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Fremd im eigenen Land: Schwerer Neustart für abgeschobene Mexikaner

Everardo und Juan Flores (r) treffen sich nach fünf Jahren am Flughafen von Mexiko-Stadt wieder. Die US-Behörden haben Everardo ohne gültige Papiere erwischt und abgeschoben.
Everardo und Juan Flores (r) treffen sich nach fünf Jahren am Flughafen von Mexiko-Stadt wieder. Die US-Behörden haben Everardo ohne gültige Papiere erwischt und abgeschoben. © Foto: dpa
30.05.2017, 07:26 Uhr
Mexiko-Stadt (dpa) Die US-Behörden schieben Monat für Monat Tausende Mexikaner ab. Häufig haben sie ihr Heimatland schon als Kinder verlassen und ihr ganzes Leben in den Vereinigten Staaten verbracht. Zurück in Mexiko müssen sie sich erst einmal neu zurecht finden.

Juan Flores hat seinen Sohn Everardo seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. Jetzt wartet er im Terminal 2 des Flughafens von Mexiko-Stadt auf den 28-Jährigen. Die US-Behörden haben Everardo ohne gültige Papiere erwischt und abgeschoben. In ein Land, das er kaum kennt.

Juan kehrte freiwillig von Chicago nach Mexiko zurück, weil er in den USA keine Arbeit mehr fand. "Meine Ex-Frau und meine fünf Kinder sind dort geblieben", sagt er. Über 20 Jahre arbeitete er in den Vereinigten Staaten auf dem Bau, aber zuletzt wollte ihn kein Unternehmen mehr. "Ich bin schon älter. Die Firmen wollen jüngere und stärkere Leute."

In Mexiko fand sich Juan schnell wieder zurecht. Er befürchtet allerdings, dass es seinem Sohn nicht so leicht fallen wird. "Ich habe ihn mit nach Chicago genommen, als er drei Jahre alt war", erzählt Juan, während er die Glastür der Zollabfertigung nicht aus den Augen lässt. "Er ist dort zur Schule gegangen. Seine Frau und seine zwei kleinen Kinder sind in den USA. Mexiko ist für ihn ein fremdes Land."

Tausende Mexikaner werden jeden Monat in ihr Heimatland abgeschoben. Auf viele wartet ein Kulturschock. "Bei einem großen Teil handelt es sich um Menschen, die Mexiko verlassen haben, als sie Kinder waren", sagt die Direktorin des zur Einwanderungsbehörde gehörenden Regierungsprogramms "Somos Mexicanos" (Wir sind Mexikaner), Dalia García Acoltzi. "Weil sie keine gültige Aufenthaltgenehmigung oder Vorstrafen haben, werden sie in ein Land abgeschoben, das sie nicht als ihres wahrnehmen."

Von Januar bis April wurden 47 169 Mexikaner aus den USA in ihr Heimatland abgeschoben. Trotz der harten Rhetorik von US-Präsident Donald Trump sind das deutlich weniger als im Vorjahreszeitraum, als noch 66 998 Menschen abgeschoben wurden. Illegale Migranten in den Vereinigten Staaten passen jetzt offenbar besonders auf.

"Sie sind vorsichtiger geworden. Viele versuchen, einen Aufenthaltstitel zu bekommen. Wenn die Beamten der Einwanderungsbehörde klingeln, machen sie nicht auf", sagt García. In den Latinogemeinden geht die Angst um. Nach Angaben der mexikanischen Einwanderungsbehörde kehrten in diesem Jahr bereits 25 Familien freiwillig zurück, weil sie fürchteten, durch eine Abschiebung auseinandergerissen zu werden.

Illegale Einwanderer aus Mexiko werden an den Grenzübergängen überstellt oder in Flugzeugen der US-Migrationsbehörde ICE nach Mexiko-Stadt gebracht. Dreimal pro Woche landen die Flieger in der mexikanischen Hauptstadt mit jeweils 135 Passagieren an Bord. Auf den Anzeigetafeln des Airports tauchen die Flüge nicht auf. Alle Abgeschobenen tragen Handschellen.

"Wenn sie aus der Tür des Flughafens kommen, denken viele: "Endlich bin ich frei." Viele von ihnen waren in den USA zwei oder drei Monate in Abschiebehaft", sagt Francisco Mayo vom Zentrum zur Unterstützung von Migranten. Dieses berät die Abgeschobenen juristisch und unterstützt bei den ersten Schritten in Mexiko.

