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Jurist
"Ich habe ihm ins Gewissen geredet"

Jörg Kühl / 13.03.2017, 07:30 Uhr - Aktualisiert 17.10.2017, 13:38
Müllrose (MOZ) Nach dem Drama mit drei Toten im Kreis Oder-Spree reißt die Kritik an den beteiligten Behörden nicht ab. Auch dem gerichtlich bestellten Betreuer des Jan G. werden Versäumnisse vorgeworfen. Der Jurist hat sich nun selbst dazu zu Wort gemeldet.

Die Mutter des 24-Jährigen hatte in dieser Zeitung darüber berichtet, dass sie sich immer wieder hilfesuchend an den Betreuer gewandt habe, weil ihr Sohn seine Bewährungsauflagen verletzte und sie sich von ihm bedroht fühlte. Auch habe sie sich gewünscht, dass der Betreuer als quasi Vormund von Jan G. dessen Medikamenteneinnahme kontrolliert. Er hatte regelmäßig Spritzen gegen seine Schizophrenie verordnet bekommen. Ihre Appelle und Sorgen seien jedoch selten gehört worden, bedauerte die Mutter.

Der Betreuer erklärte dazu nun dieser Zeitung, dass er im Umgang mit Jan G. klare Rechte und Pflichten gehabt habe. "Es gehört nicht zur Aufgabe eines Betreuers, die Einnahme von Medikamenten direkt und persönlich zu überwachen", betonte der Jurist. "Ich habe ihm ins Gewissen geredet, die Medikamente zu nehmen", erinnert sich der Betreuer. "Das hat er nach meinem Eindruck sehr ernst genommen." Auch habe er die Familie ausdrücklich darüber informiert, wie wichtig die Einnahme der Medikamente sei. Der Jurist ergänzte, dass die Einnahme rund ein Jahr lang gut geklappt habe. "Seine Oma hat aufgepasst." Offen ist, ob das in Schieflage geriet, weil sich Jan G. in den vergangenen Monaten immer öfter und länger in Bayern bei seiner Freundin aufhielt. Damit sei er auch für den Betreuer schwerer zu erreichen gewesen.

Der Berliner Jurist verweist mit Blick auf weitere Aussagen der Mutter darauf, dass seine Aufgaben vier Bereiche im Leben des Jan G. umfasst hätten: Vermögensangelegenheiten, gesundheitliche Belange, Angelegenheiten rund um seinen Aufenthaltsstatus sowie seine Vertretung vor Gericht. Sein Auftrag laute, "zum Wohle" des Klienten zu handeln. "Ich bin der Betreuer von Jan G., nicht der seiner Familie."

So sei es auch nicht seine Aufgabe gewesen, auf eine eventuelle Unterbringung von Jan G. im Maßregelvollzug zu dringen. Der Betreuer betonte jedoch, dass er vor den jetzigen Taten eine Einweisung in den Maßregelvollzug nicht befürwortet hätte - trotz Vorstrafen und Verstößen gegen die Bewährungsauflagen. Der Betreuer liegt damit auf Linie des Landgerichts Frankfurt (Oder), das von einer Einweisung absah beziehungsweise sie zur Bewährung aussetzte. "Der Maßregelvollzug ist einer der stärksten Eingriffe in die persönlichen Freiheitsrechte", sagte der Jurist.

Er habe selbst sehr konkrete Erinnerungen an jenen 28. Februar, an dem Jan G. drei Menschen umgebracht hat, berichtet der Betreuer. So erreichte ihn an diesem Tage die Nachricht des 24-Jährigen, dass "etwas Schlimmes passiert" sei. Der Jurist habe sich dann umgehend auf den Weg nach Beeskow gemacht. Unterwegs habe er von der Polizei erfahren, dass sein Klient gesucht werde.

Nachdem Jan G. seine Großmutter in Müllrose erstochen hatte, hielt er sich demnach zunächst kurz im Beeskower "Haus des Seins" auf, einer Einrichtung für Menschen mit seelischen Erkrankungen. Den Ort hatte er bereits in der Vergangenheit mit seinem Betreuer aufgesucht. Es ging um die Möglichkeit, dort unterzukommen. Eine vollstationäre Unterbringung sei aber seinerzeit nicht möglich gewesen, so der Jurist. Nach dem Verlassen der Einrichtung fuhr Jan G. von Beeskow aus weiter nach Oegeln, wo er zwei Polizisten überfuhr und dabei tötete.

Der Betreuer zeigt sich bestürzt über die tragischen Ereignisse. "Es tut mir für alle Opfer und deren Angehörige unendlich leid." Trotz des Vorstrafenregisters seines Betreuten, das unter anderem schwere Körperverletzung, Raub, Diebstähle und Bedrohungen enthält, habe er einen solch brutalen Gewaltausbruch nicht erwartet.

Er sei jederzeit Ansprechpartner für seinen Betreuten gewesen und habe zu ihm ein enges und vertrauensvolles Verhältnis aufbauen können. Demnach besuchte der Jurist Jan G. und dessen Großmutter Marianne G. regelmäßig in Müllrose, er fuhr mit seinem Schützling zu Behörden und sozialtherapeutischen Einrichtungen. Der Kontakt sei zusätzlich durch Telefonate, Nachrichten per SMS und WhatsApp aufrechterhalten worden. Während der meisten Zeit der Betreuung, die im November 2015 begann, habe sich Jan G. kooperativ gezeigt. Erst ab Dezember 2016 sei die Betreuung komplizierter geworden, als der 24-Jährige die Hälfte seiner Zeit in Bayern und die andere Hälfte bei seiner Oma verbrachte.

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Norbert Wesenberg 26.03.2017 - 17:39:32

Es ist halt wie immer ...

... wenn etwas Schreckliches passiert ist. Niemand will die Verantwortung dafür übernehmen. Schließlich haben alle Behörden "alles richtig gemacht". Das Schlimme daran ist, sie kommen damit auch durch, denn eine schwarz bekittelte Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Im Rahmen der Gewaltenteilung regelt man das schließlich unter sich selbst. Wenn nun der Betreuer meint, "Der Maßregelvollzug ist einer der stärksten Eingriffe in die persönlichen Freiheitsrechte", dann muss eben so die Frage erlaubt sein, wenn ein psychisch Kranker eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, in dem er permanent Bewährungsauflagen des Gerichts verletzt, nicht in den Maßregelvollzug eingewiesen wird?

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