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Unter dem Motto "Future Imperfect" zeigt die Retrospektive 27 Science-Fiction-Filme

Reisen zum Tannhäuser Tor

 Eolomea
Eolomea © Foto: DEFA-Stiftung/Alexander Kühn
Mathias Puddig / 09.02.2017, 08:22 Uhr
Berlin (MOZ) "Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet", sagt der Replikant Roy Batty in dem düsteren Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner" von 1982. Er spricht von "gigantischen Schiffen, draußen vor der Schulter des Orion" und von C-Beams "nahe dem Tannhäuser Tor". Was C-Beams sind, bleibt sein Geheimnis: Er stirbt kurz darauf. Auch wo das Tannhäuser Tor liegt, wird nicht aufgeklärt.

Das Tannhäuser Tor ist damit einer von vielen fiktiven Orten, die in Science-Fiction-Filmen auftauchen und die - gerade wegen ihrer Unbestimmtheit - als Projektionsflächen für alles Mögliche dienen. Die Berlinale-Retrospektive stellt ihren Zuschauern in diesem Jahr mehrere solcher Tannhäuser Tore vor. Unter dem Motto "Future Imperfect" zeigt sie 27 mehr oder weniger bekannte Spielfilme dieses Genres.

Auch der Defa-Film "Eolomea", der zehn Jahr vor "Blade Runner" entstanden ist und einen völlig anderen Ton anschlägt, kennt so einen Ort. Hier ist er das Ziel einer Expedition fortschrittsoptimistischer Raumforscher. Sie wollen wissen, was es mit "Eolomea" auf sich hat. Den Optimismus dieser Wissenschaftler hat Regisseur Herrmann Zschoche ("Sieben Sommersprossen") dem ganzen Film eingeschrieben. Zwar hat es "einen Vorfall" gegeben, von dem Professorin Maria Scholl (Cox Habbema) einen "obersten Rat" unterrichtet. Interessanter als der Vorfall ist jedoch der Rat selbst: Viele, meist junge Menschen verschiedener Ethnien sind aus allen Himmelsrichtungen zusammengekommen, um das Vorgehen zu beraten. Angeführt wird der Rat von einer Frau - sieben Jahre bevor Sigourney Weaver in "Alien" das Kommando übernimmt. "Darin kann man schon einen klaren Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsentwürfen erkennen", sagt Rainer Rother, Leiter der Retrospektive. Würde die Wissenschaftlerin nicht stets und ständig rauchen, ihr Rat gäbe das perfekte Bild einer Gesellschaft ab, die noch heute als Utopie gelesen werden könnte.

Rother und sein Team haben gezielt nach solchen Themen gesucht. Es geht ihnen um zwei Themenkreise: die Gesellschaft der Zukunft und das Fremde. "Auf den dritten klassischen Teil der Science-Fiction, die Weltraumerkundungen, haben wir zu Gunsten dieser beiden Themenstränge verzichtet", sagt Rother.

Diese Beschränkung ist klug, denn sie rückt Filme in den Mittelpunkt, die viel über ihre Zeit preisgeben. So beschwört etwa der dänische Stummfilm "Das Himmelsschiff" von 1918 den Wunsch nach Frieden und Austausch. Bedeutend düsterer ist der polnische Film "O bi, o ba: Das Ende der Zivilisation" aus dem Jahr 1985. Darin haben nur 850 Menschen eine nukleare Katastrophe überlebt. Zusammengepfercht leben sie in einem Betonbunker. Sie alle werden sterben, wenn der Bunker zusammenbricht. Doch sie alle hoffen auf die Erlösung in Form einer Arche. Dass diese Arche - wie eben das Tannhäuser Tor - nur eine Fiktion ist, wissen die meisten. Das hindert sie aber nicht, auf sie zu hoffen. Die Stärke von Piotr Szulkins Film ist dabei weniger technische Raffinesse, sondern die Philosophie dahinter. Die Furcht, dass der Kalte Krieg zu einem heißen wird, hat sich "O bi, o ba" ebenso eingeschrieben wie eine vernichtende Gesellschaftskritik. Szulkin spricht über die Zukunft, er meint aber die Gegenwart - ganz wie "Eolomea" und "Blade Runner".

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