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Ein Vater vermisst seit fünf Wochen seine Tochter und ärgert sich über die Untätigkeit der Behörden

Von der Mutter entführt

Symbolfoto
Symbolfoto © Foto: dpa
Mathias Hausding / 08.03.2017, 08:37 Uhr
Potsdam (MOZ) In dem Drama mit drei Toten in der vergangenen Woche in Oder-Spree spielten Fehler der Behörden eine große Rolle. Offenbar kein Einzelfall. Ein aktueller Fall von Kindesentführung zeigt, dass offizielle Stellen immer wieder fragwürdig agieren.

Sebastian Schulz ist ein ruhiger, überlegt handelnder Mann. Er hat sich an diese Zeitung gewandt, weil er nicht mehr weiter weiß. Um sein Kind nicht zu gefährden, bittet er um Anonymität. Namen und andere persönliche Kennzeichen in dieser Geschichte sind also geändert. Offizielle Schriftsätze in der Sache etwa vom zuständigen Gericht liegen dieser Zeitung vor.

Schulz ist Ende 20 und lebt in Berlin, ein Akademiker mit einem gut bezahlten Job. Und er ist Vater einer zwei Jahre alten Tochter. Sarah ist seit nunmehr fünf Wochen verschwunden. An einen unbekannten Ort entführt von ihrer Mutter. Eine Straftat, denn der Vater hat das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht, wenn sich auch Mutter und Vater das Sorgerecht teilen.

Das zuständige Amtsgericht hat Anfang Februar eine Anordnung zur Herausgabe des Kindes sowie eine sogenannte Grenzsperre erlassen, die verhindern soll, dass sich die Frau ins Ausland absetzt. Praktisch passiert ist seitdem kaum etwas. Von der Berliner Polizei fühlt sich Sebastian Schulz nicht ernst genommen.

Dabei sollten die Beamten sogar in besonderem Maße alarmiert sein, findet er. Denn die Kindsmutter gilt laut Aktenlage als psychisch labil und selbstmordgefährdet. Auch neigt sie zum Konsum illegaler Drogen und zu Gewaltausbrüchen. Ein psychologisches Gutachten in dem Sorgerechtsstreit bescheinigt ihr Rücksichtslosigkeit gegenüber dem eigenen Kind. Mehrfach hat sie gegen Absprachen mit dem Kindsvater zum Umgang mit der gemeinsamen Tochter verstoßen.

Sebastian Schulz macht sich große Sorgen. Er hat das Recht auf seiner Seite, und doch geschieht in seinen Augen nichts. "Wenn ich mir als Mann das erlaubt hätte, was die Kindsmutter getan hat, säße ich längst im Gefängnis", vermutet er.

Seine Anwältin, eine erfahrene Expertin für Familienrecht, findet den Vorgang "skandalös". Auch sie ist der Meinung: "Würde sich ein Mann wie diese Frau verhalten, wäre das Geschrei groß." Die Untätigkeit der Behörden verschaffe der untergetauchten Frau offenbar Oberwasser. "Ich verstehe nicht, warum sie nicht zur Fahndung ausgeschrieben wird." Die Polizei habe bislang kaum mehr unternommen, als zwei Mal zur Wohnung der Frau zu fahren, um dort dann niemand anzutreffen. Sie hatte ihr Untertauchen offenbar geplant, sich eigens eine neue Handynummer zugelegt.

Die Anwältin ist ratlos. "Ich könnte Befangenheitsanträge, Dienstaufsichtsbeschwerden oder Untätigkeitsklagen verfassen - aber auf die Schnelle würde all das nicht helfen", sagt sie. Also hat sie sich gemeinsam mit ihrem Mandanten entschieden, vorübergehend das alleinige Sorgerecht zu beantragen. Vielleicht trägt es dazu bei, dass ernsthafter nach Frau und Kind gesucht wird, so die Überlegung.

Doch da spielte das Amtsgericht nicht mit. Begründung: Herr Schulz habe mit der Herausgabe-Anordnung und der Grenzsperre gegen die Mutter bereits alles in der Hand, um das Kind zurückzubekommen. Das Gericht wartet ab. Auf beinahe zynische Art teilt es dem Vater mit: "Weitere Verfahrensschritte erfolgen, wenn der Aufenthalt des Kindes und der Mutter ermittelt ist und das Kind herausgegeben wurde." Dabei ist ja genau das das Problem: Die Tochter ist weg.

Sarah lebte seit etwa einem Jahr im Haushalt von Sebastian Schulz. "Er gewährte der Kindsmutter Umgang mit dem Kind. Er wollte keine Eskalation", sagt die Anwältin. Dann wechselte die Zuständigkeit an ein anderes Gericht. Die dortige Richterin beurteilte den Fall auf einmal völlig anders, lehnte das die Mutter belastende Gutachten als "zu einseitig" ab und gewährte ihr in großem Umfang unbegleiteten Umgang mit dem Kind.

Vom letzten mehrtägigen Aufenthalt bei ihr kam Sarah nun nicht zurück. "Ein solches Verhalten einer Richterin, alle Feststellungen für nichtig zu erklären, habe ich noch nicht erlebt", sagt die Anwältin des Kindsvaters. Zu machen sei dagegen aber kaum etwas. "Richter sind unabhängig. Sie haben einen riesigen Spielraum bei ihren Entscheidungen."

Die Berliner Polizei will auf Nachfrage nicht sagen, welche Ermittlungen sie angestellt hat. Ein Sprecher erklärt lediglich, dass man die Sache an die Berliner Staatsanwaltschaft übergeben habe. Die habe jedoch inzwischen festgestellt, dass sie wegen des Wohnorts der Mutter im Brandenburgischen gar nicht zuständig ist. Nun wolle sie die Akte in die Mark schicken. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) teilte am Dienstag mit, dass bei ihr bislang nichts eingegangen sei.

Sebastian Schulz wartet währenddessen weiter auf ein Lebenszeichen von seiner Tochter.

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Paul Müller 08.03.2017 - 16:26:48

Das mit der "Grenzsperre" ist gut ...

... "Das zuständige Amtsgericht hat Anfang Februar eine Anordnung zur Herausgabe des Kindes sowie eine sogenannte Grenzsperre erlassen, die verhindern soll, dass sich die Frau ins Ausland absetzt" :) total wirksam ...

Rolf Lustig 08.03.2017 - 10:17:40

???

Es ist unglaublich, wie Behörden hier agieren. Als Vater würde ich eine Anzeige wegen Beihilfe einreichen.

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