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Vor 25 Jahren wurde die Kulturfabrik Fürstenwalde gegründet / Sie feiert das Jubiläum mit Keimzeit

Kunst-Motor im Margarinewerk

Annemarie Diehr / 24.08.2017, 20:16 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Ohne Maschinen keine Fabrik, ohne Ideen keine Kultur - beides braucht einen Motor, der Antrieb gibt. In das mit Brettern vernagelte, von Wellblech und Schutt verwüstete Fabrikgebäude neben dem Fürstenwalder Dom St. Marien nistete sich Anfang der Neunzigerjahre ein solcher Motor ein. Der Keramiker und Bildhauer Friedrich Stachat machte seine Werkstatt dicht, bezog einen kleinen Raum im Erdgeschoss und erarbeite dort ein Konzept - für die Zukunft der Fabrik und die Kulturlandschaft der Nachwendezeit.

25 Jahre später ist die Produktion in vollem Gang. Lesungen, Konzerte und Ausstellungen auf vier Etagen sind nur die öffentlichkeitswirksamsten Angebote der Kulturfabrik (Kufa). Ihr soziokulturelles Programm ist breit gefächert: regelmäßige Frühstücksrunden und Stammtische der Frauen in der Kulturfabrik, Betreuung und Hausaufgabenhilfe im Kinderladen, Musik und Bar im Parkclub, Zeichnen und Bildhauern in den künstlerischen Werkstätten. Rund 40000 Besucher zählt die Fabrik im Jahr, die in einem Nebengebäude auch das städtische und im Alten Rathaus auf dem Markt das Brauereimuseum betreibt.

Ein begehrtes Objekt war die auf den Resten einer mittelalterlichen Bischofsburg errichtete ehemalige Margarinefabrik für Stachat bereits zu DDR-Zeiten. "Die Vorstellung eines Künstlerhauses hatte ich schon länger." Von Reisen in den Westen kannte er verlassene Zechengebäude und leerstehende Fabrikhallen, die mit Künstlerateliers belebt wurden. Als mit der Wende der Staatliche Großhandel der DDR seine Lager- und Verwaltungsräume in dem Backsteinbau räumte, sah Stachat seine Chance. Als Mitglied des Bauausschusses trug er seine Vision vor; bot sich für zwei, drei Jahre als deren Richtungsgeber an. Am Ende leitete Stachat die Kulturfabrik zwölf Jahre. "So lange und acht Millionen Mark hat es gebraucht, bis sie fertig war", sagt der 78-Jährige.

1992 schließlich begann der Motor zu laufen. Mit seinem Konzept fuhr Stachat nach Potsdam, überzeugte den damaligen Kulturminister Hinrich Enderlein, der die Kulturfabrik zu einem Pilotprojekt für die neuen Bundesländer machte. Auch die Stadt sicherte ihre finanzielle Unterstützung zu; beauftragte Stachat mit der Gründung eines Fürstenwalder Kulturvereins, der noch heute mit dem Arbeiterwohlfahrt-Kreisverband und dem CTA Kulturverein Nord Gesellschafter der gemeinnützigen Kulturfabrik GmbH ist.

Kultur fand in den Anfangsjahren auf einer Baustelle statt. Doch auf halber Strecke geriet der Motor ins Stocken. Zwei Jahre lang ruhten die Bauarbeiten. Ohne Geld konnte die Maschine nicht weiterlaufen. Friedrich Stachat war da schon Träger des Bundesverdienstkreuzes. "In die eine Hand bekomme ich diese Anerkennung gelegt, aber die andere bekommt nicht das, wofür sie den Orden bekam", schrieb der Künstler, verzweifelt und vom Stillstand zermürbt, an den damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe. Der Brief sorgte dafür, dass im Jahre 2002 das Gebäude fertiggestellt werden konnte, dessen Mauern Kultur und Begegnungen bereits seit zehn Jahren einen Rahmen boten.

Stachat verabschiedete sich, der Fortführung seiner Arbeit gewiss, daraufhin in den Ruhestand. Und blieb der Kulturfabrik gleichwohl erhalten - mit einer eigenen Prominenten-Talk-Reihe "Stachat und seine Gäste". Außerdem sitzt er als Vertreter des Kulturvereins in der Gesellschafterversammlung und steht dem derzeitigen Kufa-Geschäftsführer Klaus-Peter Oehler gelegentlich als Berater zur Seite.

Konsequent weitergeführt hat Oehler, was mit dem Einzug der städtischen Bibliothek 2001 in einen Teil der einstigen Fabrikräume begann: die Steigerung der Besucherzahlen. Ein Ort, mit dem sich alle Fürstenwalder identifizieren können, schwebte dem promovierten Kulturwissenschaftler aus Berlin vor.

Wenn das Jubiläum am 3. September mit einem bereits ausverkauften Konzert von Keimzeit und dem Deutschen Filmorchester Babelsberg gefeiert wird, sitzt Stachat neben anderen in der ersten Reihe. Ob es ihm gefallen wird? "Ich habe gerne schwere Kost angeboten", sagt er rückblickend. Schwarzes Theater, Gespräche mit Malern aus Peking, Lesungen der späteren Literaturnobelpreisträger Herta Müller und Imre Kertész initiierte er.

Kufa-Chef Oehler bewahrt und öffnet Stachats Erbe entsprechend seinem persönlichen Konzept "Vielfalt und Kontraste". Pop, Rock, Chanson, Jazz und Gastspiele der Uckermärkischen Bühnen Schwedt gehören ebenso zum Programm wie Kabarett und auch Comedy für ein jüngeres Publikum. Die Sprachkunst des Komikers Der Tod gefällt aber auch Stachat.

Die Maschinen in der Kulturfabrik stehen nicht still; die Produktion geht weiter. "Ein soziokulturelles Zentrum, das fertig ist", sagt der Künstler, "kann nicht existieren. Es muss sich verändern, entsprechend der gesellschaftlichen Entwicklungen."

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