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Strenge Denkmalschutzauflagen blockieren die Entwicklung der Karl-Marx-Allee zur Kunstmeile

Nachts im Museum

Will Leben in die Karl-Marx-Allee bringen: Robert Kuchling kennt den Boulevard schon aus Kindestagen. Vor zwei Jahren hat er eine Galerie eröffnet.
Will Leben in die Karl-Marx-Allee bringen: Robert Kuchling kennt den Boulevard schon aus Kindestagen. Vor zwei Jahren hat er eine Galerie eröffnet. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Maria Neuendorff / 31.08.2017, 07:45 Uhr
Berlin (MOZ) Die Karl-Marx-Allee ist breiter als die Champs-Élysées. Doch dem denkmalgeschützten Boulevard abends Leben einzuhauchen, ist schwierig. "Man fühlt sich manchmal wie im Museum", sagt Galerie-Betreiber Robert Kuchling. Er will aus der Prachtstraße gerne eine Kunstmeile machen.

Es ist ein lauer Sommerabend, als sich die Galerie Kuchling langsam mit Gästen füllt. Während die untergehende Sonne die Fassadenkacheln der Zuckerbäckerbauten der einstigen Stalinallee in ein traumhaftes Licht hüllt, begutachten die Gäste in den hohen Galerieräumen Grafiken, Fotografien und Video-Installationen. Kinder, die mit Kreide den Bürgersteig bemalen, erweitern die Ausstellung auf die Straße. Wiesen und ein breiter mit Bäumen gesäumter Sandweg dämpfen den Feierabendverkehr, der sechsspurig die Ausfallstraße entlang rauscht.

Der Luxus dieser Weite hat Robert Kuchling schon als Kind fasziniert. Der Junge aus Bernau streunte mit seinem Ost-Berliner Cousin über den Ausnahme-Boulevard, der in den 50er-Jahren als Versprechen für ein besseres Leben im Sozialismus errichtet worden war. Kuchling ging ins Kino Kosmos oder International und kaufte seltenes Mischobst im polnischen Laden.

Im Haus Budapest, in dem seine Eltern mit Stehgeigern und Palinka Hochzeit feierten, zog nach der Wende ein Steakhaus ein. Das alte Briefmarken-Geschäft ist heute Weinhandlung. Manches Dachgeschoss der Arbeiterpaläste wird inzwischen von einem Millionär bewohnt. "Doch es leben noch viele Alte hier mit alten Mietverträgen, die für den Quadratmeter noch fünf Euro zahlen", sagt Kuchling. Natürlich gebe es auch hier, drei U-Bahn-Stationen vom Alex entfernt, die Angst vor der Gentrifizierung. "Aber eigentlich ist die Durchmischung noch sehr gut.".

Obwohl Kuchling seine Galerie seit zwei Jahren an der Karl-Marx-Allee betreibt, hat er noch keine Leuchtreklame angebracht. Die Auflagen der Denkmalschutzbehörde sind groß, Genehmigungen teuer. So dürfen trotz der Breite Restaurants keine Wintergärten errichten oder hervorstehende Werbeschilder anbringen.

Kuchling würde gerne Skulpturen-Festivals auf den parkähnlichen Gehwegen veranstalten. Doch auch das sei derzeit rechtlich nicht möglich. So gibt es auf Europas jüngstem Boulevard weder Straßenmusik noch Gaukler, wenig Fuß- und fast gar kein Partyvolk.

"Der Denkmalschutz ist wichtig. Doch viele Regeln sind zu streng", findet der Architektur-Liebhaber, der die Prachtmeile gerne zur Kunstmeile machen würde. Anknüpfungspunkte gibt es inzwischen genug. Neben mehreren kommunalen Galerien, die teils noch aus DDR-Zeiten stammen, haben inzwischen auch internationale Künstler mehrere der hallengroßen Ladenräume bezogen.

Kuchling träumt davon, gemeinsam mit ihnen Galerie-Wochenenden zu organisieren. Zur Art Week im September will der 52-Jährige einen Stummfilmabend veranstalten. Die musikalische Begleitung, eine Israelin, kommt aus New York angereist. Im Oktober soll die Galerie Kuchling dem systemkritischen türkischen Maler Bedry Baykan einen Raum geben.

Bei der Vernissage an diesem Abend mit neun Künstlern, deren Werke sich mit dem Mythos der versunkenen Stadt Vineta beschäftigen, sind das kostenlose Buffet und die Weinflaschen bald alle. Die Kunst bleibt dagegen hängen. "Der typische deutsche Galeriegänger ist kein Kunstkäufer", musste Kuchling schnell feststellen. "Der fragt eher an der Tür, ob man Eintritt bezahlen muss."

In der Küche seiner Galerie hat sich der gelernte Tierarzt, der jahrelang in der Pharmaindustrie arbeitete, ein Büro für seine andere Firma eingerichtet. Das eigentliche Geld wird mit Diagnostik-Geräten verdient. Auch ohne die Hilfe seines Bruders, einem Absolventen der Kunsthochschule Weißensee, würde das alles nicht gehen. "Es ist ein Experiment", gesteht Kuchling.

Das passt doch zur Karl-Marx-Allee. "Die Idee des Sozialismus ist zwar gescheitert. Das architektonische Werk ist aber immer noch da", sagt Kuchling. "Man muss nur neue Wege finden, es auch mit Leben zu füllen."

Galerie Kuchling, Karl-Marx-Allee 121-123, Di-Fr: 14-19 Uhr. Die Ausstellung "Vineta Pavilion" ist noch bis 22. September zu sehen. www.galerie-kuchling.de

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