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Abkehr vom Zölibat

Von Baden-Württemberg in die Hauptstadt: Seit 2012 ist Ulf-Martin Schmidt Pfarrer der Alt-Katholiken in Berlin.
Von Baden-Württemberg in die Hauptstadt: Seit 2012 ist Ulf-Martin Schmidt Pfarrer der Alt-Katholiken in Berlin. © Foto: MOZ/harriet Stürmer
Harriet Stürmer / 18.02.2017, 10:24 Uhr
Berlin (MOZ) Es gibt bei den Alt-Katholiken keinen Zwang zum Zölibat und Homosexualität wird toleriert. Doch trotz dieser Offenheit kennt die Kirche kaum jemand. Immerhin ist aber die Zahl der Berliner Alt-Katholiken in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Aus Platzmangel sucht die Gemeinde nun ein neues Domizil.

Früher hat der kleine Gottesdienstraum mit seinen 60 Sitzplätzen völlig ausgereicht. Doch nun kann es in der 120 Quadratmeter großen Altbauwohnung im Erdgeschoss des Wilmersdorfer Mietshauses mitunter ziemlich eng werden. "Vor allem an hohen Feiertagen reicht der Platz kaum mehr aus", sagt Pfarrer Ulf-Martin Schmidt. Schließlich sei seine Gemeinde zuletzt enorm gewachsen. Jetzt müssen die Berliner Alt-Katholiken nach einem neuen Domizil suchen.

Pfarrer Schmidt hat klare Vorstellungen. Ihm schweben um die 220 Quadratmeter vor. Das müsste reichen für einen angemessen großen Kirchenraum, ein Gemeindezimmer, ein Büro, einen Mehrzweckraum, Küche und Bad. Aber leider habe er feststellen müssen, dass der Markt für diese Bedürfnisse doch recht klein ist. Zumal sich die Gemeinde in der Nähe zum S-Bahn-Ring einmieten will und außerdem eher arm ist, wie der 37-Jährige betont. Inzwischen hat er alle Kirchen in Berlin angefragt und auch viele nette Rückmeldungen bekommen. "Das Richtige war aber bislang nicht dabei."

Die Situation mag unbefriedigend sein. Aber immerhin hat sie einen für Schmidt durchaus erfreulichen Hintergrund. Seit er vor fünf Jahren von Baden-Württemberg nach Berlin gezogen ist, um in der Hauptstadt die alt-katholische Pfarrgemeinde zu übernehmen, hat sich die Zahl der Mitglieder von 350 auf stolze 1100 erhöht. Die meisten von ihnen, rund 800, kommen aus Berlin. Der Rest lebt in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, wo es keine eigenständigen alt-katholischen Gemeinden gibt.

Überhaupt gibt es in Deutschland mit 60 alt-katholischen Pfarrgemeinden, die zusammen rund 15 000 Mitglieder zählen, vergleichsweise wenig. Wohl auch deshalb, weil kaum jemand die Kirche kennt. Pfarrer Schmidt weiß, dass viele irritiert sind, wenn sie zum ersten Mal von den Alt-Katholiken hören. Alt-katholisch - das klingt so konservativ. So, als würde man dort päpstlicher sein als der Papst. Doch das ist ein Missverständnis, sagt Schmidt. Alt-katholische Ansichten seien alles andere als verstaubt und altmodisch. In vielem sei man liberaler als die römisch-katholische Kirche.

"Bei uns kann jeder Mitglied sein, sofern er den anderen toleriert", betont der Pfarrer, der aus einer alt-katholischen Familie stammt, verheiratet ist und ein Kind hat. "Ich predige, was Jesus gepredigt hat, und versuche, nicht Moral zu predigen. Den erhobenen Zeigefinger mag ich gar nicht."

Vor allem erkennen die Alt-Katholiken die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870 nicht an. Unter anderem den dabei erhobenen Glaubenssatz, dass der Papst in Fragen des Glaubens und der Sitte unfehlbare Entscheidungen treffen kann, lehnen sie ab. Aus Protest gegen das Konzil hatten damals kritische katholische Gelehrte mehrere Gegenkongresse organisiert. 1873 wurde schließlich der erste alt-katholische Bischof Joseph Hubert Reinkens von einer Wahlversammlung gewählt und von einem niederländischen Bischof geweiht. Noch im selben Jahr wurde er von den Regierungen Preußens, Badens und Hessens als ein den römisch-katholischen Bischöfen gleichgestellter katholischer Bischof offiziell anerkannt.

Bei den Alt-Katholiken gibt es keine Pflicht zum Zölibat, Homosexuelle werden gesegnet, und Frauen können zu Priesterinnen geweiht werden. Das sind die klassischen Gründe, warum viele ehemalige "Römer" bei den Alt-Katholiken eine neue Heimat finden. In seiner Gemeinde fänden sich unter den Neuen aber inzwischen auch fast ebenso viele Atheisten und Evangelen, sagt Pfarrer Schmidt. Von Letzteren würden sich viele einfach nur nach einer kleineren Gemeinde sehnen, nach einer, deren Pfarrer noch die Zeit hat, sich ihren Problemen und Sorgen geduldig zu widmen.

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