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Geschichte vor der Haustür

Sandra Kurtz / 06.09.2012, 18:00 Uhr
Glienicke/Nordbahn (MZV) Bei den Zeitzeugen kamen die Schüler in Zeitverzug. Als sie sich die Anekdoten und Erinnerungen der Glienicker zum Bau und zum Fall der Berliner Mauer anhörten, vergaßen die Gymnasiasten fast, dass sie nur drei Tage hatten für ihr Projekt „Grenzreporter“.

Kartografieren, fotografieren, interviewen – im Juni hatten sich die Schüler des Neuen Gymnasiums auf Spurensuche begeben. Wie lebte es sich hinter der Mauer? Was geschah im November ‘89? Wo trafen sich die Mitglieder des Konziliaren Gesprächskreises? Von welchem Wohnzimmer aus wurde der Aagaard-Fluchttunnel gegraben? Mit Neugier und Elan machten sich die Gymnasiasten an die Arbeit. Nicht nur in Glienicke/Nordbahn, sondern auch in Groß- und Klein-Glienicke, in Stolpe, in Falkensee und in Dallgow-Döberitz wurden Brandenburger Schüler zu jungen Historikern.

Gestern präsentierten mehr als 70 Schüler das Ergebnis ihrer Forschung im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße: eine interaktive Karte. Auf den sechs Dorf- und Stadtplänen sind Gebäude in ihren Funktionen vor und nach 1989 dargestellt, dazu historische Fotos und natürlich Zitate der Zeitzeugen, die am Tisch oder auch nur über den Gartenzaun hinweg befragt wurden. „Die Gedenkstätte Bernauer Straße hier ist Luxus, es ist alles da“, erläuterte Stephan Felsberg, Geschäftsführer des Instituts für angewandte Geschichte, das das Projekt „Grenzreporter“ geplant und durchgeführt hat. „Hier gibt es eine feste Ausstellung, Diskussionsabende, Führungen, einen markierten authentischen Ort. Ihr hattet all das nicht. Ihr habt Pionierarbeit in euren Dörfern, in euren Städten geleistet. Ihr habt die Häuser abgeklappert, geklingelt und mit den Bewohnern gesprochen. Ihr habt Geschichte gemacht“, sagte Felsberg.

Längst nicht alle sechs Orte, die an dem Projekt teilgenommen haben, fanden so deutliche Spuren wie die Gymnasiasten in Glienicke/Nordbahn. Info-Stelen zum Mauerradweg, Ausgrabungen der Flucht-Tunnel, Sonderführungen im vergangenen Sommer – all das erleichterte die Arbeit der 14 interessierten Jugendlichen. Mit Karten und Fotoapparat ausgestattet, durchstreiften sie die Straßen der Gemeinde, holten sich Unterstützung von Ortschronist Joachim Kullmann, der in der ersten Reihe im Besucherzentrum Platz genommen hatte. Die historischen Fotos vom Hotel Sandkrug, von der einstigen Kaufhalle am heutigen Standort der Galerie Sonnengarten, die sich auf der interaktive Karte öffnen lassen, sie stammen aus der Glienicker Ortschronik.

Vor allem aber sprachen die Jugendlichen mit den Glienickern – mit den alten und den neuen, die sich auf dem ehemaligen Maisfeld ein neues Zuhause aufbauten. „Besonders spannend fand ich die Geschichte der drei Fluchttunnel unseres Ortes. Die Leute begannen sozusagen im Wohnzimmer zu graben, um in den Westen zu kommen“, fasste Jasmin Schubert ihre Eindrücke zusammen. „Ich war total begeistert von dem Projekt und hatte wirklich viel Spaß.“

In Stolpe waren bereits im September vergangenen Jahres 13 Schüler der jetzt zehnten und elften Klassen den Runge-Gymnasiums aus Oranienburg unterwegs, als eine Art Pilotprojekt. Die Truppe stellte vor allem eines fest: Stolpe ist gespalten, in die alteingesessenen Bewohner im Dorfzentrum und in jene, die mit den Neubauten am Golfplatz kamen. Während die einen ihre Erinnerungen gerne und zahlreich preisgaben, hätten ihnen die Neu-Stolper von der anderen Seite der Landstraße die kalte Schulter gezeigt, waren sich Nic und Sarah einig, die die Ergebnisse erläuterten.

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