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Independent-Band Sandow arbeitet an ihrer nächsten Scheibe

Im Schlamm der Neugeburt: Band Sandow
Im Schlamm der Neugeburt: Band Sandow © Foto: Marek kucera
Thomas Klatt / 09.12.2016, 19:48 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Kai Uwe Kohlschmidt will es noch mal wissen. Der Frontman der Band Sandow arbeitet mit den drei weiteren Musikern Chris Hinze, Tilman Berg und Tilman Fürstenau wieder an einer CD. "Entfernte Welten" wird sie heißen, einige Texte sind bereits fertig, die Songs stehen schon und müssen nur noch aufgenommen werden. "Da ist noch einiges zu tun", sagt Kohlschmidt, der in den letzten Jahren zu einem gut gebuchten Komponisten für Fernsehfilme, Hörspiele und TV-Produktionen geworden ist und ebenso wie der Musiker und Bildhauer Chris Hinze auch mit anderen Projekten stark beschäftigt ist.

"Spätestens im Sommer soll das Album auf dem Markt sein", sagt Kohlschmidt, für den Herbst zum 35. Bandjubiläum planen sie eine deutschlandweite Tournee. Sandow gründete sich 1982 in Cottbus. Anders als manche nach Westen schielende Kapelle, nannte sie sich trotzig nach einem Cottbuser Plattenbaugebiet, das an das alte Sandow, ein Arbeiterviertel, andockte. Kohlschmidt und Hinze, die beiden "Urväter" der Band, waren hier aufgewachsen. Später galt Sandow als eine der bekanntesten DDR-Bands. Verortet wurden die vier, die sich damals selbst als Punks sahen, unter dem Begriff "die anderen Bands", was später als Markenzeichen für Text und Musik stand, die als nicht Hitparaden-kompatibel galt. Mit "Born In The GDR", frei nach Springsteens "Born In The USA" intoniert, liefen sie trotz kritischem Untertext zum Ende der 80er im Jugendsender DT 64 rauf und runter. Sieben Platten hatten sie seit 1990 gemacht, die letzte hieß "Kiong - Gefährten der Liebe".

Dass auch diesmal die Texte nicht einfach sein würden, war vorauszusehen. Sandow-Songs sind schon immer von komplizierter Struktur, anders als die von Rammstein, die zu Anfang der 90er in Potsdam ihre Vorband war. "Amerika. Am Fuße des Wahnsinns - Fleisch zieht vorüber. Geschwüre und Schnaken. Mit kalten Händen im grünen Gestrüpp", heißt es bei Sandow. Das klingt eher nach herber Gesellschaftskritik. "Da haben wir uns nicht geändert", sagt Kohlschmidt, von dem auch die Texte kommen. In einem anderen Text heißt es dadaistisch-politisch: "Ägyptien verwitwien/Algerien belehrien. Libyen betrügien / Burundien abrundien. Äthiopien belobigen. Somalia Fäkalia. Arabien begradien / andernfalls begrabien."

Alle paar Jahre muss Kohlschmidt, der am Schwielochsee lebt, raus in die Welt. Expeditionen mit der Künstlergruppe "Mangan 25" führten ihn auf den Nanga Parbat, in die Arktis und nach Papua Neuguinea. In Australien fand Kohlschmidt den Punkt, an dem der Australienforscher und Nationalheld Ludwig Leichhardt seine letzten Markierungen hinterlassen hat, bevor er im Outback für immer verschwand.

Im Jahr 2012 ging es auch eine Nummer kleiner. Da fuhren sie mit Kajak-Seglern die Grenzflüsse Neiße und Oder hinunter. Kohlschmidts Konzept: Ungewöhnliche Leute, egal ob tot oder lebendig, nach dem Sinn von Grenzen "befragen" - wie den Görlitzer Philosophen und Mystiker Jakob Böhme (1575-1625) den Fürsten Pückler (1785-1871), den Gubener Leichendoktor Gunther von Hagens oder den Frankfurter Konzeptkünstler Michael Kurzwelly.

Die neue Scheibe entsteht bei Jürgen Block, dem Techniker von Keimzeit in Bad Belzig. Zur sicheren Finanzierung hat die Band eine Crowdfounding-Aktion gestartet. In den wenigen Wochen seit dem Start sind mehr als 10700 Euro eingegangen. Wohl ein Zeichen dafür, dass Sandow noch immer einen guten Namen hat.

"Entfernte Welten" ist stilistisch im Avantgarderockbereich zu verorten. Das Album "bereist weit entfernte Orte und verhandelt Ideen, die es nicht mehr gibt oder die wieder gedacht werden müssen", ist auf der Crowdfunding-Seite zu lesen. Als Belohnung für Unterstützer winken neu aufgelegte Edel-Vinyls der Band, ein gemeinsames Essen und mehrere Arbeiten von Chris Hinze, der seit Kurzem in Potsdam ein spektakuläres Schiff aus Holz ausstellt - als ein Bild für die Irrfahrten der Menschheit.

Bei der kritischen Betrachtung der Welt sind sich Kohlschmidt und sein Gitarrist Hinze treu geblieben. "Ich hab keine Ambitionen, den Sozialismus neu zu denken", sagt Kohlschmidt. "Aber es muss eine Alternative geben zu dem, wie wir jetzt leben. Wir sollten diese Alternative finden - wenn nicht draußen in der Welt, dann bei uns selbst."

Mehr Informationen unter: www.sandow.de, Cowdfunding: http://startnext.com/sandow

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