"Allerdings wissen viele nicht, was sie hier tun sollen. Sie kennen die Stadt nicht und wissen nicht wohin sie gehen sollen. Deshalb benötigen sie Unterstützung", sagt Mayo.

Gegen Mittag öffnen sich die Glastüren und die ersten Abgeschobenen kommen heraus. Alle tragen eine Plastiktüte bei sich mit einer Flasche Wasser, etwas zu essen, einem Hygiene-Set und einem Dokument, das sie als Abgeschobene ausweist. Suchend blicken sie sich um, halten Ausschau nach vertrauten Gesichtern. Nicht auf alle wartet jemand.

"Ich habe versucht, Kontakt zu einigen Tanten und Nichten aufzunehmen", sagt Arturo Saldaña Valdez. 40 Jahre hat der 51-Jährige in den USA gelebt. Nun wurde er abgeschoben für "Dummheiten, als ich jung war", wie er sagt. Seine Frau und seine fünf Kinder blieben in den USA zurück. "Ich versuche jetzt, hier meine Dokumente in Ordnung zu bringen. Dann will ich sehen, ob ich nach Kanada gehen und mich dort mit meiner Frau und meinen Kindern treffen kann", sagt er.

Als einer der letzten tritt auch Everardo aus der Tür und schließt seinen Vater in die Arme. "Ich freue mich, ihn wiederzusehen", sagt er. "Jetzt muss ich mir Arbeit beschaffen und sehen, wie ich wieder mit meiner Frau und meinen Kinder zusammenkomme. Vielleicht kann ich auch etwas mehr von Mexiko kennenlernen. Es ist lange her, dass ich weggegangen bin und ich möchte mein Land kennenlernen."

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Piefke Saga 30.05.2017 - 18:50:24

Mit Nachfolger sind natürlich die gemeint, die die Drecksarbeit,

erledigen sollen, wenn die "Illegalen" aus dem Land (USA) wären. Nur, ich kann niemanden erkennen, der sie ersetzen könnte. Es sei denn, der "gemeine" US-Bürger ist bereit für Trum:P tieeeeef in die $-Taschen greifen zu wollen. Ich bezweifle das. Es wird ein böses Erwachen geben!

Piefke Saga 30.05.2017 - 14:43:11

Sie tun ja grad so, als ob die Mexikaner erst seit kurzem in die USA illegal eingereist sind.

Dem ist überhaupt nicht so. Jeder, aber auch wirklich jeder hat sie ausgenutzt und selbst der dümmste Roadkill-Esser in den Hillbilly Mountain wusste, wie man von ihnen, wie man durch sie Profit ziehen konnte. Gerade die illegalen Hispanos sind seit langem in die USA die Sklaven der Neuzeit nicht so extrem wie damals, aber die Richtung, die Absicht, sie stimmt überein. Die "Illegalen", sie wurden und werden ausgebeutet und immer schwingt die Keule der Abschiebung über ihnen ... eben, und genau das wusste selbst der dümmste Ami. Sie wurden in den USA geduldet, nicht Tage, nicht Monate, nicht Jahre sondern Jahrzehnte. Und alle, die heute die Klappe groß aufreissen, sie wussten, dass, über viele Jahre, niemand anderes als die Hispanos zu ihnen ins Haus gekommen wäre, der ihnen die Drecksarbeit für möglichst wenig Dollar gemacht hätte. Würden alle "Illegalen" von heute auf morgen nicht mehr in den USA sein, die gleichen Leute, die heute Trum:P nachschleimen, sie würden ihn schon bald darauf zum Teufel jagen. Denn, erstens, wer soll sonst die Drecksarbeit machen und zweitens, wer soll das bezahlen, was deren Nachfolger fordern?

Ralf H. Janetschek 30.05.2017 - 13:24:52

Zur Kritik der Ausländerrückführung

Es ist in keinster Weise zu kritisieren, daß Mexikaner, welche sich illegal in den USA aufhalten oder kriminell waren/sind, von den USA in ihr Heimatland verbracht werden. Wo sollen sie den sonst hin? Jedes Land ist verpflichtet, seine eigenen Staatsbürger "zurückzunehmen", dies international übliche Rechtspraxis. Den USA ist es nicht zuzumuten, Ausländer zu beherbergen, welche sie nicht haben wollen. Ralf H. Janetschek, Letschin

Paul Müller 30.05.2017 - 08:44:52

"Fremd im eigenen Land" :) da bin ich bei ihm ...

... Berlin erinnert auch immer mehr an arabische Krisengebiete ...

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