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Mario Suhrbier hat die seltene Krankheit PLS und geht offensiv mit ihr um

Hauptaufgabe Weiterleben

Am Tera-Trainer: Mit dem motorisch betriebenen Hometrainer kann er seine Gliedmaßen und Muskeln in unterschiedlichsten Belastungsstufen trainieren. Neben dem Bett steht das Beatmungsgerät.
Am Tera-Trainer: Mit dem motorisch betriebenen Hometrainer kann er seine Gliedmaßen und Muskeln in unterschiedlichsten Belastungsstufen trainieren. Neben dem Bett steht das Beatmungsgerät. © Foto: MOZ/Gerd Markert
Jens Sell / 05.07.2017, 07:30 Uhr
Strausberg (MOZ) Der Strausberger Mario Suhrbier ist an der seltenen neurologischen Krankheit Primäre Lateral-sklerose (PLS) erkrankt. Schätzungsweise 140 Patienten gibt es davon in Deutschland. Er geht offensiv mit der Krankheit um und bereichert Medizinvorlesungen in der Charité.

Viermal im Jahr hat Mario Suhrbier aus Strausberg seinen Auftritt vor Medizinstudenten in einem Hörsaal der Charité. Wie in den Anfangsjahren der Ärzteausbildung, werden Patienten mit besonders seltenen Krankheiten gern leibhaftig vorgestellt. Dann geht es um die drei Formen der amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Berühmtester Patient dieser Krankheit ist das Physik-Genie Stephen Hawking. Mario Suhrbier bekam 2012 endgültig die Diagnose Primäre Lateralsklerose. Vor den jeweils 120 Studenten äußert er sich in Interviewform gegenüber dem Leiter der ALS-Ambulanz, Prof. Thomas Meyer, zur Krankheitsgeschichte, läuft einmal mit und einmal ohne seine stützenden Orthesen um Unterschenkel und Füße. "Ich will so helfen, dass künftige Ärzte die Diagnose schneller und sicherer stellen können, als es heute noch oftmals geschieht", begründet er seine Auftritte.

Suhrbier ist in Strausberg kein Unbekannter: 2003 bis 2005 war er Strausbergs SPD-Vorsitzender. Er engagierte sich maßgeblich im Freundeskreis St. Marien für das neue Kirchendach, organisierte Benefizkonzerte, war beim Jugendsozialverbund angestellt. Nach zwei Bandscheibenvorfällen 2005 musste er das Erwerbsleben schrittweise verlassen. Die Wirbelsäule wurde teilweise versteift. Dass eine neurologische Krankheit von seinem Körper Besitz ergriff, merkte er nicht gleich. Erstes Alarmsignal 2010: Als er im Bett lag und sein rechtes Bein plötzlich unkontrollierte Zuckungen nach oben vollführte. Dann, als er beim Städtewettbewerb der DAK drei Minuten auf dem Fahrradergometer strampelte und danach eine halbe Stunde brauchte, bis seine Beine ihm wieder gehorchten und nicht mehr weitertraten. "Wenn ich im Wald oder auf einer Wiese trabte, trat ich ständig in irgendwelche Löcher, wenn ich hinter der S-Bahn herlief, federten meine Beine gar nicht so richtig, das war alles so steif", erinnert er sich an die beunruhigenden Symptome.

Ein Strausberger Neurologe schickte ihn zu einem Berliner Spezialisten, der ihn umgehend an die ALS-Ambulanz der Charité überwies. Zuerst diagnostizierte man eine Corticobasale Degeneration, später Spastische Spinalparalyse, als zunächst nur die Beine betroffen waren. Messungen ergaben, dass auch die Arme und Hände beeinträchtigt würden, so war klar: Primäre Lateralsklerose.

Wer Mario Suhrbier heute von seiner Wohnung zur Ergotherapie im Gebäude des SOWI gehen sieht, muss genau hinschauen, um die schwere Krankheit zu bemerken. Man denkt, da lässt sich aber einer Zeit, weil man nicht weiß, dass jeder Schritt in seinem Ablauf sehr bewusst und ruhig gesetzt werden muss. Sein Gang sieht etwas gestelzt aus, auch weil die Orthesen an den Beinen keinen weicheren Gang zulassen. Ohne Orthesen würde er auf Zehenspitzen gehen. Der 52-Jährige ist tagtäglich in Bewegung. Er wohnt im fünften Obergeschoss eines Plattenbaus - ohne Lift. Er läuft zu seinen Behandlungen, zu Physio- und Atemtherapie, zu Fango, Massage und Krankengymnastik, zum Bewegungsbad und zur manuellen Therapie.

Dies alles ist notwendig, um die fortschreitende seitliche Versteifung der Wirbelsäule hinauszuzögern. Geschädigt werden die Nervenbahnen vom Gehirn über das Rückenmark zu den Gliedmaßen. "Ich muss froh sein, dass bei mir nicht wie bei ALS-Patienten der Muskelschwund hinzukommt", sagt Mario Suhrbier. So muss er "nur" mit der Spastik, der Muskelüberspannung, dem unkontrollierten Zucken und den Schmerzen klarkommen. Nur. Er setzt der fortschreitenden Krankheit seine ständige Bewegung entgegen. Die Muskeln verkrampfen sich sonst und verhärten sich schmerzhaft. Nachts braucht er ein Beatmungsgerät und Orthesen, die die Hände an der Beugespastik hindern und die Füße daran, sich nach innen einzudrehen und zu überdehnen. Hat er einen therapiefreien Tag, trainiert er 70 Minuten am speziellen Hometrainer.

Daneben findet er Zeit für die Gestaltung einer tiefgründigen Internetseite über seine Krankheit unter der Adresse www.pls-mobil.de. Und für sein Hobby: Autogramme von Politikern sammeln. Gut 2000 hat er schon.

Auch wenn mancher von außen so einen Eindruck hat: Mario Suhrbiers Leben ist kein Spaziergang. Weder körperlich noch psychologisch. Es ist ein ständiger Kampf. Ließe er sich gehen, säße er umgehend im Rollstuhl, wäre bald bewegungsunfähig. Sein Kampfziel ist die möglichst lange Erhaltung der jetzigen Lebensqualität. Seine Hauptaufgabe: Weiterleben.

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