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Madyan Sawah flüchtet mit Frau und Kindern aus Syrien und findet in Käthe Schwanz eine neue Mutter

Nachbarin mit Herz

Kümmern sich umeinander: Käthe Schwanz (81) aus Bad Freienwalde und ihr syrischer Nachbar Madyan Sawah mit seiner Tochter Tala helfen sich gegenseitig. Inzwischen ist Käthe Schwanz Oma und Mama für die Familie aus Damaskus geworden.
Kümmern sich umeinander: Käthe Schwanz (81) aus Bad Freienwalde und ihr syrischer Nachbar Madyan Sawah mit seiner Tochter Tala helfen sich gegenseitig. Inzwischen ist Käthe Schwanz Oma und Mama für die Familie aus Damaskus geworden. © Foto: MOZ/Heike Jänicke
Heike Jänicke / 12.05.2017, 19:35 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) Madyan Sawah ist vor sieben Jahren aus Syrien geflüchtet. Jetzt lebt der 47-Jährige mit den vier Kindern und seiner Frau in Bad Freienwalde - in den eigenen vier Wänden. Seine Nachbarin ist Käthe Schwanz. Madyan Sawah nennt sie liebevoll "Mama".

Der Tisch im Wohnzimmer ist gedeckt. Neben schön geformten Sammeltassen stehen Kekse und Pralinen. Kaffeeduft zieht durch die helle Wohnung. Es ist Freitagvormittag. Käthe Schwanz erwartet Besuch. Ihr Nachbar ist mit Familie zum Interview eingeladen. "Komm rein", ruft die 81-Jährige Madyan Sawah zu. Er wohnt seit April 2016 in der Wohnung vis-á-vis, in der ersten Etage. Der 47-Jährige nimmt Käthe Schwanz in den Arm. An seiner linken Hand zappelt Tochter Tala (7). "Wo ist Deine Frau", fragt Käthe Schwanz. Sie wolle nicht kommen, meint Madyan Sawah und zuckt mit den Schultern. Inzwischen haben Albert Lüben (64) und Brigitte Maretzky (67) am Tisch Platz genommen. Während Albert Lüben davon erzählt, dass er Madyan Sawah in der Zeit, als er noch in der Flüchtlingsunterkunft in der Eberswalder Straße gelebt hat, die ersten deutschen Wörter und die Zahlen beigebracht hat, gießt Brigitte Maretzky Kaffee ein. Die Bad Freienwalderin ist mit Käthe Schwanz befreundet. Darüber habe sie den syrischen Nachbarn kennengelernt, sagt sie. Das liegt jetzt einige Monate zurück.

Noch viel länger ist es her, als Madyan Sawah wegen des Krieges seine Heimatstadt Damaskus verlassen und in den Libanon flüchten musste. Dort lebte er mehr als vier Jahre, bis er erneut die Flucht ergreifen musste, ohne seine Frau Ramia Wehbeh (37) und Tochter Tala. Nur die drei älteren Jungs, Abdalhadi (16, Mohamad (12) und Karim (9) durften mit ihm gehen. Zwei Wochen dauerte die abenteuerliche Flucht vom Libanon über die Türkei nach Griechenland, über Mazedonien, Kroatien, Serbien und Österreich nach Deutschland. Madyan Sawah hat keine Scheu, darüber zu reden. Nur manchmal fehlen ihm die deutschen Vokabeln. Albert Lüben hilft ihm. An ein Datum kann sich der Syrer noch gut erinnern - der 26. September 2015. An diesem Tag kam er in der Erstaufnahmezentrale in Eisenhüttenstatt an. Im Dezember wechselten er und seine Söhne nach Bad Freienwalde. Und im April 2016 zog er in seine eigenen vier Wände, eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung am Scheunenberg. "Wir haben uns draußen vor der Haustür das erste Mal gesehen. Madyan war sehr freundlich und grüßte mich auch gleich", weiß Käthe Schwanz noch ganz genau und blickt zu ihrem Nachbarn hinüber. Offenbar hatte es das Schicksal so gewollt. "Inzwischen bin ich die Oma für die Kinder", sagt die 81-Jährige und erzählt, dass sie unter anderem mit einem der drei Jungen, mit Karim, schon Plätzchen gebacken habe, und sie auch schon von Madyan Essen probiert habe. Er könne wirklich gut kochen und backen, meint sie. Das habe er lernen müssen. In der Zeit, als seine Frau noch im Libanon war, sie durfte erst vor zwei Monaten nachkommen, sei Madyan Mutter und Vater zugleich gewesen. "Wir kümmern uns einfach umeinander", sagt sie und möchte nicht, dass so viel Aufhebens darum gemacht werde. Zwischendurch reicht sie Tala die Kekse. Das Mädchen sitzt brav neben Madyan Sawah. Ihre schwarzen Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden. Hin und wieder wirft sie ihrem Vater einen schüchternen Blick zu. Die Siebenjährige versteht kein Wort Deutsch. Aber wohl fühlt sie sich. Dafür sorgt Oma Käthe. Die erlaubt ihr auch, mit einer der Puppen zu spielen, die auf dem gemütlichen Sofa hinter ihr sitzen.

Gern würde Madyan Sawah wieder in seinem Beruf arbeiten. Er ist gelernter Tischler mit 35-jähriger Berufserfahrung. Schon als Zwölfjähriger hat er bei seinem Vater das Handwerk erlernt. In Syrien hatte der 47-Jährige eine eigene Firma, war verantwortlich für sieben Mitarbeiter. Jetzt will er zunächst richtig Deutsch lernen. Die ersten 300 Unterrichtsstunden hat er zwar bereits absolviert. Den Test hat er aber nicht bestanden, wie auch seine 24 Mitschüler nicht. Deshalb hofft er, noch einmal einen Kurs besuchen zu können. Ansonsten sei er glücklich, sagt er. Vor allem, weil seine Familie jetzt wieder zusammen sei.

Beim Einrichten der Wohnung haben ihm Brigitte Maretzky und Katrin Jürgens geholfen. Die Frauen kennen sich über die Landeskirchliche Gemeinschaft Bad Freienwalde. Sie sind zur Stelle, wenn Madyan und seine Familie Hilfe brauchen. Vor allem seine "Schwester Katrin", wie er betont, habe ihm viel geholfen. Beim Ordnen der Post, beim Besuch von Ämtern, beim Einkaufen. Sie wisse, wie es ist, eine Sprache nicht zu verstehen. Sie sei mit einem Armenier verheiratet gewesen und habe für eine Weile in Armenien gelebt. Deshalb sei es ihr eine Herzensangelegenheit zu helfen, sagt Katrin Jürgens. Sie hat sich auf dem Weg zur Arbeit kurz zur Runde gesellt.

Mittlerweile ist es fast 13 Uhr. Madyan und Tala überraschen Käthe Schwanz mit einem von Brigitte Maretzky organisierten Blumentopf. Zum Muttertag. "Das ist nicht Frau Schwanz. Das ist meine Mama", wendet sich Madyan Sawah an die Fotografin und sagt: "Ich liebe sie." Käthe Schwanz ist den Tränen nah, ihr Nachbar ebenso. Er ist ihr zum Sohn geworden. Und dann gibt es das Foto zur Erinnerung an die deutsch-syrische Familie.

Mehr zu diesem Thema: www.moz.de/muttertag

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