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Schüler auf den Spuren des NS-Terrors

© Foto: MOZ/Jörn Tornow
Patrizia Czajor / 13.02.2017, 07:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Inmitten des weitläufigen Grüns steht ein unscheinbares Denkmal. Die kleine Tafel erinnert an das KZ-Außenlager Grüneberg (Oberhavel), das sich einst an dieser Stelle befand. Die Baracken, in denen die weiblichen Häftlinge untergebracht waren, sind längst verschwunden. Geblieben sind zwei Pfähle - Überbleibsel des Stacheldrahtzauns.

Tony Sieg wohnt nur ein paar Schritte entfernt. Der 20-Jährige findet es beunruhigend, dass viele seiner Nachbarn nichts von dem Grauen wissen, das sich vor über 70 Jahren an diesem Ort zugetragen hat. Es ist buchstäblich Gras über die Sache gewachsen.

Daran will der Landesjugendring nun etwas ändern. Gemeinsam mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hat er das landesweite Projekt "überLAGERt" zur Geschichte der KZ-Außenlager in Brandenburg gestartet. Um das weitverzweigte System der sogenannten Satelliten-Lager sichtbarer zu machen, begeben sich Jugendliche auf historische Spurensuche. Denn die Geschichte der sogenannten Satellitenlager sei immer noch nur unzureichend erforscht, meinen Historiker.

Mehr als 60 KZ-Außenlager hat es während der Nazi-Diktatur im heutigen Brandenburg gegeben, der überwiegende Teil war den beiden Hauptlagern Sachsenhausen und Ravensbrück zugeordnet. Oft seien die historischen Orte kaum sichtbar als solche gekennzeichnet, sagt Günter Morsch, Direktor der Gedenkstätten-Stiftung. Als Beispiel nennt er das KZ-Nebenlager Lieberose. Das einst größte Konzentrationslager für jüdische Häftlinge im Kerngebiet des Deutschen Reichs wurde mit Wohnungen überbaut.

Inzwischen haben sich mehrere Jugendgruppen zusammengefunden, die zu den Außenlagern Lieberose (Dahme-Spreewald), Belzig (Potsdam-Mittelmark) und Schwarzheide (Oberspreewald-Lausitz) forschen wollen. Die Außenlager würden sich besonders gut als Studienobjekte eignen, findet Stiftungsdirektor Morsch. Sie seien historisch bedeutsam, weil sie - anders als die Hauptlager - stark in den Ortschaften verankert waren. "Die Nebenlager zeigen, dass der NS-Terror Teil des Alltags der Menschen war." So hätten zum Beispiel lokale Bäcker ihre Brötchen dorthin geliefert, die Häftlinge seien teilweise in ortsansässigen Gasthäusern untergebracht gewesen, Maurer und Handwerker seien in die Konzentrationslager gekommen, wenn Reparaturen nötig waren. Daran wird aus Sicht des Historikers deutlich, dass die NS-Verbrechen teilweise auch von der ganz normalen Bevölkerung mitgetragen wurden. Darin sieht Morsch eine Parallele zur heutigen Zeit: "Die Bevölkerung entscheidet darüber, ob Rassismus und Antisemitismus wieder grassieren", sagt er.

Roman Guski, beim Landesjugendring verantwortlich für die Koordinierung des von der F. C. Flick Stiftung und der Stiftung "Großes Waisenhaus zu Potsdam" finanzierten Gedenkstättenprojekts, hofft, dass die Idee Nachahmer in anderen Bundesländern findet. "Es ist wichtig, auch Jugendliche in den kulturhistorischen Diskurs einzubeziehen", sagt er.

Obwohl er in Grüneberg groß geworden ist, hat auch Tony Sieg eine lange Zeit wenig über das Außenlager in seinem Dorf gewusst. Die Frauen, die dort interniert waren, mussten in einer nahe gelegenen Munitionsfabrik der Polte-Werke Zwangsarbeit leisten - zwölf Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. Mittlerweile hat sich an dem alten Fabrikstandort ein Getränkeproduzent niedergelassen.

Um mehr über die Hintergründe des Lagers zu erfahren, sucht Tony Sieg im Rahmen des Geschichtsprojekts gemeinsam mit vier weiteren Jugendlichen und Studenten in Archiven nach Informationen. Aufgerüttelt hat den 20-jährigen Auszubildenden ein Augenzeugenbericht. Dort fand er den Hinweis, dass die Häftlinge auf ihrem Weg zur Munitionsfabrik durch das Dorf liefen. Dort hätten Warnungen die Runde gemacht, beim Geräusch von klappernden Schuhen das Haus besser nicht zu verlassen. Womöglich werde man noch "in die Sache hineingezogen", hieß es.

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