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"Gerede zur Lage der Nation"

FKS Sonneborn
FKS Sonneborn © Foto: MZV
Ute Jahnke / 01.08.2017, 14:22 Uhr - Aktualisiert 01.09.2017, 17:27
Falkensee (MOZ) So versammelte er jüngst im ausverkauften Falkenseer "Kronprinz" eine beachtliche Schar Anhänger und Interessierter um sich und hielt sein "Gerede zur Lage der Nation".

Viele Havelländer hegen immer noch das Vorurteil, Martin Sonneborn sei ein arroganter Snob, der seine Mitmenschen verhöhnen wolle. Denn diese Rolle hat er in seinen kurzen Filmbeiträgen für die ZDF-"Heute-Show" und die Rubrik "Spam" von "Spiegel Online" perfekt gespielt. So schaffte er es, immer trocken und todernst zu wirken, während er seine Interviewpartner intellektuell überrumpelte und ihnen das Wort im Munde herumdrehte, ohne dass diese es tatsächlich bemerkten.

Aber diese Zeiten, in denen er Chef-Redakteur des Satire-Magazins "Titanic" war und nebenher im Fernsehen erschien, sind lange her. 2004 gründete er mit einigen "Titanic"-Mitstreitern eine Partei, die er praktischerweise "Die PARTEI" nannte (als Abkürzung für "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative). Mit dieser schaffte er es dann 2014 tatsächlich - allen Unkenrufen zum Trotz - ins Europa-Parlament. Dort hat er inzwischen eine neue Aufgabe gefunden: Er berichtet regelmäßig in der "Titanic" sowie auf seiner Homepage (www.martinsonneborn.de) über Missstände und skurrile Begebenheiten, die er im Parlaments-Alltag erlebt - natürlich mit dem ihm angemessenen, trockenen Humor.

Da gibt es zum einen seinen persönlichen Lieblingsfeind, Elmar Brok (CDU), den er liebevoll "Brocken" nennt und der als politisches Schwergewicht auf einer Podiumsdiskussion eine leidenschaftliche Rede zugunsten einer EU-Armee hielt und anschließend in seinem Stuhl auf der Bühne vor Publikum einfach einschlief. Oder eine Schlägerei zwischen zwei Mitgliedern der rechtspopulistischen, britischen UKIP-Partei auf der Brücke des Straßburger Europa-Parlaments: Während Steven Woolfe zunächst noch schnell sein Jackett ausziehen wollte, schlugt Mike Hookem bereits gezielt zu und somit den Kontrahenten ohnmächtig und krankenhausreif. Beide Vorfälle hatte Sonneborn aus Mitschnitten des Parlaments-Fernsehens festgehalten und dann veröffentlicht. Dass die Beteiligten das nicht immer lustig finden, macht Sonneborn nichts aus. Schließlich möchte er auf Fehlverhalten und Missstände aufmerksam machen. So kritisiert er auch die enorme Geldverschwendung: "Ein EU-Abgeordneter würde sich nicht extra bücken, wenn auf dem Boden 2.000 Euro liegen würden." Denn nicht nur die Diäten und Kilometerpauschalen seien ungewöhnlich hoch. "Es gab die interessante Situation, dass ich praktisch neben dem reichsten Italiener saß und auf der anderen Seite neben Korwin-Mikke, der der reichste polnische Politiker ist. Also die einzig demokratisch gewählte Institution in Europa - und man sitzt neben solchen Leuten!", erzählte Sonneborn lachend.

Allerdings waren unter seinen wechselnden Sitznachbarn auch weniger angenehme Individuen wie Mitglieder der griechischen Neonazi-Partei "Chrysi Avgi" oder Alessandra Mussolini (die Enkelin des "Duce"), die für kurze Zeit aus ihrer Fraktion ausgeschlossen worden war. Politisch will sich Sonneborn im EU-Parlament keiner Fraktion anschließen. "Wussten Sie eigentlich, dass Merkels CDU dort mit Victor Orbans Fidesz-Partei in einer Fraktion kooperiert?" Auch wenn ihm als Fraktionslosem im EU-Parlament ein Platz mitten zwischen vielen rechtsradikalen Abgeordneten aus u.a. AfD, Front National und Forza Italia zugewiesen wird, so lehnte er Anfragen auf Kooperation in einer Fraktion vehement ab. Schließlich sei er politisch "nicht rechtsradikal, sondern radikal in der Mitte". Auch seine anfangs dreist gestellte Behauptung, er würde bei Abstimmungen regelmäßig abwechselnd mit Ja und Nein stimmen, relativierte er auf Nachfrage. "Ich bin ja Individualist und meinem Gewissen verpflichtet."

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