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Gedenken an Opfer der Euthanasie: "Aufbegehren gab es wenig"

Sektionsraum im Keller der Gedenkstätte Hadamar: Dort wurden die Leichen von Euthanasie-Opfern geöffnet.
Sektionsraum im Keller der Gedenkstätte Hadamar: Dort wurden die Leichen von Euthanasie-Opfern geöffnet. © Foto: picture-alliance/ dpa
André Bochow / 27.01.2017, 20:56 Uhr
Berlin (MOZ) Auch in diesem Jahr wurde im Bundestag am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Diesmal standen die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisation im Mittelpunkt.

Totenstille im vollbesetzten Plenarsaal. Am Rednerpult steht Sebastian Urbanski. Der schmächtige 38-Jährige ist Schauspieler am Berliner Theater Rambazamba. Urbanski hat das Down-Syndrom. Hätte er in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Deutschland gelebt, wäre er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ermordet oder zumindest zwangssterilisiert worden. Es gibt wohl kaum jemanden im Saal, der das nicht denkt. Schon 1933 erließen die Nazis das "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses". Den Begriff dehnten Ärzte und Bürokraten im Geiste des braunen Regimes aus. Es konnte Juden treffen, Kommunisten und fast jeden, der von irgendwem denunziert wurde.

Urbanski liest einen Brief von Ernst Putzki vor, der 1942 von der Gestapo wegen Verfassens und Verteilens von Schreiben "staatsfeindlichen Inhalts" festgenommen und wegen angeblicher "Geisteskrankheit" einliefert wurde. 1943 schreibt er in der hessischen Heilanstalt Weilmünster an seine Mutter. Er weiß, dass es in der Anstalt nicht um Heilung geht. "Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen", liest Urbanski. "Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann. Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist." Ernst Putzki stirbt am 4. Januar 1945 in Hadamar. Angeblich an Lungenentzündung. Der Brief hat seine Mutter nie erreicht.

Hadamar in Nordhessen war eine von sechs Einrichtungen im NS-Reich, in denen medizinisches Personal Menschen vergaste. Die anderen fünf waren Grafeneck bei Reutlingen, Brandenburg an der Havel, Bernburg an der Saale, Sonnenstein bei Pirna und Hartheim bei Linz in Österreich. Insgesamt wurden 300 000 Menschen umgebracht. Opfer der Euthanasie, des "schönen Todes". Weitere 400 000 Menschen wurden zwangssterilisiert.

"Zwischen Euthanasie und dem Völkermord an den europäischen Juden bestand ein enger Zusammenhang", sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede. "Als "Probelauf zum Holocaust' gilt das Töten durch Gas." Und wenn die Menschen tatsächlich psychisch krank oder etwa geistig behindert waren, dann ließen sich sogar Verwandte einreden, dass der Tod eine Erlösung sei. "Aufbegehren gegen die systematische Tötung gab es wenig", sagt Lammert. Und noch schlimmer: Auch nach dem Krieg wurden die Opfer verleugnet, stigmatisiert und aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt. In West und Ost. "Dass Gedenken überhaupt möglich wurde", so der Bundestagspräsident, "geht auf das unermüdliche Engagement Einzelner zurück".

Zu denen gehört zweifellos Margret Hamm. Die 71-Jährige ist Herz und Seele der Arbeitsgemeinschaft Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten. Im vergangenen Jahr lehnte Hamm das Bundesverdienstkreuz ab. Sie schickte Joachim Gauck eine schriftliche Begründung. "Zu tief sitzt die Enttäuschung über den seit 1987 bis heute vergeblich geführten Kampf der Zwangssterilisierten und der Angehörigen der Euthanasie-Opfer den anderen NS-Verfolgten gleichgestellt zu werden."

Hamm verweist auf eine ganze Reihe von Tätern, die in den 1960er-Jahren das Bundesverdienstkreuz bekamen und deren Schriften laut Hamm noch bis 2013 von der Bundesregierung herangezogen wurden, um Gleichstellungsforderungen abzuweisen. Erst im Jahr 2007 hat der Bundestag das Nazi-Gesetz von 1933 geächtet.

Nach der Gedenkveranstaltung steht Margret Hamm mit einigen Senioren vor dem Plenarsaal des Bundestages. Rosemarie Heinrichs Bruder, ein Kommunist, hat nur überlebt, weil er vor 1939 eingewiesen wurde. Bevor das systematische Morden begann. Inge Hubers Vater war manisch-depressiv. Für ihn war es das Todesurteil. Die Veranstaltung fanden alle "sehr würdig." Die fast 80-jährige Rosemarie Heinrich hätte sich aber gewünscht, "dass mehr über die Gefahren gesprochen wird, die es heute wieder gibt".

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