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"In der Pause sind wir immer umringt"

Ich halte es noch lõnger aus: Dustin (12) zeigt in der MOZ-Lokalredaktion den einhõndigen Kraftakt auftrittsreif f³r mehrere Minuten. Anthony (11) w³rde am liebsten seine Ziegen-Dressur vorf³hren - die Tiere aber durften nicht mitkommen. Foto: MOZ
Ich halte es noch lõnger aus: Dustin (12) zeigt in der MOZ-Lokalredaktion den einhõndigen Kraftakt auftrittsreif f³r mehrere Minuten. Anthony (11) w³rde am liebsten seine Ziegen-Dressur vorf³hren - die Tiere aber durften nicht mitkommen. Foto: MOZ © Foto:
GRATAJN / 30.01.2008, 07:08 Uhr
Petershagen-Eggersdorf () Für wenige Tage sind Anthony und Dustin Urban Grundschüler auf Zeit im Doppeldorf. Die beiden Jungs sind Zirkus-Kinder. Was für die Brüder längst Normalität geworden ist, erzeugt bei Mitschülern in den Pausen Staunen und jede Menge Fragen.

Dustin rutscht beim Besuch in der Strasuberger MOZ-Redaktion unruhig auf dem Stuhl herum, während die Mutter erzählt. Auch der etwas zurückhaltendere Bruder Anthony scheint nur auf einen geeigneten Moment zu warten. Dann hält es ihn nicht länger. Er springt auf, schnappt sich den schweren Bürostuhl, stemmt ihn umgedreht in die Höhe, setzt sich dessen Lehne aufs Kinn des zurück geneigten Kopfs und löst die Hände von dem Sitzmöbel.

Der Atem stockt einem dabei. Die Glastür des Beratungsraums ist nur Zentimeter entfernt... Mutter Carola Köllner-Urban aber lacht. "Keine Angst. Das macht Tony, seit er drei Jahre alt ist. Er balanciert alles, was nicht niet- und nagelfest ist: Tische, Stühle, Schubkarren, Leitern. Er ist unser Kind mit dem Eisen-Kinn."

Nun will auch Dustin nicht mehr warten. Aus einem schmalen Rucksack zieht er silberne Keulen und jongliert sie gekonnt im engen Zimmer. Als die mangelnde Bewegungsfreiheit zum Problem wird, schiebt er schnell mal den zuvor benutzten Bürostuhl zur Seite, lässt sich in den Handstand fallen und durchquert den schmalen, kurzen Gang.

Stolz schaut Carola Urban auf ihre beiden Sprösslinge. So sei das eben bei Zirkus-Kindern, denen werde das in die Wiege gelegt. Selbst der mit vier Jahren Jüngste in der Familie stehe am Nachmittag zur Vorstellung mit in der Manege - auf dem Kopf. Mama Carola führt durchs Programm und Vater Franco lässt es als Feuer-Fakir heiß im Zelt werden oder zeigt am Trapez seine Kunststücke.

Mit 18 Artisten, 50 Tieren und seinen Wagen samt Vier-Mast-Zelt ist Circus Salino am Montag neben dem Baumarkt Sommer angerückt. Bis morgens um vier hat der Transport von Marzahn nach Petershagen-Eggersdorf gedauert. Nichts für den Durchschnittsbürger. "Manchmal wollten Leute bei uns in den Ferien arbeiten oder Praktikum machen. Nach spätestens drei Wochen hatten die genug", erzählt die Zirkus-Frau, die in der vierten Genera­tion dabei ist. Es ist eben auch ein Knochen-Job.

Trotzdem sprühen die Jungs vor Elan und Begeisterung. Dustin und Tony können sich nichts Schöneres vorstellen als Zirkusleben. Ihre dunklen Augen strahlen fröhlich, wenn sie vom Alltag erzählen. Schule, Training, Auftritt - das muss jeden Tag unter einen Hut gebracht werden. Und dann haben die Brüder ja auch noch Tiere zu versorgen. Tony, der wie alle Artisten mehrere Zirkus-Nummern beherrscht, kümmert sich um die Ziegen, die er trainiert und in einer lustigen Dressur vorführt. Der quicklebendige Dustin brachte für die frechen, eigensinnigen Tiere nicht die nötige Ruhe mit. Die Mini-Ponys und Mittelpferde kommen seinem Naturell mit der Lasso-Nummer da weit mehr entgegen.

Übrigens: Nur jeweils am Transport-Tag haben sie schulfrei. Für zwischendurch gibt es auch den Bereichslehrer, der Kinder mehrerer Zirkusunternehmen versorgt. Dass sie Dienstag zum x-ten Mal in eine neue Klasse kamen, macht den beiden jüngsten Artisten im Team jedenfalls nichts aus. "Das kennen wir seit sechs Jahren. Wo wir hinkommen, haben wir Freunde", plaudert Dustin. "In der Pause sind wir immer umringt und müssen erzählen, wie das bei uns so ist.." Aus erster Hand können das diesmal die Eggersdorfer Kinder erfahren. Die Probe aufs Exempel aber können auch alle anderen Doppeldorf-Schüler machen: bei einem Besuch der Vorstellung am Nachmittag.

Circus Salino ist ein mittelständisches Unternehmen aus dem ostfriesischen Norden mit mehr als 100-jähriger Tradition.

Gut 50 Zirkustiere bereichern sein Programm mit Kamel-Karawane über Pferdenummern bis hin zur Ziegendressur und zu gewaltigen Pythonschlangen.

Vorstellungen im Doppeldorf (30. 1.-2. 2.) täglich 15.30 Uhr sowie am Sonnabend schon 14 Uhr, im Strausberger Kulturpark (6.-10. 2.) täglich 15.30 Uhr und Sonntag 14 Uhr.

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