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Knappe Rettung aus höchster Not

Mit großem Tiefgang: Bis zum Äußersten beladen sind die Boote, die die von den Fluten Eingeschlossenen in Sicherheit bringen.
Mit großem Tiefgang: Bis zum Äußersten beladen sind die Boote, die die von den Fluten Eingeschlossenen in Sicherheit bringen. © Foto: Oderlandmuseum
Reinhard Schmook / 07.05.2017, 07:30 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) 2017 gibt es drei Hochwasser-Jubiläen: 300 Jahre Deichverband, 70 Jahre Hochwasser 1947 und 20 Jahre Sommerhochwasser 1997. Um den Höhepunkt der Flut von 1947 geht es im folgenden Beitrag.

Nachdem am frühen Morgen des 22. März 1947 sich die Oderfluten bei Reitwein in breitem Strom ihren Weg in das nun ungeschützte Oderbruch gebahnt hatten, dauerte es nur vier Tage, bis das Wasser bis Bad Freienwalde gekommen war. Man hatte noch die Zeit, die tief gelegenen Stadtteile rechtzeitig zu evakuieren. In jenen Tagen mussten tausende akut vom Hochwasser bedrohte Oderbruchbewohner in Sicherheit gebracht werden, was zu einer hektischen und schlecht vorbereiteten Evakuierungsaktion führte. Das Zentrum der Bergungs- und Evakuierungsmaßnahmen war Bad Freienwalde. Der Marktplatz und die angrenzenden Straßen glichen einem Heerlager. Lastkraftwagen an Lastkraftwagen rollten über den Markt, dazwischen Handwagen, Pferdefuhrwerke, hohe Berge von Zucker und Getreide, einfach auf die Straße geschüttet, Ordner mit weißen Armbinden, deutsche Polizei, russische Polizei, deutsche Feuerwehrleute, russische Pioniere und die Bauern mit ihren Familien, deren Heimat bereits überflutet war. Auf dem Höhepunkt der Flutkatastrophe stand ein Gebiet von 50 Kilometern Länge und 15 Kilometern Breite unter Wasser, eine Fläche von 70 000 Hektar, so groß wie der Bodensee! Hier lebten an die 17 000 Menschen, die großenteils von den Fluten völlig überrascht wurden. In Neutrebbin wurden 2300 Menschen eingeschlossen. Bis zu den Dächern stand das schmierige Wasser, floss gurgelnd durch geborstene Fenster in die Häuser, brach sich an Hausecken und stürzte gurgelnd weiter. Viele mussten die frostige Nacht auf den Dächern ihrer Häuser verbringen und konnten nur noch hoffen, am kommenden Tage aus ihrer misslichen Lage befreit zu werden. Noch aber waren keine Motorboote und Prahme da, so dass die armen Menschen zunächst nur mit kleinen Kähnen nach und nach gerettet werden konnten. Das Vieh musste zurückbleiben und kam zumeist in den Fluten um. Die voll beladenen Kähne schwankten, tief im Wasser liegend, in Richtung Kunersdorf zum rettenden Ufer. Die Männer, Frauen und Kranken, die weinenden Kinder mit ihren erfrorenen Händchen, wurden an der Landungsstelle liebevoll empfangen und registriert, damit sich die Familien später wieder zusammenfinden konnten. Danach wurden sie verpflegt und mit Lastkraftwagen nach Bad Freienwalde gebracht.

