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Interviews mit Flüchtlingen aus zwei Jahrhunderten

Vertreibung gestern und heute als Schau in Oranienburg

Dreiklang: In deutscher, englischer und arabischer Sprache sang zur Eröffnung der Ausstellung ein Chor, der zu großen Teilen aus Flüchtlingskindern besteht.
Dreiklang: In deutscher, englischer und arabischer Sprache sang zur Eröffnung der Ausstellung ein Chor, der zu großen Teilen aus Flüchtlingskindern besteht. © Foto: MZV
Aileen Hohnstein / 12.12.2016, 07:09 Uhr
Oranienburg (OGA) Zum Tag der Menschenrechte wurde am Sonnabend im Oranienburger Schlossmuseum die Ausstellung "Flucht - Heute und Gestern" eröffnet. Im Foyer des Museums können bis Ende Januar auf 20 Plakaten Fluchtgeschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und aus heutigen Tagen gelesen werden.

Geschichte fühlen und verstehen: Im Projekt "Flucht - Gestern und Heute" vom Netzwerk Schule funktionierte, was vielleicht im Geschichtsunterricht nicht immer gelingt. Schüler sprachen mit Zeitzeugen, erfuhren so Lebens- und Leidensgeschichten, die nicht in Büchern zu finden sind. "Ich bin der Meinung, es geht in der Schule zu viel verloren", sagte Dagmar Jurat, selbst Geschichtslehrerin und Initiatorin des Netzwerks. Seit 2015 treffen sich regelmäßig Vertreter aller weiterführenden Schulen Oranienburgs und besprechen Aktionen. Auch das Projekt "Flucht - Gestern und Heute" ist durch engagierte Schüler erst richtig zum Leben erweckt worden.

Etwa 25 Mitwirkende halfen, die Schau zu realisieren. "Ganz viele junge Leute, aus dem Runge-Gymnasium und vorwiegend aus der Torhorst-Gesamtschule haben die Interviews geführt. Vor allem den Interviewpartnern, besonders den älteren, sind wir dankbar, dass sie den Mut aufbrachten, ihre Geschichten zu erzählen", sagte Jurat. Herausgekommen sind 20 Großplakate, auf denen die Erlebnisse von Flüchtlingen nachzulesen sind. Warum mussten sie fliehen, was haben sie erlebt und was fühlten sie dabei? Was verbindet Flüchtlinge von einst und heute?

Wichtig war für Jurat, möglichst viele Facetten zu erfassen. Sie wollte einen breiten Querschnitt an Flüchtlingen der heutigen Zeit abbilden, nicht nur Geschichten von Syrern hören, sondern auch von Menschen aus Afghanistan oder dem Tschad. Ein ähnlicher Ansatz wurde auch bei den Schicksalen aus dem Zweiten Weltkriegs verfolgt. Es wurden Menschen interviewt, die aus Ostpreußen oder Schlesien stammen und ihre Heimat verloren haben. "Wer hat sie vertrieben? Bei den Interviews konnten wir mehrere Gründe zusammentragen und auf verschiedene Weise erzählen", sagte Jurat. Der Bund der Vertriebenen (BdV) vermittelte Zeitzeugen, die bereitwillig aus ihrem Leben berichteten.

Zu ihnen zählt Sieglinde Kenzler, die am Sonnabend auch zur Eröffnung kam. Sie nahm gern die Einladung an, über ihre Fluchterlebnisse zu schreiben. Im Januar 1945 wurde ihre Familie auseinandergerissen: Flucht aus der Heimat, Aufenthalt im Lager, Hunger, Verlust der Eltern, ein Leben als Wolfskind. Für Sieglinde Kenzler gab es einen Grund, das alles zu erzählen: "Viele sind nicht mehr bereit, darüber zu sprechen." Deshalb sei jeder Satz auf den Plakaten so wichtig. "Diese Ausstellung ist auch eine Mahnung", sagte sie mit Nachdruck. Und sie ist für junge Besucher eine Möglichkeit, ihren Wissensdurst zu stillen.

Abgeschlossen ist das Projekt noch nicht. "Wer seine Geschichte auch erzählen möchte, den laden wir gern dazu ein", wirbt Jurat. Die Plakate könnten jederzeit ergänzt werden. Der Bundestagsabgeordnete Harald Petzold (Linke) findet die Schau gerade wegen der Zusammenarbeit mit dem BdV bemerkenswert. In seiner Fraktion will er um Spenden für das Projekt werben: "Für diese Wanderausstellung ist das Geld sicher gut angelegt."

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