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Geschichte aus Beton

André Bochow / 14.06.2017, 19:50 Uhr
Berlin (MOZ) Am Berliner Nordbahnhof graben Archäologen derzeit nach Spuren der Mauer. Die Stiftung Berliner Mauer würde das Grundstück am liebsten als Schlussteil in die Gedenkstätte an der Bernauer Straße integrieren. Aber das Gelände ist an einen Investor vergeben.

Am Bauzaun wird für die Chippendales geworben. Die angebliche Nummer 1 unter den Männer-Revue-Shows verdeckt Historisches. Die Stein beziehungsweise Beton gewordene Geschichte lag allerdings bislang im Erdreich verborgen. Hinter dem Zaun rumpeln zwei Bagger übers Gelände. Nach Archäologie sieht das nicht aus. Ist es aber. "Wir haben hier eine Baubegleitung", sagt Torsten Dressler. "Das ist immer ein Kompromiss. Die Baufirma räumt die schweren Sachen weg und dann kommen wir. Aber wir müssen uns beeilen." Der Archäologe zeigt auf die ersten Teile für das Fundament. Ein Neubau rückt der Forschung auf den Pelz. Vor den Fundamentteilen sieht man ausgegrabene Keller, eine Betonschicht an der Oberfläche, eine Kabeltrasse und etwas, das wie eine Drehscheibe für Lokomotiven aussieht. Wie sich herausstellt, handelt es sich genau darum. Als ein bisschen tiefer gegraben wurde, kam dieser Rest des Stettiner Bahnhofs zum Vorschein, der später Nordbahnhof genannt wurde.

Hier, an der Ecke von Bernauer- und Gartenstraße, entsteht demnächst ein Wohn-und Geschäftsgebäude. Wenn es nach Günter Schlusche von der Stiftung Berliner Mauer ginge, wäre das nicht so. "Es gibt einen Bebauungsplan aus den 90er-Jahren. Und nach dem kann hier ein Gebäude errichtet werden." Die Bahn hat das Grundstück 2012 an die nach Eigendarstellung "vertikal integrierte Immobilienfirma ARB Investment Partners mit Sitz in Berlin" verkauft. Das ist nicht mehr rückgängig zu machen. "Es sei denn", so Schlusche, "der Eigentümer würde vom Land Berlin entschädigt." Das ist schlicht zu teuer. Immerhin hat das Landesdenkmalamt Ausgrabungen veranlasst. Denn das, was sich unter der Erde befindet, ist ein sogenanntes Bodendenkmal. Die "archäologische Suchgrabung" muss der Eigentümer bezahlen. Das Verhältnis zu dem Bauherrn sei sehr gut, sagt Schlusche. Dass der trotzdem möglichst schnell sein Haus errichten will, ist ebenso klar. Weil man im Untergrund jedoch das Fundament eines Postenturms vermutet, wird noch etwas länger der Boden umgewühlt.

"Die Stelle hier war ein ganz wichtiger Punkt der Grenzanlagen", sagt Schlusche. "Weil man von hier aus in zwei Richtungen die Übersicht hatte." Der Platz war früher erhöht. Die Grenzer kontrollierten von ihrem Postenturm einen rechten Winkel. Einen Abschnitt der Bernauer Straße und einen der Gartenstraße. Das ist bekannt. Auch ohne Archäologie.

Und am Ende wird aus dem Ausgegrabenen größtenteils Bauschutt. Was gefunden wird, gehört dem Eigentümer des Grundstücks. Bisher hat er alle gewünschten Teile an die Stiftung Berliner Mauer weitergegeben. Die lagert erst einmal die Fundstücke ein. Auf der anderen Seite der Gartenstraße. Lohnt es sich, dafür diesen Aufwand zu betreiben? "Ich stand hier mit dem Bauherrn", erzählt der Archäologe Dressler. "Also hier auf dem Postenweg." Der Bauherr habe auf die Mauergedenkstätte gezeigt und gesagt: "Wir haben doch auf einem Kilometer alles, was man wissen muss. Wen interessiert das hier eigentlich noch?" Eine Frage, die sich aufdrängt. Dressler scheint fast glücklich zu sein, sie beantworten zu sollen. Seit 2007 graben er und seine Leute auf dem Mauerstreifen. Die archäologischen Fenster in der Freiluftausstellung schauen sich nun fast eine Million Besucher im Jahr an. Hier am Nordbahnhof wird es keine archäologischen Fenster geben. "Genau darum geht es", sagt Dressler. "Ohne uns würde hier einfach alles verschwinden. Wir dokumentieren es. Punkt. Das ist überhaupt das Wichtigste." Aber eigentlich ist genauso wichtig, dass sich Zeitzeugen melden. An dieser Stelle sind zwei Menschen wegen des DDR-Grenzregimes ums Leben gekommen. Heinz Cyrus stürzte auf der Flucht vor Grenzsoldaten aus dem vierten Stock des Hauses in der Gartenstraße 85. Ernst Mundt wurde bei dem Versuch, die Mauer zu überwinden, erschossen. "Ich habe gerade einen Anruf von einer Dame bekommen, die hier aufgewachsen ist. Die hat erzählt, dass sie die Schüsse gehört hat." Wie aufs Stichwort kommt der nächste Zeitzeuge auf die Baustelle marschiert. Es ist Burkhart Veigel, einer der erfolgreichsten Fluchthelfer zu Mauerzeiten. Veigel wohnt gleich nebenan. 650 Menschen hat er bis 1970 in den Westen gebracht. Unter anderem mit der "Doppelgänger-Tour". "Er hat ein großes Interesse an unserer Arbeit." Mehr will Dressler jetzt nicht verraten.

"Und hier", erklärt der Archäologe begeistert, "war das Betonbett für die Panzersperren." Zu sehen ist ein Streifen, nun ja, aus Beton. In den 80er-Jahren wurden die Sperren wegen ihres zu martialischen Aussehens abgebaut. Aber Beton hält eben lange. Auch Reste von Leuchtmunition wurden gefunden. "Das hier ist mein Lieblingsjob", sagt Dressler. Der Neubrandenburger hat schon in Peru gegraben, in Altlandsberg den legendären Goldschatz gefunden und ist immer wieder in Bayern und Brandenburg mit seinem Team präsent. "Aber das hier ist noch sehr lebendige Geschichte. Und die Berliner Mauer gab es eben nur einmal. Die kennt man überall auf der Welt."

In Glienicke-Nordbahn hat Torsten Dressler Fluchttunnel ausgegraben. "Archäologie und Berliner Mauer" ist sein Dissertationsthema. "Die Grabung am Nordbahnhof ist mein letztes Puzzleteil." Das Puzzleteil besteht aus zugemauerten Kellern, Sockeln von Laternen und Draht. In einem der Kellerräume steht ein Amboss. "Hat nichts mit der Mauer zu tun", sagt der Archäologe. Manches ist einfach nur so da. Und in ein paar Wochen wird hier gebaut.

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