Am Ostersonntag, dem 6. April 1947, waren die Oderfluten zu ihrem Höchststand aufgelaufen. Außerdem hatte ein heftiger Sturm eingesetzt, der die Wellen hochschlagen ließ und eine große Anzahl von Häusern wegriss. In Neurüdnitz und Neuküstrinchen stürzte etwa die Hälfte der Häuser an diesem ersten Osterfeiertag ein und in Neuranft blieben vom ganzen Dorf nur fünf Häusern stehen. Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe und der widrigen Rahmenbedingungen so kurz nach dem Krieg waren die Verluste an Menschenleben mit 20 noch relativ gering. Sie wären allerdings noch wesentlich geringer gewesen, wenn nicht der Sturm dazugekommen wäre. Viele der Evakuierten konnten nicht schwimmen oder haben die Gefahren von Wasser und Wind einfach unterschätzt. Die Namen der Toten sind damals in der "Märkischen Volksstimme" (Mai 1947) veröffentlicht worden und sollen hier nach 70 Jahren nochmals genannt werden: Erna Arnold (ertrunken in Gorgast), Ewald Balzon (ertrunken in Neu Rosenthal), Otto Hagen (verunglückt in Golzow-Ausbau), Hermann Schlüner (verunglückt in Bollersdorf bei Buckow), Emil Lorenz, Wanda Lorenz, Elfriede Lorenz, Else Lorenz und Edmund Dill (ertrunken in Neutrebbin), Elisabeth Pitzmann und Josef Prizepalla (ertrunken in Neulietzegöricke),

Hans Jablinski (ertrunken in Sophienhof), Erich Schulz (verunglückt in der Polizeischule Eberswalde), Selma Wachs und zwei Kinder (ertrunken in Adlig Reetz), zwei unbekannte Frauen (ertrunken am 27. März 1947), zwei weitere Personen ertrunken, die nicht identifiziert werden konnten.

Der Katastrophenstab befand sich im Arbeitszimmer des Oberbarnimer Landrates Eisenführ im Freienwalder Kreishaus hinter der Nikolaikirche. Hier liefen die Meldungen und Hilferufe zusammen. Von hier aus wurde der Einsatz der Hilfskräfte bei den Evakuierungsmaßnahmen koordiniert. Zur Seuchenbekämpfung wurden alle Geretteten zunächst in einem Quarantänelager in Finow zusammengefasst. Für die 160 Lastkraftwagen, die von Bad Freienwalde aus die Flutopfer von den Anlandestellen holten, musste das Benzin organisiert werden. Eine unter die Haut gehende Schilderung der Situation in Bad Freienwalde in jenen Tagen lieferte ein Sonderberichterstatter der "Neuen Zeit": Das Wasser ist das einzige Gesprächsthema der Stadt. ... In den Lokalen, wo die Männer ein warmes Essen flüchtig in sich hineinstopfen, riecht es muffig nach den durchnässten Kleidern, schnell noch einen Schnaps und dann wieder hinaus, so geht es Tag und Nacht. Die Flüchtlinge mit ihren hohlen Augen peitschen die Männer zu immer größerer Leistung auf. Da trottet ein Bauernkarren durch die Straße, hinten hält sich eine junge Frau an einem Tauende fest, klammert sich daran, lässt sich müde und mit eingefallenem Gesicht weiterschleppen. Oben auf dem Wagen türmen sich Betten und Misten und Kasten, ziellos irgendwohin geht der Weg. Nachrichten werden ausgetauscht, Gerüchte kursieren, da fällt das Wasser, da steigt es, keiner hat klaren Überblick, es ist ja auch eine Wissenschaft, sich mit den vielen Poldern, Kanälen, Wasserläufen, Schleusen und Schöpfwerken auszukennen. Flüchtig lässt man sich erklären, was ein "Rückstau' ist. Die meisten Menschen aber geben sich keine Mühe, die Katastrophe auch von der sachlichen Seite her zu begreifen. Sie sind bedroht, das Wasser hat ihnen ihre Habe genommen, das genügt. Die Gesichter erinnern so schrecklich an die eben von uns gegangene Furie des Krieges. Noch viele, viele Flüchtlingskarren, so wie einst aus den heute polnisch besetzten Gebieten, ziehen jetzt aus dem heute vom Wasser verschlungenen Land." So nahm die Katastrophe ihren Lauf und ist den unmittelbar Betroffenen zu einer prägenden Lebenserfahrung geworden. (Quellen: Bericht des Deichhauptmanns Fritz Grasnick vom 28. Juli 1947; "Neue Zeit" Nr. 75 vom 29. März 1947)

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