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Debatte über demografische Entwicklungen in Ostdeutschland

Verlassene Häuser: In einigen Teilen Ostdeutschlands prägten sie zwei Jahrzehnte lang das Bild. Doch der Trend scheint abzuflauen. In einigen Gegenden kehrt er sich sogar um
Verlassene Häuser: In einigen Teilen Ostdeutschlands prägten sie zwei Jahrzehnte lang das Bild. Doch der Trend scheint abzuflauen. In einigen Gegenden kehrt er sich sogar um © Foto: dpa
André Bochow / 03.05.2017, 19:30 Uhr
Berlin (MOZ) Hunderttausende haben nach dem Mauerfall Ostdeutschland verlassen. Die Folgen sind bekannt. Vergreisung und Verödung drohen. Oder doch nicht? Fast 27 Jahre nach dem Ende der DDR diskutierten Politiker und Experten darüber, was der Wandel bedeutet.

"Das Aschenputtel der Region hat sich zum schönen Schwan entwickelt." Diesen gewagten Vergleich bemüht Kathrin Schneider (SPD), Brandenburgs Infrastrukturministerin, um von Erfolgen zu schwärmen. In diesem Fall geht es um die Lausitz und die Verwandlung von Braunkohlelandschaften in eine Tourismusregion. Die Podiumsdiskussion in den Räumen der Stiftung Aufarbeitung beginnt also optimistisch. Neuerdings, so die Ministerin, gebe es sogar eine "Trendumkehr" bei der Bevölkerungsentwicklung.

Allerdings war der Aderlass zuvor gewaltig. "Der Osten war ohnehin immer dünner besiedelt als der Westen", sagt Reiner Klingholz, Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. "Und die DDR hat in jedem einzelnen Jahr ihrer Existenz Bevölkerung verloren." Nach dem Ende des Arbeiter-und Bauernstaates sind 1,8 Millionen Menschen abgewandert. "Vorwiegend junge, vorwiegend weibliche Menschen. In den 90er-Jahren gab es außerdem den epochalen Einbruch bei den Geburtenzahlen." Diesen "demografischen Nachteil" holt man nicht so schnell auf.

Aber auch im Westen gibt es Gegenden, die große Veränderungen durchleben. Zum Beispiel das Ruhrgebiet. "Dort steht man vor Umbrüchen, die wir schon weitgehend bewältigt haben", erklärt mit einiger Bestimmtheit Dietlind Tiemann (CDU), die Oberbürgermeisterin von Brandenburg an der Havel. Als seinerzeit ein Elektrostahlwerk das alte Werk ersetzte, schrumpfte die Belegschaft von 10 000 auf 800 Mitarbeiter. Die Arbeitslosigkeit lag 2003 bei 24 Prozent. Jetzt sind es etwas über neun Prozent. Die Stadt wurde umgebaut und attraktiver gemacht. Es gibt Rückkehrer. Und 3000 Studenten an der 1992 gegründeten Technischen Hochschule. "Ein Glücksumstand für uns." Es geht also voran mit der Stadt Brandenburg. Wenn da nur nicht die drohende Kreisgebietsreform wäre. Aber das ist ein anderes Thema.

"Kommunen ab 20 000 Einwohnern haben sich in Ostdeutschland einigermaßen stabilisieren können", sagt Reiner Klingholz. Allerdings ist es so, "dass sich diese Städte oft auf Kosten ihres Umlandes stabilisieren". So etwas nennt man Strukturwandel. Und den hält man nicht auf. "Man kann ihm nur sehr viel Geld hinterherwerfen. Das Geld ist dann aber weg." Klingholz spricht sich klar gegen sinnlose Rettungs-oder Wiederbelebungsversuche aus. "Es gibt kein Grundrecht von Regionen auf dauerhafte Besiedelung." Andererseits, meint Kathrin Schneider, hilft manchmal auch ein Perspektivwechsel. Wenn, wie es bereits geschieht, die Uckermark entdeckt, dass sie "zum Einzugsgebiet der Metropolenregion Stettin gehört". Weil umgekehrt viele Polen in die Uckermark ziehen "macht das Amt Gartz keine Schulen mehr zu".

"Was nützt das alles, wenn das Zugfahren in Brandenburg zur Tortur wird?", schimpft eine Rentnerin, als die Publikumsdiskussion eröffnet wird. Andere beklagen, dass es kein schnelles Internet auf dem Land gibt. Oder dass gut Deutsch sprechende und bestens ausgebildete Flüchtlinge nicht bleiben dürfen.

Der entscheidende Faktor für Entwicklung bleibt menschliche Tatkraft. "Wir haben das auch im ländlichen Raum untersucht", sagt Reiner Klingholz. "In einem Meer des Schrumpfens sehen wir Inseln, die stabil sind und wo die Bevölkerung sogar wächst." Entscheidender Indikator: "Eine hohe Vereinsdichte als Zeichen dafür, dass Leute etwas machen wollen und sich wohl fühlen."

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