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Ein zeithistorischer Film für die Nachwelt

Patrik Rachner / 01.09.2017, 23:03 Uhr
Falkensee (MOZ) Er regt zum Nachdenken an, ist mitunter hoch emotional und vor allem ein Dokumentarfilm, der das Grauen der Vergangenheit in all seinen Facetten zum Ausdruck bringt: "Sie nannten mich Benjamin" ist Heide Gauerts neuestes Werk. Ein Film über Erhard Stenzel, 93 Jahre alt, letzter noch lebender deutscher Widerstandskämpfer der französischen Résistance. Sie zeichnet seinen Weg in den Untergrund für die Nachwelt nach. Sein Leben in Angst, sein Leben im Terror, sein Leben in Trauer, Wut und doch der Hoffnung zugewandt. Die Uraufführung des Streifens ist nun im Falkenseer Kino Ala zu sehen.

Erhard Stenzel, der seit 1978 in Falkensee lebt, hat viel erlebt, menschenverachtendes mit ansehen müssen, in einer Zeit, in der Gräueltaten an der Tagesordnung waren, die dunkle und grausame Zeitspanne des Nationalsozialismus, des Faschismus in seiner ungeschminkten Reinform. Sein durchaus ungewöhnliches Leben hat die Falkenseer Filmemacherin Heide Gauert für die Nachwelt und künftige Generationen festgehalten, vor allem seinen Kampf gegen das NS-Regime.

Wie sein Vater von SA-Männern brutal zusammengeschlagen und schließlich blutüberströmt abtransportiert wurde, da war er acht Jahre alt, wie er selbst als 17-Jähriger in einem Dresdner Gefängnis saß und dazu gezwungen wurde, bei Hinrichtungen zuzusehen, wie er als Wehrmachtsangehöriger desertierte und Kämpfer der Résistance wurde, welche Einsätze er hatte, wie er den Tag der Befreiung in Paris erlebte und die Marseillaise sang, all das sind Erlebnisse, die er in dem 52-minütigen Dokumentarfilm detailgenau und emotional preisgibt - als wäre es gestern gewesen.

Filmemacherin Heide Gauert hat Stenzel, der 1944 in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, erst 2002 ist er rehabilitiert worden, an Originalschauplätzen, stets begleitet von Harald Petzold, Lehrer für Politische Bildung, in Szene gesetzt. Gedreht wurde in Freiberg, seiner Heimatstadt, natürlich in Falkensee, Berlin und Potsdam, sowie in Paris und Oradour, an dem Ort wo die SS und Gestapo im Juni 1944 rund 500 Menschen, darunter viele Kinder, brutal ermordeten. Dass Stenzel und seine befreundeten Widerstandskämpfer zwei Tage zu spät kamen und nur noch verkohlte Leiber sahen, ist für ihn auch heute noch nicht zu ertragen. "Wir haben dagestanden und geweint." Die Bilder sind ihm präsent - noch heute. "Oradour war sehr beeindruckend, vor allem wenn jemand eine solche Geschichte, die unfassbar ist erzählt", so Gauert.

Sie hat im Verbund mit Evelyn Kuhnert, Fritz Barber die geballte, gelebte Geschichte vor allem für junge Leute als Mahnung inszeniert. Die Dreharbeiten zum Dokumentarfilm, der vom Bildungsministerium gefördert wurde und vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen der Stadt Potsdam herausgegeben wird, haben rund ein halbes Jahr gedauert. Gauert: "Die Dreharbeiten waren eine spannende Zeit. Ein sechsstündiges Interview Wort für Wort abzuschreiben und daraus eine Dramaturgie filmisch zu erarbeiten, war aber besonders schwierig."

Doch davon ist im Auge des Betrachters nichts zu merken. Der Plot ist stimmig. Und: Sprecher Michael Braumann, seine eindringliche, fesselnde Stimme lässt Geschichte im Kopf des Beobachters spürbar lebendig werden, rundet das zeithistorische Werk ab. "Das Gestern im Kopf, das Heute im Blick": So wird Stenzel gezeigt. "Es ist der Lebenslauf eines Menschen, der einen anderen Weg eingeschlagen hat als die meisten Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus. Es ist unheimlich wichtig, der Nachwelt seine Geschichte zu zeigen", so Gauert Stenzel selbst sagt, nachdem er den Film bereits gesehen hat: "Ich wusste gar nicht, dass man über mich so einen spannenden Film machen kann."

"Sie nannten mich Benjamin - Erhard Stenzel" ist am Sonntag, 10. September, um 10.30 Uhr im Cineplex ALA-Kino Falkensee in der Potsdamer Straße zu sehen. Am Dienstag, 12. September, wird der Film ab 12 Uhr zudem in der Stadthalle Falkensee für Schülerinnen und Schülern kostenfrei aufgeführt. Infos: 0331/2702426.

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