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Fischköppe als sprachliche Ahnen

Sprachatlas: Peter Rosenberg erklärt, wie wo in Deutschland gesprochen wird, woher die Sprache kommt.
Sprachatlas: Peter Rosenberg erklärt, wie wo in Deutschland gesprochen wird, woher die Sprache kommt. © Foto: MOZ/Doris Steinkraus
Doris Steinkraus / 01.07.2017, 07:44 Uhr
Trebnitz (MOZ) Um "grausame Wahrheiten zur Regionalsprache" drehte sich alles beim Schlossgespräch am Donnerstagabend in Trebnitz. Uni-Dozent Peter Rosenberg bescherte den Besuchern einen außerordentlich vergnüglichen Abend.

"Na, schon jejessen?" Dieses "je" gehört beim echten Märker einfach dazu. Und es sei auch nicht schlimm, beruhigt Peter Rosenberg die Gäste. Denn wie der Brandenburjer so redet, das habe er von seinen Vorfahren ererbt. Regionalsprache nennen das Fachleute wie Rosenberg, der als Linguist an der Europa-Universität in Frankfurt lehrt. Die Regionalsprache - nicht zu verwechseln mit Mundart - erzähle viel über die Geschichte der Landstriche, seine Menschen, sei Kulturgut.

Bildhaft und immer mit einem verschmitzten Lächeln erklärt Rosenberg anhand von Beispielen, wie das mit der Sprache im Alltag läuft. Jeder im Raum kennt die Situationen, von denen er erzählt. Etwa, wenn man in geselliger Runde zusammenkommt und da plötzlich jemand nur hochdeutsch redet. Der schlage ganz fix in die Regionalsprache um - sofern er sie kann -, um nicht als Außenseiter dazustehen.

Die grausame Wahrheit, von der Rosenberg auch im von der Landeszentrale für politische Bildung herausgegebenen "Brandenbuch" schreibt, bezieht sich denn auch nicht auf grammatikalische Entgleisungen, Verknappungen oder das berlinerische icke, dette, kiekemal. Der Linguist erklärt die Wahrheit, die man hierzulande nur ungläubig hört: Der Brandenburger ist sprachlich mit den "Fischköppen" von Nord- und Ostsee sowie mit den Sachsen verwandt. Der Einfluss von der Küste stammt aus der Zeit, als Städte wie Brandenburg, Havelberg oder Frankfurt zur Hanse gehörten. Von dort siedelten die Menschen in die hiesigen Gebiete, brachten ihre Sprache mit.

Der Einfluss aus Sachsen kam später, als es in Preußen "in" war, alles zu übernehmen, was sich dort tat, einschließlich des Hochdeutschen. Natürlich setzte sich nicht jedes Detail durch. Rosenberg spricht von einem sprachlichen Kompromiss mit dem Niederdeutschen. Man behielt zum Beispiel dass "oo" statt des "au" im Hochdeutschen (loofen, ooch) oder das ee statt des eigentlich ei (kleen, Beene).

Im 18. Jahrhundert wird Hochdeutsch in Berlin und der Mark zur Prestigesprache. Wer was auf sich zählt, will vornehm sprechen. Doch die einfachen Menschen machen das nicht mit. Der Begriff der "Proletensprache" entsteht. Deren Gebrauch wurde und wird jedoch in den Regionen ganz unterschiedlich gewertet, erklärt der Dozent. In der DDR zum Beispiel - dem Arbeiter- und Bauernstaat - sei Proletensprache völlig in Ordnung gewesen. Wobei im öffentlichen Leben und in der Schule natürlich Hochdeutsch regierte. Im Westen rümpften manche die Nase. Nach der Wende habe sich das sehr deutlich gezeigt. Rosenberg berichtet von Studien, die in längeren Abständen erfolgten und an denen er beteiligt war. Gleich nach der Wende konnten die Befragten noch ganz genau nach Herkunft Ost oder West unterscheiden, zehn Jahre später kaum noch.

Mit viel Humor umschifft Peter Rosenberg das leidige Thema Grammatik. Da sei der Brandenburger kein Exot. "Der Genitiv ist schon fast weg und der Dativ ist am Verschwinden", sagt er schulterzuckend. "Was eingeschränkt genutzt wird, kann als erstes weg", erklärt Rosenberg das Phänomen. Das habe auch mit internationalen Trends zu tun. Im Englischen etwa gebe es kaum Grammatik, nur Worte. Mit dem Akku-Dativ indes pflege der Brandenburger schon ein besonderes Verhältnis, wenn er etwa "mit die Schwester" oder "mit die Kinder" auf Tour geht, "Peter sein Wein" trinkt und "nach Aldi fährt". Das tue manchmal etwas weh, aber es gehöre eben zu diesem Landstrich, stehe für seine Menschen.

Rosenberg tröstet sich damit, dass an Schulen in Deutschland solcherart Regionalsprache nicht gelehrt wird, dass dort - so wie auch in allen Medien - das Hochdeutsche gesetzt ist. Allerdings, das weiß er aus eigenen Untersuchungen: Vielfach werde auch so geschrieben, wie gesprochen wird. Da wird aus dem Tisch auch im Diktat eben der Tüsch.

Nach fast zwei Stunden sehnt niemand im Raum das Ende herbei. Zu unterhaltsam und lebensnah führt der Dozent Alltagssprache vor Augen, macht auch das Brandenburgische zu einem liebenswertes Identitätsmerkmal. Dass Rosenberg der beliebteste Dozent an der Uni ist, was vor allem die Betreuung von Abschlussarbeiten angeht, daran zweifelt keiner. Die wenigen Exemplare des Brandenbuchs, die Moderator Stephan Felsberg, der selbst in Frankfurt studierte, mitgebracht hat, sind sofort weg. Rosenberg empfiehlt es wärmstens. "Nicht wegen meines Beitrags daran", betont er lachend. "Aber da erfährt man wirklich viel über dieses Land."

"Brandenbuch - ein Land in Stichworten", erhältlich über die Landeszentrale für politische Bildung, Schutzgebühr 2 Euro, online unter www.poltischebildung.de

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