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"An einem Atomkrieg vorbeigeschrammt"

Xanthe Hall, Aktivistin der Anti-Atomwaffenkampagne ICAN
Xanthe Hall, Aktivistin der Anti-Atomwaffenkampagne ICAN © Foto: IPPNW
Stefan Kegel / 15.06.2017, 16:02 Uhr - Aktualisiert 15.06.2017, 16:15
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Aktivistin Xanthe Hall von der Anti-Atomwaffenorganisation Ican meint, dass die Welt bisher nur durch Glück einem Atomkrieg entgangen ist und kritisiert Deutschlands Verweigerung von Verhandlungen über ein Verbot solcher Waffen. Mit ihr sprach Stefan Kegel.

Frau Hall, dass Deutschland nicht bei den Verhandlungen um ein Atomwaffenverbot dabei ist, erstaunt offenbar kaum jemanden. Und das nach der langen Geschichte der Friedensbewegung. Wie erklären Sie sich das? Ist Abrüstung out?

Wir fragen uns das auch ständig, warum das als nicht relevant gesehen wird. Das ist schwer zu verstehen. Wir stehen immerhin kurz davor, dass Atomwaffen mit einem internationalen Vertrag verboten werden. Meines Erachtens verdrängen viele Leute das Thema oder sagen: Das ist ein Thema der 80er-Jahre. Sie nehmen nicht wahr, dass es tatsächlich noch eine Bedrohung durch Atomwaffen gibt, nicht nur durch irgendwelche Verrückte wie Kim Jong Un.

Aber ist diese Verdrängung verwunderlich? In den vergangenen 50 Jahren hat die nukleare Abschreckung, so zynisch das klingt, doch gewirkt. Oder?

Das kann man auch anders sehen. Nämlich so, dass wir Glück gehabt haben, dass die menschliche Vernunft in diesen 50 Jahren immer gesiegt hat. Wenn man aber schaut, wie nah wir in dieser Zeit an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt sind, dann beginnt man nachzudenken. Je mehr man sich informiert, was tatsächlich gelaufen ist, umso mehr Angst bekommt man, dass das nicht noch weitere 50 Jahre gut geht. Wir sollten unser Glück nicht überstrapazieren.

Deutschland begründet seine Ablehnung der Verhandlungen damit, dass die Atommächte gar nicht dabei sind – also ein Vertrag erarbeitet wird, den die eigentlich damit Gemeinten gar nicht unterzeichnen werden.

Das ist ein vorgeschobenes Argument. Die Bundesregierung weiß nämlich, dass die Unterzeichnung eines solchen Abkommens sofort Auswirkungen auf Deutschland haben würde. Dann könnten zum Beispiel hier keine amerikanischen Atomwaffen mehr gelagert werden. Die Nato müsste anfangen, darüber zu diskutieren, ob die atomare Abschreckung weiterhin als Grundsatz gehalten werden kann. Dabei könnte ein solcher Vertrag durchaus Auswirkungen haben, etwa wenn der Transport von Atomwaffen durch das Territorium der Unterzeichnerstaaten untersagt würde. Dann wäre es nämlich ganz schwierig, diese Waffen in der Welt von einem Ort zum anderen zu bringen. Hauptsächliches Ziel der UN-Verhandlungen ist aber eine Stigmatisierung. Es muss aufhören, dass Leute denken, dass die atomare Abschreckung eine gute Sache ist. Wir wollen einen Paradigmenwechsel in Richtung Abrüstung erreichen.

Ist es denn realistisch, dass Deutschland sich aus dem Konzept der atomaren Abschreckung zurückzieht? Das hätte doch Auswirkungen auf den Verbleib in der Nato.

Die Mehrheit der Deutschen ist für ein Atomwaffenverbot. Das haben aktuelle Umfragen ergeben. Es geht bei dem angestrebten Vertrag ja auch gar nicht darum, dass die USA etwa einseitig abrüsten, bevor Russland das tut. Er soll der Auftakt für weitere Abrüstungsgespräche sein. Es geht erst einmal darum, Atomwaffen zu verbieten. Die Ächtung von Landminen, biologischen und chemischen Waffen hat ebenfalls mit solch einem Schritt begonnen.

Aber wird die Wirkung nicht verpuffen? UN-Beschlüsse haben ja nur eine begrenzte Kraft.

Sie haben Recht, Resolutionen sind von den Vereinten Nationen jahrelang ohne greifbares Ergebnis verabschiedet worden. Aber hier geht es um einen rechtlich bindenden Vertrag. Wenn 130 Staaten einen Vertrag unterzeichnen, dann bildet man eine Norm. Die Länder haben dann die Verpflichtung, Aktivitäten rund um Atomwaffen zu verbieten. Das kann auch Auswirkungen auf die Finanzierung der Waffen haben. Dass Banken etwa Herstellern von Nuklearwaffen und deren Trägersystemen kein Geld mehr leihen.

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