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Bundesamt fordert Abschiebung konvertierter Iranerin

Laut Bundesamt keine ernsthaft gläubige Christin: Farnaz mit der Bibel in der Hand in den Räumen der Frankfurter Baptisten-Gemeinde.
Laut Bundesamt keine ernsthaft gläubige Christin: Farnaz mit der Bibel in der Hand in den Räumen der Frankfurter Baptisten-Gemeinde. © Foto: MOZ
Mathias Hausding / 05.01.2017, 08:55 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Christen droht im Iran Verfolgung durch die islamische Religionspolizei. Trotzdem soll eine junge Frau dorthin abgeschoben werden. Sie hatte sich vom Islam abgewandt und in Frankfurt (Oder) taufen lassen. Das zuständige Bundesamt unterstellt ihr unlautere Motive. Die Kirche protestiert.

Das Schreiben der Asyl-Entscheider fällt ziemlich lang aus. Auf zwölf eng bedruckten Seiten führt das Eisenhüttenstädter Büro des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aus, dass die 34 Jahre alte Farnaz nur so tue als habe sie sich dem Christentum zugewandt. "Beweggründe für diesen Schritt wurden nicht überzeugend dargetan", heißt es in dem Bescheid der Behörde vom vergangenen Sommer. Die Antragstellerin verdiene keinerlei Schutz in Deutschland und möge innerhalb der nächsten 30 Tage ausreisen - Asylantrag abgelehnt.

Nicht nur bei der studierten Ökonomin selbst sorgt der Umgang mit ihrem Fall für Empörung. Von der Frankfurter Baptisten-Gemeinde, in der die Iranerin eine Heimat gefunden hat, heißt es, dass man sich in Deutschland mehr Christen mit einem solch festen Glauben wünsche, wie ihn Farnaz lebe. Und Dagmar Apel, Migrationsbeauftragte bei der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, vermutet: "Der Verfasser des Bescheids hat keine Ahnung von Religion."

Die in Frankfurt lebende Iranerin klagt nun gegen die Ablehnung ihres Asylantrags. Ihr Anwalt Klaus Pampus hofft, dass es vor dem Verwaltungsgericht Potsdam zu einer mündlichen Verhandlung kommt. Pampus würde gern erörtern, wie es dem Bamf oder einer anderen Behörde überhaupt möglich sein soll, über "innere Tatsachen" wie die Motive für einen Religionswechsel zu urteilen. "Das Bamf war von Anfang bis Ende einfach nicht bereit, meiner Mandantin zu glauben", sagt der Anwalt.

Farnaz' Fluchtgeschichte beginnt im April 2014. Sie sei damals im Iran für eine Nacht in Polizeigewahrsam genommen worden, nachdem bei der Durchsuchung eines Autos ihr gehörendes Infomaterial zur christlichen Religion gefunden wurde, darunter eine Bibel. Auf Kaution kam sie frei und trat daraufhin umgehend auf dem Landweg die Flucht nach Europa an. Die Skepsis beim Bamf geht hier bereits los. Zwar sehe das iranische Strafgesetzbuch für den Besitz "sittenwidriger" Schriften Gefängnisstrafe und/oder Peitschenhiebe vor. Aber Farnaz habe im Asylverfahren nicht darlegen können, welche konkrete Gefahr ihr nach der Entlassung gedroht habe. Vielmehr passe sie "in das gängige Bild der iranischen Asylsuchenden", so das Bamf: Jung, ledig und mit Uni-Abschluss, aber ohne Perspektive im von Inflation und Sanktionen gebeutelten Land.

Anwalt Pampus dazu voller Bitterkeit: "Ihr wird also zum Vorwurf gemacht, dass sie sich nicht wie andere erst einmal drei Wochen einsperren lassen hat." Gleichzeitig zeigt er bis zu diesem Punkt ein gewisses Verständnis für die Sicht der Asyl-Entscheider: "Da war vielleicht noch kein sicherer Schluss möglich."

Anders werde das, als sich Farnaz nach ihrer Ankunft in Brandenburg intensiv der christlichen Religion zuwendet. Über Monate besuchte sie regelmäßig mehrmals in der Woche Bibelkurse, übersetzte Passagen der Heiligen Schrift. "Besonders betonte sie, wie froh sie sei, durch Jesus nun einen tiefen Frieden in ihrem Herzen gefunden zu haben, nachdem sie als Muslimin von klein auf immer in der Angst vor Allah gelebt habe", sagt Sibylle Eißler, eine ihrer Wegbegleiterinnen in der Baptisten-Gemeinde. Es folgte im Februar 2015 Farnaz' Taufe. Auch danach habe man sich weiter regelmäßig zum Bibellesen und Beten getroffen, erinnert sich Sibylle Eißler.

Das Bamf sieht es anders. Zwar räumen die Asyl-Entscheider ein, dass auch ein nach der Flucht erfolgter Wechsel der religiösen Überzeugungen einen Asylgrund liefern könne, wenn der Betroffenen in der Heimat Verfolgung drohe. Die Situation für Konvertiten sei im Iran "kritisch". Aber auf Farnaz treffe dies nicht zu, denn sie habe den Glaubenswechsel "nur vordergründig und auf dem Papier vollzogen".

Im Folgenden nimmt das Bamf zwar die Fürsprache der Gemeinde für ihr neues Mitglied zur Kenntnis, um dann dennoch auf Basis einer Befragung der Antragstellerin zu dem Schluss zu kommen: "Es fehlt die hinreichende Darlegung der näheren Umstände ihrer behaupteten inneren Wandlung." Die Entscheider glauben nicht, "eine ernsthaft gläubige Christin" vor sich zu haben. Taufen habe sie sich nur deshalb lassen, weil sie wusste, dass das ihre Asyl-Chancen verbessere. Wegen ihres "rein formalen Glaubensübertritts" müsse sie nach der Abschiebung auch keine Verfolgungsmaßnahmen befürchten, ist das Bamf überzeugt.

Die Migrationsbeauftragte der Landeskirche hält den Bamf-Mitarbeitern zugute, "offenbar überfordert" zu sein. Anders könne sie sich eine Argumentation wie im Fall Farnaz nicht erklären, sagt Dagmar Apel. Sie vermisse bei der Prüfung "objektive Kriterien". Eine Sprecherin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) appelliert an die Behörde, "kirchliche Handlungen ernst zu nehmen".

Farnaz selbst hofft nun auf das Verwaltungsgericht. Seit zwei Jahren ist sie in einen Deutschen verliebt, könnte ihn sofort heiraten und so Bleiberecht erlangen. "Aber ich will ihm das Ja-Wort aus freien Stücken geben, nicht um die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen", sagt sie in fließendem Deutsch.

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