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Bilinguale Grundschulklasse kommt frühestens 2018/2019 / Slubice hadert mit polnischer Schulreform

Deutsch-polnisches Sorgenkind

Thomas Gutke und Dietrich Schrö / 13.12.2016, 06:40 Uhr
Frankfurt (Oder)/Slubice (MOZ) Die Lenné-Grundschule hat gegenüber dem Schulamt Interesse an einer deutsch-polnischen Klasse bekundet. Auch das Bildungsministerium unterstützt die Initiative, doch noch sind viele Fragen offen. In Slubice droht derweil eine Bildungsreform gerade bestehende Bildungbeziehungen zu beschädigen.

Bereits seit 2014 will ein Frankfurt-Slubicer Bürgerverein eine deutsch-polnische Grundschulklasse in der Oderstadt auf den Weg bringen. Jetzt scheint ein erster Anfang gemacht. "Seit wir an Ministerpräsident Dietmar Woidke geschrieben haben, ist das Bildungsministerium an der Sache dran", meinte Sören Bollmann bei der letzten Sitzung des Vereins vor wenigen Tagen im Slubicer Kulturhaus Smok.

Neben der Initiative ist auch die Stadtverwaltung seit geraumer Zeit mit dem Bildungsministerium darüber im Gespräch, wie sich ein bilinguales Angebot etablieren lässt. Dazu wurden im Herbst alle Grundschulen der Stadt nach ihrem Interesse befragt. Eine positive Rückmeldung gab es allein von der Lenne-Grundschule. "Dort gibt es ohnehin viele Kinder aus polnischen oder deutsch-polnischen Familien", erklärt Ellen Otto vom Schulverwaltungsamt. Aus ihrer Sicht komme die Lennéschule daher für einen bilingualen Grundschulzug, in dem vor allem zweisprachig aufwachsende Kinder beschult werden sollen, derzeit am ehesten in Frage. "Allerdings stehen wir noch ganz am Anfang. Die Ideen und der Wille sind da, jetzt müssen wir sehen, wie wir das umsetzen."

Vorbilder für ein solches Projekt gibt es in Brandenburg durchaus. Derzeit bieten neun Schulen im Land bilingualen Unterricht an. An zwei Grundschulen in Potsdam wird auf Englisch unterrichtet, ebenso an einer Privatschule in Zerpernick. Und in der Lausitz gibt es sechs Grund- beziehungsweise Oberschulen mit sorbischem Sprach- und Unterrichtprofil. Was zudem oft vergessen wird: In Slubice gibt es ebenfalls mit der privat getragenen Euregio-Grundschule eine kleine bilinguale Einrichtung.

Erst vor wenigen Tagen schaute sich eine Frankfurter Delegation eine Schule in Cottbus an. Zuvor hatte man schon die deutsch-polnische Grundschule in Berlin-Wilmersdorf besucht, um Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln. Das Bildungsministerium erhebt außerdem zurzeit Daten zum Polnischunterricht an den Frankfurter Schulen, um den Bedarf einzuschätzen. "Ziel ist die Erarbeitung eines Konzeptes, um in der Stadt Frankfurt ein bilinguales Angebot für Polnisch zu schaffen", sagt Ministeriumssprecher Ralph Kotsch, der allerdings darauf hinweist, "dass dieses Angebot durchgängig in allen Schulformen - also auch im weiterführenden Bereich - geschaffen werden muss und nicht nur auf den Bereich der Grundschulen reduziert werden darf". Neben dem Liebknecht-Gymnasium, das bereits ein deutsch-polnisches Profil hat, müsste also auch eine der bestehenden Oberschulen eine solche Ausrichtung entwickeln. Das Ministerium koordiniere und begleite diesen Prozess. Und die staatlichen Schulämter würden gerade im grenznahen Raum dafür auch entsprechende zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen.

Im Januar 2017 sollen bei einem Termin im staatlichen Schulamt in Frankfurt alle bisher gesammelten Informationen und Ideen für das Projekt zusammengetragen werden. Sören Bollmann, der auch Leiter des deutsch-polnischen Kooperationszentrum ist, rechnet frühestens im Schuljahr 2018/2019 mit einer Umsetzung, Ellen Otto sieht das ähnlich. Denn noch sind vor allem inhaltliche Fragen offen. Zu klären wäre beispielsweise, an welchen Lehrplänen sich ein polnischsprachiger Geschichtsunterricht orientiert, oder ob dafür erst ein eigener bilateraler Lehrplan erarbeitet werden müsste. Ein gemeinsames deutsch-polnisches Geschichtsbuch existiert ja bereits.

Auf der anderen Seite der Stadtbrücke hat die Kommunalpolitik gerade ganz andere Sorgen. Der Bürgermeister von Slubice, Tomasz Cieszewicz, jedenfalls sieht seine Stadt gegenwärtig nicht dazu in der Lage, die Schaffung eines deutsch-polnischen Angebotes in Frankfurt zu unterstützen. "Schuld daran ist die von unserer Regierung in Warschau gerade erst beschlossene Schulreform, die jedoch schon am 1. September 2017 in Kraft treten soll", sagte er vor wenigen Tagen bei einem deutsch-polnischen Medientreffen, und ließ dabei deutlich durchblicken, dass er die Veränderung selbst für unsinnig hält.

Die Reform sieht die Abschaffung der bisherigen Mittelschulen vor, die hier "Gymnasium" genannt werden, aber nicht mit den deutschen Gymnasien identisch sind. Stattdessen sollen die bisher sechsjährigen Grundschulen auf acht Jahre verlängert werden, worauf dann entweder ein vierjähriges Gymnasium (der polnische Begriff dafür ist "Lyzeum"), ein fünfjähriges Technikum oder eine dreijährige Berufsschule folgen.

"Wir müssen jetzt in Slubice in kürzester Zeit unsere zwei Gymnasien abwickeln und stattdessen in den Grundschulen die Voraussetzungen für zwei weitere Klassenstufen schaffen. Das ist eine Mammutaufgabe, mit der wir voll ausgelastet sind", erläutert Cieszewicz. Er bedauert sehr, dass die polnische Schulstruktur künftig nicht mehr mit der deutschen kompatibel ist, weshalb es sogar bei der Vorbereitung Slubicer Schüler für den Besuch des Liebknecht-Gymnasiums Probleme geben könnte. Dabei, so Cieszewicz, könnte das Latarnia-Projekt in Mitleidenschaft gezogen werden, indem einige Schüler der 7. bis 9. Klassen vom Slubicer Gymnasium II mit Frankfurter Schülern in der Sprache des anderen lernen.

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