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Film-Porträt: Die letzten Zeugen

Das Foto einer jüdischen Breslauer Schulklasse entstand 1938. Noch im selben Jahr mussten nach dem Novemberpogrom alle jüdischen Schulen der Stadt schließen.
Das Foto einer jüdischen Breslauer Schulklasse entstand 1938. Noch im selben Jahr mussten nach dem Novemberpogrom alle jüdischen Schulen der Stadt schließen. © Foto: Karin Kaper Film
Joanna Stolarek / 03.02.2017, 19:49 Uhr
Breslau (MOZ) "Gib dem Juden nicht den Schwamm", hört die Schülerin Anita 1933 in ihrer Schule in Breslau als sie die Tafel abwischen will. Bis dahin wusste sie nicht, dass es zwei "Sorten" von Menschen gibt. Es ist die Zeit als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen. Die heute 91-jährige Anita Lasker-Wallfisch erzählt davon sachlich, fast emotionslos. Und auch von ihrer Zeit als Kind in der Stadt, die mit 25000 Mitgliedern die drittgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg hatte - nach Berlin und Hamburg.

Anita Lasker-Wallfisch ist eine der 14 Zeitzeugen, die im Dokumentarfilm "Wir sind Juden aus Breslau. Überlebende Jugendliche und ihre Schicksale nach 1933" von Karin Kaper und Dirk Szuszies zu Wort kommen. Die beiden Regisseure wollten mit ihrer Dokumentation ein Generationenporträt derjenigen zeigen, die 1933 Kinder oder Jugendliche waren und eigene Erinnerungen an diese Zeit haben.

"Ich bin zum letzten Mal hier", sagt Anita Lasker-Wallfisch etwas erschöpft, als sie in den Hof jenes Gefängnisses tritt, in dem sie und ihre Schwester im Herbst 1942 die Deportation erwarteten. Ihre Eltern waren da schon von deutschen Nationalsozialisten ermordet worden. "Ich sollte unterschreiben, dass ich freiwillig nach Auschwitz gehe", erinnert sie sich. "Als ob da je jemand freiwillig hingegangen war."

Sie spricht mit Schülern aus Deutschland und Polen, die 2015 an einem gemeinsamen Workshop zum Thema jüdisches Leben, Sterben und Überleben in Breslau teilgenommen haben. Im Hintergrund hört man ihren Enkel Simon Cello spielen. Das tat seine Großmutter auch, unter anderem im Mädchen- und Frauenorchester im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Später kam sie mit ihrer Schwester Renate nach Bergen-Belsen. "Wir waren umgeben von Leichen", erinnert sich diese. Und auch daran, wie Anita nach der Befreiung des Lagers einem britischen Radiojournalisten erzählte, dass sie Angst habe, man werde ihnen nicht glauben, was sie erlebt haben.

Esther Adler, Gerda Bikales, Walter Laqueur, Fritz Stern, Guenter Lewy, David Toren, Abraham Ascher, Wolfgang Nossen, Eli Heymann, Mordechai Rotenberg, Max Rosenberg, Pinchas Rosenberg - sind die weiteren Protagonisten im Film. Sie alle sind Breslauer Juden. Sie alle sollten umgebracht werden und haben den Nazi-Terrors überlebt. Sie sind die letzten Zeugen.

"Eine Handvoll Menschen, die uns über die Welt berichten können, die nicht mehr existiert", schreibt der Breslauer Historiker Krzysztof Ruchniewicz in seinem Blog. "Wir nehmen an ihrem damaligen Leben teil und erleben die Stadt mit deren Augen." Breslau einst und jetzt, es sind Orte der Emigration mit Szenen aus Israel, den USA oder von der französischen Mittelmeerküste, im Wechsel zwischen historischen und aktuellen Aufnahmen, Einzelinterviews, Dialogen mit den Jugendlichen und Begegnungen.

Streckenweise überfordert die Fülle des Materials den Zuschauer. Die Narration wird hin und wieder unterbrochen. Zu dick aufgetragen ist manch eine Szene vom Jüdischen Friedhof oder der restaurierten Synagoge "Zum Weißen Storch" - pittoresk und unterlegt mit der emotionalisierenden, pathetischen Musik von Bente Kahan. Andererseits ist es fast unmöglich das Kaleidoskop an ergreifenden Einzelschicksalen ohne gewisse Sentimentalisierung zu zeigen.

Wenn etwa der 88-jährige Historiker Abraham Ascher auf den Balkon des Hotels Monopol tritt. Hier oben stand Adolf Hitler, und Tausende jubelten ihm mit Heil-Rufen, Hakenkreuz-Fahnen und Hitler-Gruß zu Marschmusik zu. Szenisch fügen sich die schwarz-weißen Aufnahmen von damals in das Bild. "Er hasste Juden. Er hasste Ausländer. Er war das Monster aller Monster", sagt Asche. Der betagte Mann setzt sich auf einen Stuhl, blickt in die Sonne und sagt zu den ihn begleitenden Jugendlichen: "Ich empfinde Freude darüber, das wir Hitler besiegt haben. Ich habe ihn als Jude überlebt und ... kann das schöne Wetter hier auf diesem Balkon genießen. Das ist ein sehr, sehr gutes Gefühl."

Trotzdem: Heimat - das konnte dieses neue Breslau nicht sein, "das alte wurde mit dem sogenannten Dritten Reich ausgelöscht", sagt eine der Überlebenden. Und damit zerbrach dort auch die enge Verbindung von deutscher und jüdischer Kultur und Geschichte, wie sie Ferdinand Lassalle, der Mitbegründer SPD, der Publizist Alfred Kerr und der Philosoph Ernst Cassirer zum Beispiel verkörpert haben. Alle drei haben jüdische Wurzeln und sind in Breslau geboren.

Im heutigen Wroclaw gibt es nur noch 350 Angehörige der jüdischen Gemeinde, für die sich auch der amtierende Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz tatkräftig engagiert. Dass es nicht selbstverständlich ist im national-konservativ regierten Polen, zeigt die Schlussszene: Auf der einen Seite findet der Marsch der gegenseitigen Achtung statt, mit dem an Pogrome erinnert wird. Dem steht der Aufmarsch polnischer Nationalisten gegenüber, die unter lautem Gejohle durch die Stadt ziehen.

"Wir sind Juden aus Breslau" wird am 8. Februar um 19 Uhr im Thalia-Kino in Potsdam - in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum Östliches Europa, gezeigt. Die Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies sind auch anwesend.

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