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Ein Ostsee-Ausflug kann mit dem Elektroauto zur ungeahnten Herausforderung werden

Nur noch ankommen

Hajo Zenker / 07.07.2017, 06:38 Uhr
Berlin (MOZ) Das Angebot an Elektroautos wird immer größer. Für Kanzlerin Angela Merkel geht die Entwicklung "weg vom Verbrennungsmotor". Wie aber sieht die Realität aus?

Am Wochenende mal schnell mit dem Auto an die Ostsee zu fahren, ist für Brandenburger und Berliner ganz normal - es sei denn, man hat ein Elektroauto. 300 bis 400 Kilometer am Stück schaffen Elektrofahrzeuge im wahren Leben bisher nicht - mit Ausnahme etwa der teuren Tesla-Modelle und des neuen Opel Ampera-e. Nissan will trotzdem beweisen, dass die Alltagstauglichkeit der gängigen Stromer deutlich zugelegt hat. Wozu auch ein - als Werbung gedachter - Ausflug ans Meer gehört.

Immerhin hat die japanische Marke Expertise - nämlich mit dem Leaf als meistverkauftem Elektroauto. Gut 270 000 Exemplare wurden seit 2010 weltweit verkauft, davon 80 000 in Europa. Die Norm-Reichweite ist dabei gewachsen - auf mögliche 250 Kilometer statt zuvor 200. Was schon einmal heißt, für den Weg nach Rügen einen Zwischenstopp zum Laden einzuplanen. Das ist passenderweise das Landeszentrum für erneuerbare Energien Mecklenburg-Vorpommern (Leea) in Neustrelitz, wo es natürlich Lademöglichkeiten für Elektrogefährte gibt.

Los geht es an einem Hotel in Berlin-Mitte - und einem unsicheren Blick auf den Tacho: 100 Prozent geladen und trotzdem nur 174 Kilometer Reichweite? Da müsse wohl jemand zuvor sehr flott mit dem Wagen unterwegs gewesen sein, lautet die Erklärung. Und tatsächlich legt die Reichweitenanzeige erst einmal mit jedem Kilometer zu, statt abzunehmen. Fast lautlos schwebt das Fahrzeug durch den Stadtverkehr, die Beschleunigung an der Kreuzung ist über jeden Zweifel erhaben. Dann geht es auf die Landstraße, auf der häufig Tempo 80 oder 70 gelten. Als nach entspannten zwei Stunden Neustrelitz erreicht ist, steht eine verbliebene Reichweite von 104 Kilometern auf der Uhr, obwohl der Wagen 113 Kilometer gefahren wurde. Wir haben also Boden gutgemacht.

Neustrelitz, findet Leea-Bereichsleiter Jens Kiel, sei ein idealer Lade-Standort - "für Berliner Ostseependler genauso wie für die Norweger, die mit einem Elektroauto Richtung Berlin fahren". Bonus: An den insgesamt sechs "mittelschnellen" Ladepunkten in der Stadt gibt es den Strom fürs Auto gratis, wenn man zuvor eine Chipkarte gegen fünf Euro Kaution besorgt hat. Ein ganz großes Verlustgeschäft kann das für die Stromverschenker aber nicht sein. Fünf bis zehn Elektromobilisten pro Wochenende gelten schon als Andrang.

Verwundern muss das nicht: In Mecklenburg-Vorpommern selbst gab es Anfang dieses Jahres genau 252 reine Elektroautos, in Brandenburg 568 und in Berlin 1668. Während in den drei Bundesländern zusammen insgesamt über 3,42 Millionen Autos fahren. Robert Grzesko soll als Projektleiter des Trägerkreises E-Mobilität M-V, der von 16 Energieversorgern gegründet wurde, den Autofahrern die elektrische Fortbewegung schmackhaft machen. Leicht wird das nicht, weiß er: Ein Flächenland mit weiten Entfernungen ist dafür ein schweres Pflaster.

In der Stadt dagegen, so erzählt der Schauspieler Peter Lohmeyer, der seit einem Jahr Leaf fährt, sei ein Elektroauto "ein Vergnügen". Das sei "ein ganz anderes Gefühl", sagt der Hamburger, der in seiner Stadt immer mehr Ladesäulen findet. Aber im Zweifelsfall auch aus dem zweiten Stock ein Verlängerungskabel hängen lässt, um seinen Nissan mit elektrischem Nachschub zu versorgen.

Dass es wohl vor allem große Städte sind, die für Stromer heute bereits geeignet sind, zeigt dann die Weiterfahrt. Nach zwei Stunden Lade-Pause meldet der Wagen eine zu 95 Prozent gefüllte Batterie und 211 Kilometer Reichweite. Das dürfte für 170 Kilometer reichen. Doch nun offenbaren sich die Tücken eines Elektroautos. Geschwindigkeiten über 80 Stundenkilometer nimmt der Leaf übel - in Form rasant abschmelzender Stromvorräte. Der zunächst so beruhigend klingende Puffer von 40 Kilometern schrumpft zwischenzeitlich bis auf elf Kilometer. Also auch auf der Autobahn A20 Tempo 80.

Aber schaffen wir es noch bis Binz? So langsam treten Schweißperlen auf die Stirn - auch weil die Klimaanlage ausgeschaltet ist, um die Batterie nicht zusätzlich zu belasten. Der Blick wandert vom Navigationsgerät, wo die verbleibenden Kilometer bis zur Binzer Strandpromenade erscheinen, zur Reichweitenanzeige und dann zum gefahrenen Tempo. Immer wieder. Zum Schluss will man nur noch ankommen. Vergnügen geht anders.

Nach über drei Stunden stehen wir vor unserem Hotel. Das Auto weist noch eine Reserve von 17 Kilometern aus. Geschafft. Etwas Hoffnung will der Hersteller uns dann doch noch machen: Im September wird ein neuer Leaf vorgestellt, den es ab 2018 bei uns zu kaufen gibt. Und der soll einen dann weiter bringen. Ganz bestimmt.

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Elektroauto Jens Kiel Verbrennungsmotor Peter Lohmeyer

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