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Bombardier: Görlitz kämpft, Hennigsdorf zögert noch

Öffentlicher Protest: Zuletzt demonstrierte die Belegschaft im Dezember.
Öffentlicher Protest: Zuletzt demonstrierte die Belegschaft im Dezember. © Foto: Roland Becker/HGA
Roland Becker / 07.02.2017, 10:21 Uhr
Hennigsdorf/Görlitz (HGA) Fast einen Monat nach dem Spitzengespräch beim damaligen Wirtschaftsminister Siegmar Gabriel (SPD) scheint sich Bombardier viel Zeit zu lassen, die dort zum angekündigten Stellenabbau vereinbarten Gespräche mit dem Betriebsrat anzugehen. Bombardiers Sprecher Andreas Dienemann konnte am Montag lediglich mitteilen: "Wir stehen in den Startlöchern. Die Pistole geht hoch zum Schuss." Ein solcher ist vom Henngisdorfer Betriebsrat noch nicht vernommen worden. Es habe lediglich ein Vorgespräch mit dem im Dezember berufenen Arbeitsdirektor Konrad Wiebalck gegeben, teilte der stellvertretende Betriebsrats-Chef Volkmar Pohl mit. Einen Termin, um über die deutschlandweite Zukunft des Unternehmens zu reden, stehe noch aus. Es scheint, als platze dem Gesamtbetriebsrat demnächst der Kragen. Das könnte auch schon bei dessen heutiger Zusammenkunft der Fall sein. "Der Arbeitgeber steht unter dem Zugzwang, Butter bei die Fische zu packen", zitiert Pohl ein norddeutsches Sprichwort. Das Gesprächsangebot müsse mehr als "eine Beruhigungspille, die alle schlucken", darstellen. Pohl empört sich: "Wir wollen offen über Zukunftskonzepte reden. Und Bombardier wurschtelt hinter verschlossenen Türen."

Seit dem Gabriel-Gespräch haben in Hennigsdorf sowohl Gewerkschaft als auch Betriebsrat stillgehalten. Sprich: Nach dem vorerst letzten Protestmarsch Mitte Dezember wurde auf weitere demonstrative Aktionen verzichtet. Pohl deutet an, dass sich das ändern könnte, sollte Bombardier sich nicht bewegen: "Wenn es in die falsche Richtung geht, werden wir mit Protesten dagegenhalten. Wir lassen uns nicht über Monate hinhalten." Schließlich müsse ein Grobkonzept, wie die deutschen Produktionsstandorte zu sichern sind, bis Ende März stehen. Im Juli, so bestätigte Bombardier am Montag, "soll eine Einigung über Interessenausgleich und Sozialplan erzielt werden".

So viel Zeit gönnen die Görlitzer Kollegen dem Management nicht mehr. Die ostsächsische Stadt bereitet sich auf einen großen Protestmarsch vor, der am 4. März stattfinden soll. Mit von der Partie wird Görlitz' Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos) sein, "um die Mitarbeiter zu motivieren und die Verbundenheit der Stadt zu zeigen. Es sollen keine Betriebstore geschlossen werden." Deinege weiß, wovon er spricht. Schließlich hatte Deinege schon 1979 als Ingenieur beim Bombardier-Vorgänger, dem VEB Waggonbau Görlitz, angefangen. Nach 1989 stieg er im privatisierten Werk auf und brachte es 2010 bei Bombardier Deutschland zum General Manager. "Für mich ist es traurig zu sehen, wie man von der Markführerposition im Regionalzug-Bereich so schnell nach unten abrutschen kann", kritisiert er Bombardier. Sein Sprecher Wulf Stibinitz fügt hinzu: "Die Aufträge, die derzeit im Görlitzer Werk abgearbeitet werden, hat der Oberbürgermeister einst eingefädelt." Geht es nach Jan Otto von der sächsischen IG Metall, soll am 4. März die ganze Stadt auf den Beinen sein. Der DGB wolle über seine Einzelgewerkschaften branchenübergreifend mobilisieren. "Die Region hat verstanden, worauf es ankommt", freut sich Otto. Für die hiesige IG Metall verspricht Stephanie Jahn, dass Hennigsdorfer nach Görlitz reisen werden. Dort würde eine Schließung des Bombardier-Standorts den Industriestandort fast auslöschen. Außer Bombardier produziert dort nur noch Siemens.

In Hennigsdorf geht es derweil darum, möglichst viel vom ausgelaufenen Firmentarifvertrag zu retten. Im Mittelpunkt steht der Auftrag für Stockholms U-Bahn. Betriebsrat und IG Metall befürchten, dass der nach China abwandert. Bombardier bestreitet das: "Es gibt keine Beschlüsse für eine Verlagerung." Über Gedankenspiele äußert sich Sprecher Andreas Dienemann nicht. Darüber hinaus argumentiert Betriebsrat Pohl, dass 150 000 Arbeitsstunden, die als Zuarbeit für den Bau von Zügen in Görlitz vereinbart waren, eingehalten werden. 50 Prozent davon stünden noch aus. Zeigt sich Bombardier hier nicht kompromissbereit, schließt Jahn neuerliche Proteste nicht aus.

Ans Bundeswirtschaftsministerium hat der Betriebsrat appelliert, den Gesprächsfaden unter Gabriels Nachfolgerin Brigitte Zypries (SPD) nicht abreißen zu lassen. Zypries Pressesprecherin Dr. Beate Baron bestätigte dies: "Die Bitte nach einem Gespräch besteht und wird geprüft. Es gibt aber noch keine Zusage." Bombardier betont, bereits Kontakte zu Zypries zu haben.

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