Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Vater kämpft um faire Kita-Beiträge

Seit mehr als zwei Jahren scheut Danilo Fischbach, hier auf dem Dorfanger in Schwante, keine Mühen im Kampf gegen hohe Kita-Beiträge. Warum er sich den Stress antut? "Ich will meiner Tochter eine bessere Welt hinterlassen."
Seit mehr als zwei Jahren scheut Danilo Fischbach, hier auf dem Dorfanger in Schwante, keine Mühen im Kampf gegen hohe Kita-Beiträge. Warum er sich den Stress antut? "Ich will meiner Tochter eine bessere Welt hinterlassen." © Foto: MOZ
Mathias Hausding / 27.04.2017, 12:53 Uhr
Schwante (MOZ) Was kann ein Einzelner schon ausrichten gegen mögliche Ungerechtigkeiten? Eine ganze Menge. Das zeigt der Brandenburger Elternvertreter Danilo Fischbach mit seinem Kampf für gerechte Kita-Beiträge. Jetzt wird er vom Landtag für sein Engagement ausgezeichnet.

Seine erste Errungenschaft war eine Excel-Tabelle. Er hatte Eltern gebeten, die Kita-Satzungen ihrer Gemeinden zu studieren und die Ergebnisse zusammengetragen. Fazit: In manchen Kommunen im Land müssen durchschnittlich verdienende Eltern pro Monat 450 Euro für einen Krippenplatz zahlen, in anderen 130 Euro. Teilweise machen je nach Wohnort ein paar Kilometer einen Unterschied von 200 Euro - für dieselbe Leistung.

"So eine Liste gab es nicht. Dabei wäre es Aufgabe der Landesregierung gewesen, sich das Treiben der Kommunen genauer anzuschauen", findet Danilo Fischbach. Das passierte aber nicht, genauso wie sich lange Zeit niemand für die inzwischen richterlich bestätigten Rechtsverstöße vieler Kommunen beim Essengeld für Kita-Kinder interessierte.

Anfang 2015 nahm sich Danilo Fischbach dieser Sachen an, ein damals 31 Jahre alter Justizvollzugsbeamter aus Schwante im Kreis Oberhavel. Seine Tochter kam gerade in den Kindergarten, und er wunderte sich über die hohen Beiträge. "Als ich in der Gemeindevertretersitzung fragte, warum es bei uns so teuer ist, wurde ich ausgelacht. Niemand hat mich für voll genommen", erinnert sich Fischbach.

Damit war sein Ehrgeiz geweckt. "Aus Widerstand ziehe ich Kraft", sagt er rückblickend. Er begann zu recherchieren, suchte den Kontakt zu anderen Eltern, spann Netzwerke, löcherte Verwaltungsmitarbeiter und Politiker mit Fragen. Und er nahm die Landesregierung ins Visier, denn dass Berlin und andere Bundesländer Kitas zunehmend beitragsfrei machten, man das aber für Brandenburg kategorisch ablehnte, leuchtete ihm nicht ein.

"Schnell bekam ich den Stempel eines Aufrührers." Man warf ihm vor, es gehe ihm ums Geld. "Dabei will ich einfach eine familienfreundliche Politik - und bessere Betreuungsqualität in den Kitas." Die Zahl der Eltern, die sich seiner Initiative auf Facebook anschlossen, wuchs. Wann immer es ging, besuchte er Versammlungen zur Kita-Problematik und ergriff das Wort. Ohne dabei ungehalten zu werden, widersprach er jenen, die behaupteten, dass alles in Ordnung sei.

Er schrieb Mails, diskutierte in Online-Foren, reiste durch die Bundesrepublik. Von Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ließ er sich erklären, wie man den Einstieg in die Beitragsfreiheit hinbekommt. Ein Foto von sich und der Sozialdemokratin stellte er ins Netz. Es folgten Treffen mit Manuela Schwesig, Raed Saleh, Gregor Gysi und Peter Tauber. Warum das alles? Und warum lud ausgerechnet er sich das auf, "ein einfacher Mann aus dem Volk", wie er sich selbst beschreibt? "Nach dem ersten Jahr bat mich meine Frau, wieder mehr Zeit mit der Familie zu verbringen", erzählt er. Aber Fischbach konnte nicht aufhören. Seine Tochter war doch der Antrieb. "Ich will ihr eine bessere Welt hinterlassen."

Danilo Fischbachs Vater ist Maurer, seine Mutter Kellnerin. Er ist der erste in der Familie, der Abitur gemacht hat. "Das brachte Konflikte", sagt er. Auf ein Jura-Studium verzichtete er aus Rücksicht auf seine Eltern. Das bereut er heute. Geprägt hat ihn seine Zeit als Fußball-Schiedsrichter. 13 war er, als er damit anfing. "Beschimpfungen ertragen und trotzdem konsequent die geltenden Regeln durchsetzen - das lernt man da."

