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Zwischen Wolf und Hund

Zwei Wölfe (Canis Lupus Lupus), aufgenommen am 18.01.2017 in einem Gehege des Biotopwildpark Anholter Schweiz in Isselburg (Nordrhein-Westfalen). Das Rudel in dem Wildpark nahe der niederländischen Grenze besteht aus neun Tieren. Foto: Bernd Thissen/dpa +
Zwei Wölfe (Canis Lupus Lupus), aufgenommen am 18.01.2017 in einem Gehege des Biotopwildpark Anholter Schweiz in Isselburg (Nordrhein-Westfalen). Das Rudel in dem Wildpark nahe der niederländischen Grenze besteht aus neun Tieren. Foto: Bernd Thissen/dpa + © Foto: picture alliance / Bernd Thissen/dpa
Harriet Stürmer / 29.07.2017, 07:05 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) In Brandenburg kommt es offenbar immer öfter zu ungewollten Begegnungen zwischen Menschen und Wölfen. Jäger schlagen Alarm: Bei den Tieren könnte es sich um Hybriden handeln - um Mischlinge zwischen Wolf und Hund, die ein ernsthaftes Problem seien. Gentests stärken den Verdacht.

Es geschah am helllichten Tag: Wie gewohnt geht Claudia Rauch* auch an diesem Novembermorgen mit ihrem Hund in einem Waldstück irgendwo im Süden Brandenburgs spazieren. Sie hat das Tier nicht angeleint; plötzlich ist der Altdeutsche Hütehund verschwunden. Als er einige Minuten später zu seiner Halterin zurückkehrt, wird er von einem Wolfsrudel verfolgt, das jetzt nur wenige Meter von Claudia Rauch entfernt Halt macht. "Ein Schockmoment", sagt die 47-Jährige, die ihren richtigen Namen und genauen Wohnort nicht in der Zeitung lesen will. Sie hegt keinen Zweifel daran, dass ihr Hund schon ausgemachte Beute war. "Es war ein großer Fehler, ihn unangeleint mit in den Wald zu nehmen", räumt Claudia Rauch ein. Mit ihrem Hund an der Seite habe sie sich umgedreht und sei einfach gegangen. Die Wölfe - geschätzt zwölf Tiere - seien ihr zuerst ein paar Schritte gefolgt, dann aber wieder im Wald verschwunden.

Von Begegnungen wie dieser hört der Landesjagdverband seit einiger Zeit immer wieder - und zwar in ganz Brandenburg, wie Präsident Dirk Wellershoff betont. "Wer regelmäßig in Brandenburger Wäldern unterwegs ist, begegnet früher oder später einem Wolf", prophezeit er. Erschreckend an Augenzeugenberichten sei, dass die Tiere dem Menschen mitunter bedrohlich nahe kämen. "Viele Wölfe scheinen die übliche Scheu vor dem Menschen verloren zu haben", sagt Wellershoff. Die Diskussion um den Umgang mit einzelnen Problemwölfen hält er für längst überholt. Er geht davon aus, dass zwischen Elbe und Oder ganze Problemrudel leben.

Das neugierige Verhalten sei hundeähnlich und ein klares Indiz dafür, dass die nach Deutschland eingewanderten Wölfe in Wahrheit Mischlinge aus einer Kreuzung von Wolf und Hund sind, meint der versierte Jäger. Freilebende Hybriden würden Menschen gegenüber nicht nur weniger Scheu zeigen, sondern neigten auch eher zu aggressivem Verhalten, warnt Wellershoff.

Die These ist überaus umstritten. Sie hatte auch im Fall des im vergangenen Jahr in Niedersachsen erschossenen Problemwolfs "Kurti" für Aufmerksamkeit gesorgt. Damals hatten namhafte Wissenschaftler auf auffällige Abweichungen in der äußeren Gestalt wie Fellfärbung, Skelett, Schwanzlänge oder Beinstellung zum Europäischen Wolf hingewiesen. Bei anderen Experten stößt die These hingegen auf deutlichen Widerspruch.

Den offiziellen Beleg dafür, ob es sich um reinrassige Wölfe handelt, liefert in Deutschland ausschließlich das Senckenberg-Institut. Dort werden zum Beispiel überfahrene Tiere genetisch untersucht. An Haaren, Kot oder anderen Spuren führen die Wissenschaftler DNA-Analysen durch und erlangen so Kenntnisse über Rudelstrukturen, Wanderbewegungen und den Hybridisierungsgrad der Tiere. Sie würden die DNA allerdings mit neuer Wolfsgenetik aus den frühen 2000er-Jahren von Tieren aus der Lausitz vergleichen, kritisiert mancher Wolfsexperte, der anzweifelt, dass es sich dabei um reinrassige Wölfe handelte. Auch Wellershoff fordert, zum Abgleich Genmaterial vom Sibirischen Wolf heranzuziehen.

Noch in den 2000er-Jahren gab es einen bestätigten Mischlingswurf einer Fähe aus dem ersten deutschen Wolfsrudel in Sachsen mit einem Schäferhund. Seitdem hätten die Untersuchungen am Senckenberg-Institut keinerlei Hinweise auf frei lebende Hybriden ergeben, teilt das Brandenburger Umweltministerium mit. In einem jüngeren Fall einer Wolfsfamilie aus Tschechien nahe an der Grenze zu Sachsen wurde nun von der Prager Charles-Universität ebenfalls der Nachweis erbracht, dass es sich bei den drei Welpen eindeutig um Mischlinge handelt. Nur die Fähe ist ein Wolf. Der Rüde ist ein Hund.

Nachdem die drei Welpen im Herbst 2016 wiederholt von Zeugen fotografiert und beobachtet worden waren, kam wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes der Verdacht auf, dass es sich um Mischlinge handelt. Zwei der Welpen kamen in den folgenden Wochen ums Leben. Einer starb bei einem Autounfall, der zweite wurde von einem Jäger erlegt. Das tschechische Umweltministerium beauftragte örtliche Jäger mit der Tötung des dritten Welpen, was bislang jedoch nicht gelang.

"Aus Artenschutzgründen werden Wildtier-Haustier-Mischlinge in der Regel aus der Natur entfernt, um eine Ausbreitung der Haustiergene in der Wildpopulation zu verhindern", heißt es beim Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen". Da Mischlinge rechtlich gesehen dem strenger geschützten Elterntier gleichgestellt sind - in diesem Fall also dem Wolf - sei für ihre Entnahme aus der Natur eine naturschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung erforderlich. Ein höheres Gefährdungspotenzial für Menschen gehe durch Hybriden aber nicht aus, sagt ein Sprecher des Brandenburger Umweltministeriums.

In Brandenburg hatte Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) erst vor einigen Wochen den Entwurf einer sogenannten Wolfsverordnung vorgelegt. Damit soll die Entnahme - in der Regel der Abschuss - von Problemwölfen auf eine einfach handhabbare rechtliche Grundlage gestellt werden. Als auffällig gelten Wölfe, wenn sie die Scheu vor Menschen verloren haben oder wiederholt Nutztierherden angreifen.

Schon lange fordern vor allem Landwirte und Jäger eine Abschussquote zur Regulierung der Wolfsbestände. Insbesondere für Schäfer ist der Wolf inzwischen zur wahren Existenzgefahr geworden. Zuletzt traf es zwei Schafhalter in Groß Eichholz beziehungsweise im nahe gelegenen Klein Wasserburg bei Märkisch Buchholz (Dahme-Spreewald). Mitte Juli schlug der Wolf dort zwei Mal innerhalb einer Woche zu. Insgesamt wurden fast 30 Schafe getötet.

Achim Gasper, dessen Jagdrevier in unmittelbarer Nähe liegt, hat Wolfshaare in einem Zaun sichergestellt und zur Genprobe an ein Hamburger Institut geschickt. Ergebnis in vereinfachter Form: "Die durchgeführte Analyse zeigt die größte Übereinstimmung mit der Gruppe der Hütehunde (50 Prozent). Es zeigt sich zusätzlich ein erhöhter Wolfsanteil mit genetischen Übereinstimmungen zum Timberwolf und Wölfen der baltischen Population." Der Timberwolf ist eine Kreuzung aus Hund und Wolf. Gasper meint: "Die Grenztruppen der DDR hatten solche Kreuzungen."

Das Eichholzer Rudel umfasse inzwischen 13 Wölfe und ihre Welpen, sagt der Jagdpächter. Im offiziellen Monitoring des Landes tauche es aber nicht auf. Nach jüngsten Angaben des Landesumweltamtes leben derzeit 25 Rudel und Einzeltiere in Brandenburg. Gegenwärtig wird von rund 200 Wölfen ausgegangen. Gasper vermutet, dass es tatsächlich aber weit mehr Tiere im Land gibt.

Im vergangenen Jahr hat er ein Stück Rotwild geschossen, erzählt der Jagdpächter; in den Jahren zuvor waren es zwölf bis 14 Stück. Nach Expertenmeinung verspeist ein Wolf durchschnittlich im Jahr 67 Rehe, neun Stück Rotwild und 16 Sauen. "Die Wildbestände sind durch die immer radikalere Bejagung durch den Landesforst und die Aufhebung von Schonzeiten in den vergangenen Jahren erheblich dezimiert worden", beklagt Gasper. "Wir privaten Jäger wollen unser Wild und unseren Rothirsch unbedingt erhalten und nur nachhaltig bejagen. Natürlich können wir auch mit dem Wolf teilen. Wir wollen aber nicht auch noch schießen, was der Wolf nicht bekommen hat. Denn nur dann haben wir auch in fünf Jahren noch röhrende Hirsche."

Nach Gaspers Ansicht müssten die Abschusszahlen reduziert werden. Der Bedarf des Wolfes an Fleisch müsse bei der Festlegung der Quoten unbedingt berücksichtigt werden, fordert er. "Ansonsten sind die Wälder bald voll von Wölfen, die aber nicht mehr ausreichend Futter finden. Und was kommt dann?", fragt er besorgt. (*Name geändert)

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Vivian Greschok 02.08.2017 - 07:02:52

Falschinformationen und schlecht recherchiert

Zitat aus Ihrem Artikel "Es zeigt sich zusätzlich ein erhöhter Wolfsanteil mit genetischen Übereinstimmungen zum Timberwolf und Wölfen der baltischen Population." Der Timberwolf ist eine Kreuzung aus Hund und Wolf. Gasper meint: "Die Grenztruppen der DDR hatten solche Kreuzungen."" Wie peinlich und wie schlecht recherchiert. Der Timberwolf ist mitnichten ein Hybride aus Wolf und Hund. Er stellt eine eigene Unterart des Wolfes, die in Amerika und Canada vorkommt. Vielleicht sollte der Hr. Gasper sein Wissen in diesem Bereich einmal erweitern. Und die Abschusszahlen des Wildes zu reduzieren, um dem Wolf noch das Fressen zu lassen, ist doch wohl abenteuerlich. Die vermeintlich hohe Vermehrungsquote des Wolfes, der dann nichts mehr zu fressen hat, ist doch dem Märchen entnommen. Hier scheint es auch mit der Agumentation des hungrigen Wolfes der eigene Aufwand (geringere Abschussqouten) reduziert werden. Der Streit zwischen Fortwirten und Jägern über Abschussquoten und Waldumbau wird auf dem Rücken der Wölfe ausgetragen. Und das drohende Orakel des hungrigen Wolfes, der durch wildleere Brandenburger Wälder streift und sich dann neue "Opfer" sucht: Lieber Herr Gasper, da sind nur kleine Mädchen mit roten Kappen und Großmütter gefährdet. Hier wird wieder einmal massive Hetze gegen den Wolf betrieben. Sagt eine die dem Wolf mit drei Jagdhunden im Schlepptau bereits direkt in Brandenbruger Wäldern begegnet ist. Und ohne Zaun dazwischen.

Roland Totzauer 30.07.2017 - 09:12:16

Sommerloch-Wölfe Nr. 2

In meiner langjährigen Praxis als Radfahrer bin ich auf vielen Kilometern durch Ost-Brandenburg und durch West-Polen geradelt. Dabei wurde ich - sowohl links als auch rechts der Oder - mehrmals von freilaufenden aggressiven Dorfkötern und von unangeleinten schlecht erzogenen Stadthunden heftig belästigt. Dank meiner Reizgaspatrone und einer lange Luftpumpe ist mir bisher nichts passiert. Wölfe haben sich dagegen stets zivilisiert verhalten: Sie haben mich nie belästigt!

Paul Müller 29.07.2017 - 11:38:36

Dann lassen Sie das Holz bitte im Wald ...

... die Insektenwohnung dort zu belassen wäre nämlich auch aktiver Umweltschutz ...

Roland Totzauer 29.07.2017 - 09:16:53

Somerloch-Wölfe

Die Autorin Harriet Stürmer vertritt mit ihrem panikverbreitendem Anti-Wolf-Artikel die durchschaubaren Interessen der Jäger-Kaste. Ich bin seit Jahrzehnten als Wanderer, als Pilzsucher, als Radfahrer, als Spaziergänger, als Holzsammler oder auch als Blaubeerenpflücker in den Wäldern Brandenburgs unterwegs - aber einem aggresiven gefährlichen Wolf, wie "Dirk Wellershoff betont", bin ich trotz meiner leisen Sohlen dort noch nicht begegnet. Hier betreibt Herr Wellershoff eine Panikmache, die ich nur noch lächerlich finde. Mit Worten wie "könnte" und "scheinbar" wird in dem Artikel eine Droh-Kulisse aufgebaut. Das "Wolfs-Erlebnis" der Frau "Rauch", dass uns TV-Sehern schon vor Monaten von übereifrigen Journalisten mit nachgestellten Aufnahmen serviert wurde, wird auch in diesem Artikel in einem unerträglichen Maß verallgemeinert. Zu Recht wurde der echte Name der Dame geändert - sonst würde ich sie wegen Volksverdummung anzeigen - so wie auch den Herrn Wellershoff, der mit haarsträubenden Thesen die Not von sommerloch-geplagten Journalisten ausnutzt.

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