Bewegung. Denn es lässt sich nicht ausblenden, dass mit der steigenden Zahl der Wölfe auch die Schäden für Landwirte ansteigen. Knapp 40700 Euro hat das Land für Nutztierschäden ausgegeben - fast viermal mehr als 2015, als es mit Wolf-riss-Zuschüssen von 11500Euro schon einen Rekord gab. 2013 waren es nur 6000Euro. Wer einen Verlust hat, muss bisweilen sechs Monate auf den Schadensausgleich warten. "Die Bearbeitung darf nicht so lange dauern", fand beispielsweise der Sieversdorfer Landwirt Henning Hartmann. Solche langen Bearbeitungszeiten ärgern ihn auch deshalb, weil sie typisch sind: Auch beim Biber werde viel zu lange zugesehen, wie er Straßen untergräbt und Infrastruktur zerstört, sagte Hartmann.

Tatsächlich können Landwirte glücklich sein, wenn sie überhaupt Geld erhalten. Das machte Dr. Simon Harnisch vom Landesbauernverband deutlich: "Hobbytierhalter bleiben grundsätzlich unberücksichtigt", führte er aus. Zudem scheitert ungefähr die Hälfte der Anträge auf Schadensausgleich an formalen Hürden. So bekommt nur Geld, wer nachweisen kann, dass er alle Vorkehrungen dafür getroffen hatte, dass Raubtiere nicht ans Vieh gelangen, zum Beispiel durch Schutzzäune oder -hunde. Weidetierhalter haben nun mit einem höheren Aufwand zu kämpfen, gab Harnisch zu bedenken.

Für vorbeugende Maßnahmen zahlt das Land auch: 600000Euro waren es bis 2015, in diesem Jahr allein schon 200000Euro. Allerdings sind dabei nur 15 Anträge bewilligt worden. Der Bedarf ist höher, wie auch Schilde und ihr Ministerium erkannt haben. "Es gab eine Reihe von Ablehnungen aus formalen Gründen", sagte sie den Landwirten. Das Problem: Die Bewilligung des Gelds an den Präventionsmaßnahmen hängen an einer bestimmen Richtlinie, die bestimmte Formalien erfüllt sehen will. Das Ministerium will nun diese Maßnahmen in eine andere Richtlinie legen, so dass das ganze Jahr über ein Antrag zum Beispiel auf einen Herdenschutzhund gestellt werden kann - was bislang offenbar nicht der Fall war.

Schilde verwies im Übrigen auf den neuen Sieben-Punkte-Plan des Landes. Er sieht die Einstellung von einem Wolfs- und einem Herdenschutzbeauftragten vor (RA berichtete). Aber es geht in ihm auch um die - nicht näher quantifizierte - Aufstockung der Mittel für Schäden und für die Vorbeugung. Aufgebaut werden soll ein Herdenschutz- und Wolfsinformationszentrum in Groß Schönebeck bis 2018. Nicht zuletzt geht es um Überlegungen, gegen Wölfe vorzugehen. Zwar sind sie streng geschützt. Aber Staatssekretärin Schilde verwies darauf, dass beim Auftreten eines Problemwolfs oder -rudels künftig "eine schnelle fachliche Expertise" herangeholt werden wird. Ähnlich wie ein Biber wird ein Wolf dann vielleicht nicht geschossen, aber, wie es im Behördenjargon heißt, "entnommen" oder "vergrämt". Und sollte das nicht funktionieren, sei auch ein Abschuss nicht ausgeschlossen.

Immerhin gibt es die Frage nach solch einem Tier, das seine Scheu vor Menschen und menschlichen Behausungen völlig verloren hat, in Brandenburg anders als in Sachsen noch nicht - geschweige denn in Ostprignitz-Ruppin. Aber bei den Bauern trifft man dabei auf offenen Rudel: "Wir sind keine Wolfsfeinde", betonte der Geschäftsführer des Ostprignitz-Ruppiner Kreisbauernverbands. "Aber ein Wolf muss da bleiben, wo er hingehört - und das ist nicht bei unseren Tieren."

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