Ans Aufgeben hat er in seinem Kita-Kampf nie gedacht. "Dafür waren die Widerstände zu groß", lautet die ungewöhnliche Begründung. Vielleicht gehört auch Sturheit dazu, so etwas durchzuziehen. "Ich bin nicht so der lockere Typ", sagt Fischbach über sich selbst.

Und siehe da, die Beharrlichkeit begann sich langsam zu lohnen. Gerrit Große, Landtagsabgeordnete der Linken, sagt über die jüngsten Entwicklungen in der Kita-Politik des Landes: "Wir hätten uns alle nicht bewegt, wenn Herr Fischbach uns nicht angetrieben hätte."

Landespolitiker und auch das Bildungsministerium prangern nun öffentlich die Intransparenz der Kommunen bei der Berechnung der Kita-Beiträge an. Städte überlegen sich heute zweimal, ob sie die Beiträge erhöhen, weil sie wissen, dass die Eltern wach und kritisch sind. Eine Mustersatzung sollte eingeführt werden, damit Gemeinden die Eltern nicht länger übervorteilen. Die Idee scheiterte am Widerstand des Städte- und Gemeindebunds, der sich das als Einmischung in kommunale Angelegenheiten verbat.

"Viele Kommunen mauern weiterhin. Es bleibt noch eine Menge zu tun", sagt Gerrit Große. Aber ein Anfang sei gemacht. Danilo Fischbach habe großen Anteil daran, dass das Kitagesetz mit Blick auf mehr Mitbestimmung der Eltern geändert wurde. "Er hat immer wieder auf die Probleme hingewiesen."

Es folgten Parteitagsbeschlüsse, in denen sich die Linken und jüngst auch die Grünen für die Beitragsfreiheit aussprachen. Im September 2016 erklärte sich auch die SPD erstmals bereit, die Eltern ein wenig zu entlasten. Eine Kommission brütet seitdem darüber, wie das aussehen könnte, während SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke vor wenigen Wochen überraschend deutlich befand, dass "Bildung von der Kita bis zum Uni-Abschluss kostenfrei" sein müsse.

Dass diese Aussage etwas mit Danilo Fischbach zu tun hat, würde Woidke wohl bestreiten. Seine Partei tut sich schwer mit diesem engagierten, unbequemen Bürger. Seit zwei Jahren blockiert ihn die Landes-SPD auf ihrer Facebook-Seite. Wenn dort mit der Netzgemeinde über Familienpolitik diskutiert wird, darf Fischbach nicht mitreden. "Es ist nicht schön, mundtot gemacht zu werden", bedauert er.

Sein Vergehen: Er hatte einige Kommentare zusätzlich mit Links versehen, unter anderem den zur Petition für Beitragsfreiheit. Die SPD will sich zu Fischbach am liebsten gar nicht äußern. Auf mehrfache Bitten erklärt sich Generalsekretärin Klara Geywitz schließlich bereit, Fragen zu beantworten. Sie schätze Fischbachs Engagement, teilt sie schriftlich mit, um dann Verdienste ihrer Partei um die frühkindliche Bildung in den Vordergrund zu rücken. An der Entscheidung, Fischbach zwei Jahre lang bei Facebook zu blockieren, gebe es nichts auszusetzen, schreibt Geywitz weiter. Er habe doch in dieser Zeit mehrfach persönliche Gespräche mit SPD-Abgeordneten führen dürfen.

Diesen Freitag erhält Danilo Fischbach, seit einigen Monaten Kita-Elternsprecher auf Bundesebene, im Rahmen einer Festveranstaltung die Medaille des Landtages "zur Anerkennung von Verdiensten für das Gemeinwesen". Auf Vorschlag der Linksfraktion. "Natürlich macht mich das stolz", sagt er. "Die Auszeichnung ist eine Anerkennung für alle engagierten Eltern."

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Rolf Lustig 27.04.2017 - 14:26:31

Politiker

Der Kommentar von Frau Große:" Wir hätten uns alle nicht bewegt" und die Anfeindungen aus allen Reihen der Politik gegen das Engagement Herrn Fischbachs, sollten den BürgerInnen zu denken geben. Ob auf kommunaler oder landespolitischer Ebene scheinen unsere GEWÄHLTEN ihrer Arbeit gar nicht oder nur sehr widerwillig nach zu kommen. Aber wofür beziehen sie ihre Diäten und Aufwandsentschädigungen. Es widerspiegelt die Moral jener Kaste, denen die BürgerInnen schon lange am Arsch vorbei gehen.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG