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Fluchtgeschichten im Gotteshaus

Die eigene Geschichte: Vor seinem Plakat steht Asef Nakawi mit Kuratorin Dagmar Jurat.
Die eigene Geschichte: Vor seinem Plakat steht Asef Nakawi mit Kuratorin Dagmar Jurat. © Foto: MZV
Josefin Roggenbuck / 22.08.2017, 13:54 Uhr
Oranienburg (OGA) Seit einem Dreivierteljahr gibt es die Ausstellung "Flucht - gestern und heute". In der Oranienburger Nicolaikirche werden nun die 20 Fluchtgeschichten gezeigt, die von Vertreibung während des Zweiten Weltkrieges und Flucht durch Krieg in der heutigen Zeit erzählen.

Unter der gewölbten Kirchendecke stehen die mehrere Meter hohen Plakatwände direkt im Kirchenschiff neben hölzernen Bänken und den Skulpturen von Wilhelm Groß. Der Ort scheint für eine Ausstellung zunächst ungewöhnlich, doch die Nicolaikirche bietet viel Raum, um Geschichte anfassbar werden zu lassen.

"Als Pfarrer Friedemann Humburg uns die Kirche als Ausstellungsort anbot, habe ich mich riesig gefreut", sagt Kuratorin Dagmar Jurat. "Hier wirkt die Ausstellung doch ganz anders." Gemeinsam mit Schülern aus Oranienburger Schulen, die sich im Netzwerk Schule zusammengefunden haben, hat die Lehrerin 20 Geflüchtete von gestern und heute interviewt und diese Geschichten auf die Plakate gebracht. Immer abwechselnd können Besucher von Menschen lesen, die in den 1940er-Jahren und nach 2010 geflohen sind.

Einer, der seine Fluchtgeschichte erzählt, ist Asef Nakawi aus Afghanistan. Mit 18 Jahren ging er freiwillig zur afghanischen Armee, wurde eines Abends auf dem Heimweg von Taliban gestoppt. Er verneinte zwar seine Zugehörigkeit zur Armee, doch die kurzgeschorenen Haare verrieten ihn. Mehrere Monate verbrachte er in Gefangenschaft, in ständiger Angst getötet zu werden. Mithilfe eines Freundes konnte sich Asef Nakawi befreien. Er floh mit seiner Familie zunächst nach Pakistan, dann allein weiter in den Iran und die Türkei. Nawaki bezahlte Schlepper für einen Bootstransfer auf die griechische Insel Lesbos, gelangte über Mazedonien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. "Ich habe Tote und das Töten gesehen", schildert er seine Erlebnisse. Die meiste Angst habe er zwischen dem Iran und der Türkei gehabt, bewaffnete Grenzsoldaten schossen in die flüchtende Menschenmenge.

Der 24-Jährige lebt heute im Lehnitzer Flüchtlingsheim. Dort entstand auch der Kontakt zum Projekt. Gemeinsam mit dem Zwölftklässler Jason Heldt interviewte Dagmar Jurat Asef Nakawi. "Jason war von Asefs Geschichte sehr beeindruckt. Noch heute besucht er ihn", sagt die Lehrerin.

Vor 74 Jahren hatte auch Ursula Kroll ihre Heimat verlassen müssen. Ihre Geschichte wird ebenfalls auf einem der Plakate erzählt. Die 81-Jährige fühlt mit den jetzigen Flüchtlingen. "Sie haben es viel schwerer und sie sollen endlich ankommen können", sagt sie, während sie von ihrer Flucht berichtet. Ursula Kroll wurde in Stettin geboren.

Im April 1943 erlebte die damals Siebenjährige ihren ersten Fliegeralarm. "Brennende Tannenbäume fielen vom Himmel, viele Häuser wurden getroffen", beschreibt sie die Situation. Ihre Familie wurde zunächst nach Pollnow evakuiert, musste zwei Jahre später aber erneut fliehen. "Vom Osten kam wieder eine Bedrohung durch die russische Armee. Die Front rückte näher", sagt sie. Von Pollnow ging es in neun Tage per Zug nach Stargard. Dann schickte man sie und ihre jüngere Schwester weiter nach Stettin, von dort nach Pasewalk. Ihre restliche Familie traf Ursula Kroll in der mecklenburg-vorpommerschen Stadt wieder. Die Fahrt endete aber erst in Utzedel bei Demmin (Mecklenburg-Vorpommern). Willkommen waren sie dort nicht, doch als der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, begann die Familie, sich ein neues Leben aufzubauen. "Für uns Kinder wurde die Flucht ein schwindendes Erlebnis", sagt Ursula Kroll heute. Genau diese Geschichten möchte die Ausstellung "Flucht - gestern und heute" konservieren.

Michael Ney kann dem aber nichts abgewinnen. Das Kirchenmitglied hat sich die 20 Plakate gerade durchgelesen und ist entsetzt. "Die Ausstellung verfälscht die Geschichte", sagt der CDU-Stadtverordnete. Hier werde selektiv an die Gefühle der Menschen appelliert, anstelle rationale Zusammenhänge darzustellen. Für ihn bestehen zwischen den Geflüchteten von damals und den von heute keine Verbindungen. Mit dem Appell an das Herz der Besucher könne er auch nichts anfangen.

Das Persönliche in den Geschichten würde die Ausstellung aber gerade so lebendig machen, sagt Dagmar Jurat. "Das Interessanteste ist doch, dass Fluchtschicksale von damals und heute zusammen dargestellt werden". Demnächst soll es auch eine Broschüre geben, die alle Fluchtgeschichten enthält.

Die Ausstellung ist noch bis Mitte Oktober in der Nicolaikirche, täglich von 10 bis 17 Uhr, zu sehen.

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