Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Sozialverband schickt behindertengerechte Test-Fahrzeuge auf die Straße

Mit dem Rolli ins Taxi

 Präsentation der fünf barrierefreien Taxifahrzeuge
Präsentation der fünf barrierefreien Taxifahrzeuge © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 01.07.2017, 09:33 Uhr
Berlin (MOZ) Spontan zum Treffen mit Freunden ins Café oder schnell mal vom Büro zum Flughafen - für Rollstuhlfahrer ist das in Berlin keine Selbstverständlichkeit. Nun schickt der Sozialverband Deutschland für einen Test erstmals fünf extra umgerüstete Taxis auf die Straße.

Es dauert nur wenige Handgriffe, bis die Rückbank umgelegt und die eingebaute Rampe aus dem Kofferraum geklappt ist. Zwei Gurte werden noch an den elektrischen Rollstuhl von Elisabeth Schmiedek gehakt. Dann kann die Berlinerin auch schon alleine in den VW Caddy Maxi hineinfahren. "Das klappt ganz gut. Aber für größere Rollstühle könnte es vielleicht schon eng werden", meint die Seniorin. Sie ist die erste, die eines der fünf neuen barrierefreien Taxis testet.

Wie viele Rollstuhlfahrer wartet sie schon lange auf solch ein Angebot. Denn wer einen der 70 Spezialtransporter des Berliner Behindertenfahrdienstes für Freizeitfahrten ordern will, muss sich zehn bis zwölf Tage vorher anmelden. "Wenn ich also spontan ins Kino will, habe ich schlechte Karten", weiß auch Dominik Peter, Vorsitzender des Berliner Behindertenverbandes. Auch er ist querschnittsgelähmt. U- und S-Bahn zu nutzen, kann für ihn schwierig werden. "Oft merkt man erst am Bahnhof, dass mal wieder der Lift kaputt ist. Ein Taxi wäre da die Rettung."

Doch die derzeit acht Berliner Taxis, die Rollstuhlfahrer überhaupt transportieren können, sind chronisch ausgebucht. Als Dominik Peter vor Kurzem zu einem Arbeitstermin nach Hamburg musste, rief er am Abend zuvor alle Anbieter durch, um für den nächsten Morgen eine Tour zum Bahnhof zu ordern. "Ich bekam nur Absagen. Letztendlich musste mich mal wieder mein Lebensgefährte fahren, der sich dafür extra frei nehmen musste", berichtet der 52-jährige Journalist.

Rund 250 behindertengerechte Taxis wären alleine in Berlin nötig, um den Bedarf zu decken, hat eine Forschungsgruppe der Technischen Universität ausgerechnet. Eine Zahl, von der auch die Taxiinnung ausgeht. "Wir haben zahlreiche behindertengerechte Hotels, aber keine Autos, die die Touristen dorthin bringen", sagt Vorstandmitglied Stephan Berndt.

Der Umbau der Großraumfahrzeuge kostet bis zu 15 000 Euro. Um eine Art Startschuss zu geben und Modelle zu testen, hat der Sozialverband gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und Volkswagen fünf Testwagen umgerüstet, die nun im Probebetrieb auf die Berliner Straßen geschickt werden.

Als Finanzierungshilfe für die Umbaukosten weiterer Wagen schlagen die Initiatoren eine Anschubfinanzierung vor, bei der 60 Prozent vom Staat übernommen werden. Der Senat entwickelt derzeit ein Gesamtkonzept für die Mobilität behinderter Menschen, in das in den kommenden fünf Jahren vier Millionen Euro fließen sollen. Doch ob eine Förderung aus der Verkehrs- oder Sozialverwaltung kommt, ist noch nicht klar. "Da müssen erst noch Zuständigkeiten geklärt werden", sagt Sonja Baltruschat, Sprecherin des ADAC Berlin-Brandenburg, der das Projekt ebenfalls unterstützt. Auch, ob die Touren im Inklusionstaxi teurer werden, müsse noch ausgehandelt werden. "Es darf sich niemand diskriminiert fühlen", warnt Taxifahrer Stephan Berndt, der eine schnelle Lösung fordert. "Wir stehen alle in den Startlöchern, doch niemand investiert, wenn er nicht weiß, wie die Förderung ausfallen wird." Die Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales Elke Breitenbach (Linke) sowie die Verkehrssenatorin Regine Günther wollten sich beim Pressetermin am Donnerstag zwar gerne vor den neuen Taxis fotografieren lassen. Klare Zusagen ließen sich beide jedoch nicht entlocken.

"Wenn die Politik der Bahn vorschreibt, barrierefrei zu sein, kann das öffentliche Verkehrsmittel Taxi nicht davon ausgenommen werden", findet Dominik Peter. Ihn ärgern zudem die in Deutschland "wahnsinnig komplizierten" Vorschriften. So müsse beispielsweise die Rampe eine ganz bestimmte Neigung und Breite haben. "Der einzige, der sich daran eine goldene Nase verdient, ist der Tüv Rheinland", glaubt Peter. Dass es auch anders geht, zeigten beispielsweise die berühmten Londoner Taxis. "Da wirst du mit deinem Rollstuhl seit 40 Jahren einfach seitlich reingeschoben."

Umgedreht findet Peter aber, dass die neuen Berliner Inklusionstaxis durchaus auch für Nichtbehinderte ein Gewinn sein können: "Auch Fahrgästen mit Kinderwagen oder sperrigem Gepäck bieten sie mehr Komfort."

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG