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"Endlich habe ich die 500 geknackt"

Der nächste Wurf: Marion Weber von der SG Rot-Weiß Neuenhagen hat jüngst ihr großes Ziel erreicht. Bei den Landesmeisterschaften schaffte sie 515 Holz. Trainer Roland Bartelt sprach von einer großen Leistung.
Der nächste Wurf: Marion Weber von der SG Rot-Weiß Neuenhagen hat jüngst ihr großes Ziel erreicht. Bei den Landesmeisterschaften schaffte sie 515 Holz. Trainer Roland Bartelt sprach von einer großen Leistung. © Foto: MMOZ/Edgar Nemschok
Edgar Nemschok / 19.02.2017, 07:19 Uhr
Neuenhagen (MOZ) Meist sieht man nur die strahlenden Gesichter, wenn die erfolgreichen Sportler ihre Medaillen bekommen oder sie stolz ihre Urkunden zeigen. Welcher Fleiß und wieviele Trainingsstunden hinter dem Erfolg stecken, bleibt nur zu erahnen. Heute: Marion Weber (Abteilung Behindertensport, SG Rot-Weiß Neuenhagen).

Es ist heute ein wenig kalt hier bei uns auf der Bahn", sagt Marion Weber mit einem unbehaglichen Gefühl und lässt sich die erste Kugel vom Trainingspartner Roland Bartelt zureichen. Marion Weber gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Sportlern der SG Rot-Weiß Neuenhagen. Sie ist ganz aktuell Landesmeisterin im Bohlekegeln geworden. Sie gehört der Abteilung Behindertensport an.

"Die Temperaturen sind schon wichtig. Nur wenn man sich auch richtig wohl fühlt, sind auch gute Ergebnisse möglich", sagt die 47-Jährige, die seit ihrem dritten Lebensjahr auf Grund einer Tumorerkrankung blind ist. Sie liebt ihren Sport und freut sich in jeder Woche, wenn es auf die Kegelbahn im Neuenhagener Bürgerhaus geht.

"Schon wieder eine Sieben", freut sie sich. Langsam macht ihr die empfindliche Kühle nichts mehr aus. "Das Training läuft heute besonders gut. Das liegt bestimmt daran, dass jemand von der Zeitung da ist", sagt sie mit einem Lächeln. "Klar, eine Sieben ist schon gut. Im Schnitt habe ich meistens eine Fünf oder auch Sechs."

"Was unser größtes Problem ist, wir haben keinen sogenannten Zureicher. Wir sind eine kleine Abteilung mit zehn Mitgliedern, wovon sieben aktiv kegeln", erklärt Roland Bartelt, der in der wenigen Trainingszeit, die die Kegler haben, natürlich immer gern selber trainieren möchte. Bartelt ist seit einigen Jahren Chef der Abteilung Behindertensport und kümmert sich eigentlich um alles, was zur Ausübung des Sports notwendig ist. Und er macht es gut, wie man von den Mitgliedern der Truppe immer wieder hört. "Gelegentlich gibt es sogar eine Umarmung und das ist für mich der beste Beweis, dass ich das Training bei uns auch angemessen leite", sagt Bartelt, der selbst eine Trainer-B-Lizenz hat und sich für jedes Training und erst recht für die Wettkämpfe akribisch vorbereitet.

"Er ist, obwohl jeder weiß, dass er sehr ehrgeizig ist, nicht streng - im Gegenteil. Sehr einfühlsam führt er uns an jeden einzelnen Wurf heran", bestätigt Marion Weber.

Nach einer kleinen Pause geht es weiter. "Auch die Pausen sind für mich wichtig." Aufgrund einer Lähmung der rechten Hand muss sie sich ihre Kräfte sehr einteilen. "Das ist wirklich nicht einfach und an manchen Tagen macht mir das alles zu schaffen. Wenn es richtig schlimm ist, kann ich gar nicht kegeln", sagt sie sehr nachdenklich. "Es gibt Tage, da kommt man eben schneller an seine Leistungsgrenze. Aber der Spaß am Sport überwiegt alles." Sie erzählt, dass sie früher einmal, durchaus erfolgreich, in Berlin Tischball gespielt hat. Diese Disziplin wird auch als "Blindentischtennis" bezeichnet. In ihrer thüringischen Heimat ist sie gelegentlich auch mit dem Langlaufski unterwegs.

Seit knapp fünf Jahren ist Marion Weber, die mittlerweile auch in Neuenhagen wohnt, aktiv beim Kegeln dabei. Doch schon geht das Training in seine Schlussphase. Bartelt hilft seiner Vereinskollegin, die richtige Ausgangsstellung zu finden. Marion Weber fühlt mit der linken Hand die Naht der Bahn, um so den bestmöglichen Aufsatz für die Kugel zu finden. Abgeschoben wird die Kugel mit beiden Händen.

"Die Kegler haben ein ganz feines Gefühl und ich muss nur wenig korrigieren", erklärt Bartelt. "Versuch die Kugel ein wenig länger zu schieben", sagt er - sechs Kegel fallen um. "Ein wenig mehr Druck, versuch doch, die Kugel noch etwas höher aufzusetzen ...", sagt er beim nächsten Versuch.

Marion Weber ist als Telefonistin im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland tätig. "Den Beruf habe ich an einer Blindenschule im damaligen Karl-Marx-Stadt erlernt. Ich könnte zahlreiche Geschichten von merkwürdigen Anrufen erzählen", sagt sie mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht. "Ich hoffe, dass ich demnächst nicht wie angedroht die Schicht tauschen muss. Wenn, dann habe ich Probleme mit unseren Trainingszeiten", erzählt sie ein wenig sorgenvoll. Wie bei den meisten Sportlern sind auch bei den Behinderten der SG Rot-Weiß Neuenhagen die Wettkämpfe sozusagen das Salz in der Suppe. Marion Weber wurde bei Deutschen Meisterschaften in den vergangenen Jahren dreimal Dritte. "Ich habe da zwei Rivalinnen, mit denen ich mich aber gut verstehe, vor mir, an die ich auf Bundesebene einfach nicht herankommen kann." Für sie ist die Kegelanlage in Bremen so etwas wie ihre Lieblingsbahn. Sie sagte, dass es ihr Traum sei, einmal die magische Grenze von 500 Holz zu knacken. Bei Wettkämpfen werden 100 Kugeln geschoben.

Die Freude war riesengroß, als sie dieses Ziel bei den jüngsten Landesmeisterschaft in Hennigsdorf endlich erreichen konnte. Nach den 100 Kugeln standen 515 Holz auf dem Protokoll. "Endlich, die Mühen im Training haben sich ausgezahlt", war nach dem Wettkampf ihr kurzer, aber überaus zufriedener Kommentar.

Die Neuenhagener waren überaus erfolgreich bei diesen Titelkämpfen. Petra Hofmann, Enrico Elsholz, der aus Bad Freienwalde kommt, und Roland Bartelt konnten in ihren jeweiligen Wettkampfklassen Landesmeister werden. Alle vier Starter der SG Rot-Weiß Neuenhagen qualifizierten sich damit für die Deutsche Meisterschaft Bohle, die Ende Juni in Neumünster ausgetragen wird. Die nächsten Termine sind die Landesmeisterschaft auf der Schere-Bahn am 4. März in Fredersdorf-Vogelsdorf und die Landesmeisterschaft in der Disziplin Classic. Die wird am 11. März in Wriezen ausgespielt.

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