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Das Wunder von Protzen

Markus Kluge / 26.06.2017, 18:43 Uhr
Protzen (RA) "Und jährlich geschieht ein großes Festivalwunder an einem Sonntag im Juni!" Dieser Satz steht unter einem Foto auf der Facebook-Seite des Protzen Open Airs, das bis auf ein paar vereinzelte Autos eine nahezu picobello aufgeräumte Wiese zeigt. In den vergangenen vier Tagen war diese das Heim von 1000Metalfans.

Hunderte Autos, Zelte, Wohnwagen und Wohnmobile standen schon seit Donnerstagabend an dieser Stelle. Gut 80 Prozent der Fans waren sehr frühzeitig angereist, was Veranstalter Mario Grimmer mindestens genauso positiv überrascht hat wie der schnelle Ausverkauf der Tickets im Spätsommer 2016. "Das zeigt uns, dass uns unsere Fans sehr verbunden sind", sagt Grimmer. Die 20. Auflage des auf dem Dead Land-Clubgelände gegründeten Festivals wurde von den Protzen-Anhängern sehnsüchtig erwartet. Die insgesamt rund 40-köpfige Crew selbst hat lange darauf hingearbeitet.

Das fing schon bei Kleinigkeiten an. Im Unterschied zu den Vorjahren gab es in diesem Jahr erstmals textile Eintrittsbänder, die die Handgelenke der Besucher wie eine Trophäe mindestens über die nächsten Monate zieren wird. Neben Protzen-Shirts wurden zudem Aufnäher verkauft, die fortan auf so mancher Metalkutte prangen werden. Das Programm ist um zehn auf 30Bands erweitert und eine zweite Bühne aufgestellt worden. Bands wie die schrillen Kamikaze Kings zu Beginn sowie am Ende Manos, die Songs wie "Biene Maja" in der Metalversion zum Besten gaben und keine Angst vor dem Einsatz von bunten Luftballons hatten, rundeten die Geburtstagsparty richtig ab.

Dazwischen jagte ein Kracher den nächsten - unter anderem das Death-Metal-Urgestein Master, dessen Gründer und Sänger Paul Speckmann schon als lebende Legende gilt, die angesagte Trash-Metalband Ektomorf aus Ungarn und Asphyx. "Asphyx wird in diesem Jahr 30Jahre alt, wir 20 - das passt", so Grimmer.

Asphyx-Sänger Martin van Drunnen packte nach seinem Auftritt am Freitag auch nicht gleich die Koffer. Wie viele andere Bandmitglieder und Konzertveranstalter ließ er das Wochenende in Protzen ausklingen. "Vielen Jungs ist das hier ans Herz gewachsen. 95Prozent der Bands bedanken sich oft bei uns, dass es so ein geiles Festival war. Wir versuchen halt alles Menschenmögliche, es gut zu machen. Das scheint ja der richtige Weg zu sein. Viele fühlen sich pudelwohl und kommen dann oft einfach nur als Gast wieder", so Grimmer. Seine Frau Andrea und er stricken mit dem Festival "einen Pullover, den alle total gerne tragen". Die Hilfe der gesamten Crew, die im Hintergrund arbeitet, sei mit Geld nicht zu bezahlen.

Dabei werden die Veranstalter oft vor Hürden gestellt. "Wir sind natürlich auch immer von Agenturen oder den Touren den Bands abhängig", so Grimmer. Sagt ein Act ab, sei es umso ärgerlicher, weil oft schon "massiv viel Arbeit" investiert wurde. Selbst der Auftritt von Ektomorf wackelte zwischenzeitlich. Die Band sollte ursprünglich schon am Freitag aus Ungarn anreisen. Die Fluglinie strich aber die Flüge nach Berlin. Die Protzener mussten daraufhin alles kurzfristig umbuchen, um nicht wieder Ersatz auftreiben zu müssen. Die Bandmitglieder brachten Samstagnacht das Publikum vor der Bühne zum kochen und veröffentlichten selbst kurz darauf Fotos und lobende Worte im Internet: "Wir spielten das erste Mal auf diesem Killer-Festival. Das ist Metal auf der ganzen Linie."

Bei den Fans ist die Sichtweise ähnlich: "Es ist einfach nur geil hier. Ich wohne seit 26Jahren in Neuruppin, bin aber erst zum zweiten Mal hier", so Florian Hartlepp. Für ihn sei das Festival so eine Art Familientreffen. "Es ist schön klein und man braucht nur zwei Minuten bis zur Bühne - das ist super", sagte er. Ein anderer Fan hat in zwei Jahrzehnten nur ein Festival verpasst: "Da hat mir mein Chef nicht freigegeben. Das war ein Arsch!" Mittlerweile hat er den Arbeitgeber gewechselt.

2018 wird das Open Air wieder im Juni stattfinden. Die Karten dafür sind Anfang Januar im Vorverkauf erhältlich. "Im nächsten Jahr gehen wir dann wieder einen Schritt zurück. Die zweite Bühne war nur zum 20-Jährigen da. Die Leute haben ja sonst gar keine Zeit mehr, zwischen den Konzerten ein Bier zu trinken", sagt Grimmer. Die Anzahl der Tickets bleibt auf 1000Stück limitiert. "Wir wollen das familiäre Flair beibehalten. Das macht schließlich nicht jeder. Es gibt jetzt schon zwei oder drei Festivals mit einem Lagerfeuer, aber wir waren die Erfinder davon", sagt Grimmer. Am Feuer kämen alle Fans nach dem letzten Konzert "ein bisschen runter" und quatschen: "Da muss nicht jeder sein Radio mit seiner Musik auf dem Zeltplatz klimpern lassen." Diese Camping-Wiese ist seit Sonntag leer und ordentlich: "Ihr und Eure Crew vollbringt das Wunder, da ist es doch das Mindeste, dass man den eigenen Müll wegräumt", kommentierte Nicole Bormann das Zeltplatzfoto im Internet.

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