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Mediziner legt umstrittene Studie über Tötungsdelikte in Kliniken und Pflegeheimen vor

Umstrittene Studie: Krankenhäuser als Tatorte

Zwischen Medizinern, Pflegern und Technik: Eine Studie will den Druck in Krankenhäusern sichtbar machen.
Zwischen Medizinern, Pflegern und Technik: Eine Studie will den Druck in Krankenhäusern sichtbar machen. © Foto: dpa
André Bochow / 29.03.2017, 20:12 Uhr
Berlin (MOZ) 2015 wurde der Pfleger Niels H. aus Delmenhorst wegen mehrfachen Mordes an Patienten zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die Mordserie des Niels H. ist kein Einzelfall. Das behauptet der Psychiater und Psychotherapeut Karl H. Beine in seinem Buch "Tatort Krankenhaus."Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat die darin enthaltene Studie der Universität Herdecke über Patiententötungen scharf kritisiert. Die Behauptung, dass jährlich Tausende Patienten in deutschen Kliniken und Pflegeheimen getötet würden, sei unverantwortliche und "als völlig unseriös zurückzuweisen", erklärte der Präsident der Krankenhausgesellschaft, Thomas Reumann, am Mittwoch in Berlin.

Wissenschaftler um den Psychotherapeuten Karl H. Beine hatten hochgerechnet, dass möglicherweise bis zu 21.000 Patienten pro Jahr durch die Hand von Klinikpersonal ums Leben kommen. Beine betonte am Mittwoch erneut, dass die Zahlen nicht repräsentativ seien. Sie sollten jedoch alarmieren und zu weiterer Forschung auffordern.

Eine Zahl steht im Raum. Die Zahl 21 000. So viele Menschen fallen Jahr für Jahr "der Profitgier im Gesundheitssystem" zum Opfer. So steht es jedenfalls auf dem Umschlag des Buches von Karl H. Beine und Jeanne Turczynski. Der renommierte Professor und Chefarzt hat die Redakteurin des Bayrischen Rundfunks auf einer Tagung kennengelernt, auf der er über Morde referierte, die Pfleger an Patienten verübten. Nun legen die beiden "Tatort Krankenhaus" vor. Schon der Untertitel lässt erschaudern. "Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert."

Der Mediziner beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Frage, warum Menschen, die eigentlich einen helfenden Beruf haben, Patienten töten. "Professor Beine ist meines Wissens der einzige Arzt, der sich systematisch wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt", sagt der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Dass nun ein Buch auf den Markt kommt, das "dieses Tabuthema anspricht", findet Lauterbach "sehr wichtig und sehr lobenswert". Die These, nach der das Gesundheitssystem "marode" sei, teilt Lauterbach allerdings ausdrücklich nicht. Und er glaubt auch nicht, dass 21 000 Menschen pro Jahr vom medizinischen Personal getötet werden. Weder sei die Art der Befragung, die zu der Studie führte, wissenschaftlich, noch entsprechen Lauterbachs Erfahrungen der genannten Zahl. "Aber das Phänomen gibt es." Damit meint der Politiker den im Buch angeprangerten ökonomischen Druck, der auf dem Krankenhauspersonal lastet. Und der führe zumindest dazu, dass Tötungen von Patienten lange unbemerkt bleiben.

"Das Buch ist ein Debattenbuch, kein wissenschaftliches Werk", bestätigt Karl H. Beine und erklärt dann die "nicht repräsentativen Zahlen". Das Krankenhauspersonal dieses Landes hat von Beine und seinen Leuten per Post oder als E-Mail-Anhang einen Fragebogen bekommen. Die entscheidende Frage war: "Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?" Beine gibt zu, dass dies "eine sehr weit gefasste Frage ist, die breiten Interpretationsspielraum lässt". 5055 Kranken-und Altenpfleger sowie Ärzte haben sich beteiligt. 3,4 Prozent der Ärzte, fünf Prozent der Altenpfleger und 1,5 Prozent der Krankenpfleger haben die Frage mit "Ja" beantwortet. In den Pflegeheimen waren es 1,01 beziehungsweise 1,83 Prozent der Kranken- und Altenpfleger. Aber Beine sagt, man könne aus den Antworten "nicht schließen, dass wir über 21 000 Mord- oder Totschlagsdelikte in deutschen Krankenhäusern reden". Was aber sagt uns die Umfrage stattdessen? "Es geht darum, die These von den Einzeltätern zu erschüttern." Und um das System, in dem die Ökonomen in den Krankenhäusern mehr zu sagen haben als die Ärzte. Ein System, das Wegschauen fördere.

Eugen Brysch, Vorstand der "Deutschen Stiftung Patientenschutz", sieht das vorliegende Buch kritisch und wirft den Autoren "billige Semantik" vor. Statt Fakten gebe es nur Andeutungen. Und regelrecht ungehalten reagiert der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Thomas Reumann. Die Tötungsvorwürfe weist er als "Effekthascherei" zurück. Ärzte und Pflegekräfte gingen mit wirtschaftlichem Druck "professionell und verantwortungsvoll um".

Karl H.Beine, Jeanne Turczynski "Tatort Krankenhaus", Droemer, 256 Seiten, 19,99 Euro

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