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Fazit einer Diskussionsrunde in Golzow: Wandel der Landwirtschaft erfordert breite gesellschaftliche Mitbestimmung

Tierwohl, Glyphosat und globale Zwänge

Im regen Gedankenaustausch: Golzows Bürgermeister Frank Schütz (3.v.l) macht Friederike Schmitz (l.) vom Berliner Tierschutzbündnis deutlich, welche Traditionen die Landwirtschaft im Oderbruch auch in Bezug auf die Ernährung der Berliner hat.
Im regen Gedankenaustausch: Golzows Bürgermeister Frank Schütz (3.v.l) macht Friederike Schmitz (l.) vom Berliner Tierschutzbündnis deutlich, welche Traditionen die Landwirtschaft im Oderbruch auch in Bezug auf die Ernährung der Berliner hat. © Foto: MOZ/Ulf Grieger
Ulf Grieger / 18.02.2017, 05:00 Uhr
Golzow (MOZ) Der Wandel der Landwirtschaft ist eine gesellschaftliche Angelegenheit und kann nicht allein von den Profitinteressen der Betriebe entschieden werden. Das war der gemeinsame Nenner einer Debatte in Golzow, zu der das Berliner Bündnis Tierfabriken-Widerstand eingeladen hatte.

Die etwa 30 Teilnehmer der Diskussionsrunde präsentierten ein breites Meinungsspektrum in Bezug auf landwirtschaftliche Entwicklung. Das reichte von der extremen Position der Veranstalter, die eine "vegane Gesellschaft" propagieren, über besorgte Einwohner, die Belästigungen durch Tiermastanlagen befürchten, bis hin zu Vertretern der konventionellen Landwirtschaft, die vor allem den globalen Markt und die daraus erwachsenen Zwänge als Grund für aktuelle Entwicklungen sehen. Wichtig, das empfanden alle Teilnehmer der Runde nach zweistündiger Debatte, sei der öffentliche Austausch. Denn, das machte Golzows Bürgermeister Frank Schütz (CDU) deutlich, wer sich zu Themen landwirtschaftlicher Produkltion äußert, der muss sich auch sachkundig machen.

Friederike Schmitz vom Tierschützer-Bündnis sowie ihre Mitstreiter gestanden ein, dass sie sich bislang recht wenig mit den Gegebenheiten im Oderbruch vertraut gemacht hatten. So nutzte Frank Schütz die Gelegenheit, um deutlich zu machen, dass das Oderbruch eine große Tradition in der Tiermast, speziell der Gänsemast, habe und einst der Gemüsegarten Berlins war. Dass der Berliner Markt noch immer offen für Oderbruchgemüse ist, erklärte Öko-Gärtner Hubert Heimen aus Libbenichen. Er könne meist gar nicht so viel produzieren, wie nachgefragt werde. Er sei sich sicher, dass dieser Markt auch noch für etliche weitere Betriebe reicht. Ein Problem sei, dass junge Landwirte nur schwer Land erhalten. Aus seiner Sicht handele es sich bei den Mastanlagen großer Betriebe nicht mehr um Landwirtschaft, sondern um Industrie. Das Futter werde hingekarrt, die Massenhaltung mache die Tiere hochempfindlich. "So etwas brauchen wir nicht mehr!", betonte er.

Gerd Schellpeper, studierter Landwirt aus Golzow, warnte davor, es sich so leicht zu machen. Nicht jeder, der einen Garten hat, sei auch in der Lage, sachkundig über moderne Landwirtschaft zu urteilen. Niemand schlage einem Arzt vor, wie er zu behandeln habe. Die Landwirtschaftsbetriebe seien heute dem globalen Markt ausgesetzt. Was hier nicht produziert wird, komme dann aus der Ukraine oder Rumänien in die Supermarktregale. "Ich war dabei, als der Golzower Betrieb seine Pläne für Fair-Mast-Anlage vorgestellt hat. Da wurden Fakten genannt. Vom Tierschutzbündnis kam niemand", sagte Schellpeper.

Hans Ulrich Seibt aus Lebus, er hat selbst Land an Großbetriebe verpachtet, verwies auf die Subvention der Landwirtschaft. Mit 30 bis 40 Prozent der Gesamteinnahmen eines Landwirtschaftsbetriebes unterstütze der Steuerzahler die Betriebe. Schon aus diesem Grund hätten die Bürger ein Recht zur Mitbestimmung. Es könne nicht nur um Profit gehen. Jan Sommer, Kreistagsabgeordneter von Bündnis 90/Grüne-Pro Zukunft, sieht darin eine Aufgabe: "Wir sollten uns im Kreis über ein Leitbild der regionalen Entwicklung, speziell der bäuerlichen Betriebe, verständigen", erklärte er. Dringend nötig sei eine größere Vielfalt. "Es ist auch riskant für alle, wenn wir es nur noch mit einem so großen Betrieb wie Odega zu tun haben. Macht der einen Fehler, ist der Schaden eben so riesig."

Karin Handrich, die Golzowerin hat selbst lange in der Golzower Landwirtschaft gearbeitet, erkundigte sich nach dem Stand des Genehmigungsverfahrens und der Möglichkeiten der Einflussnahme. Friedericke Schmitz erklärte daraufhin, dass es im Auslegungszeitraum möglich ist, Einwände einzubringen. Zudem sei es sinnvoll, anerkannte Naturschutzverbände wie den Nabu und den BUND ins Boot zu holen, weil sie neben den Betroffenen auch klageberechtigt sind.

Heidemarie Hempel aus Küstrin-Kietz brachte ihre tiefe Sorge darüber zum Ausdruck, in welcher Richtung sich die Landwirtschaft verändert: "Suppenhühner sahen früher ganz anders aus und hatten einen ganz anderen Geschmack. Wer soll das viele Fleisch essen?", fragte die Küstrin-Kietzerin. Zudem sei es schlimm, dass noch immer Glyphosat und andere Stoffe auf die Äcker kommen.

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