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Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot betreut immer mehr Hilfesuchende

Mit 84 Jahren auf der Straße

Letzter Ausweg: In der Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot können Betroffene Hilfe bekommen.
Letzter Ausweg: In der Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot können Betroffene Hilfe bekommen. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 05.09.2017, 07:35 Uhr
Berlin (MOZ) Steigende Mieten, prekäre Jobs, EU-Freizügigkeit: 20 000 Menschen in Berlin sind ohne Wohnung, geschätzte 6000 leben auf der Straße. Und es trifft auch immer mehr Kinder, Rentner und Menschen mit Job.

"Ist mein Scheck schon da?" Diese Frage wird an diesem Montag am häufigsten am Empfang der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot gestellt. Es ist Monatsanfang, und wer weder Konto noch eine Meldeadresse hat, kann sich seine Post in die Levetzowstraße 12a schicken lassen. Auch Gregor* hofft heute darauf, so an seine Stütze zu kommen. Vor zwei Jahren hat der 38-Jährige im schicken schwarzen Pulli sein Geld noch als Bühnentechniker verdient und die großen Partys am Brandenburger Tor aufgebaut. Doch dann kam der Drogenabsturz. "Wohnung und Freundin sind weg", erzählt Gregor. Nun steht ihm der Schweiß auf der Stirn, die Schulden stecken ihm im Nacken. Der Scheck vom Amt ist auch nicht im Karteikasten. Gregor zieht also wieder hinaus in die Stadt, die für ihn nichts mehr zu bieten hat.

Er ist nur einer von rund 2800 Klienten im Jahr, die regelmäßig bei der Beratungsstelle von Caritas und Stadtmission andocken. Und es werden immer mehr. "Seit 2004 hat sich die Zahl der Hilfesuchenden verdoppelt", berichtet Einrichtungsleiterin Elfriede Brüning. "Wir haben mittlerweile auch Menschen, die eigentlich keine Probleme haben - außer, dass sie seit Jahren keine Wohnung finden", so die Mitarbeiterin des Caritasverbandes.

Die niedrigschwellige Beratungsstelle, eine U-Bahnstation vom Bahnhof Zoo entfernt, wurde 1979 von Idealisten in einer WG gegründet. Heute erstreckt sie sich über drei Etagen. Zehn Sozialarbeiter versuchen, Obdachlose in Notübernachtungen und Wohnheime zu vermitteln oder durch Hilfe bei Ämtergängen drohende Wohnungslosigkeit abzuwenden. Durch den Druck auf den Wohnungsmarkt gehören inzwischen auch immer mehr Berufstätige zu den Betroffenen.

"Wenn dann noch Kinder im Spiel sind, nimmt mich das schon mit", gesteht Sozialarbeiterin Antje Legendart. Doch auch die Zahl der gefährdeten Rentner steigt. Vor Kurzem hat Legendart einen 84-Jährigen in eine Einzimmerwohnung nach Hermsdorf vermitteln können, der vorher auf Kellertreppen schlief. Häufig hätten die Senioren nicht einmal Geld für nötige Medikamente. Legendart begleitet auch viele zur Bank. "Nach einem neuen Gesetz hat jeder ein Recht auf ein Basiskonto. Die Leute werden trotzdem häufig weggeschickt."

In Beratungsräume kommen aber auch Roma-Familien mit großen Tüten unsortierter Dokumente, die sie selbst gar nicht lesen können. Viele der Wanderarbeiter, die die EU-Freizügigkeit nutzen, leben in Schrottimmobilien oder Parks, sammeln Flaschen und versorgen mit dem Geld sogar noch Familienmitglieder in Rumänien. "Da sie kein Recht auf Sozialleistungen haben, fühlt sich für sie keine Behörde zuständig, was auch für die Helfer zur Überforderung führt", berichtet Ulrike Koska, Vorsitzende der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. "Diese Probleme müssen auch auf Bundes- und EU-Ebene diskutiert werden", so die Expertin. Denn das Phänomen der zunehmenden Obdachlosigkeit sei inzwischen nicht mehr nur Berlin-typisch, sondern längst auch in kleinen Städten angekommen. *Name geändert

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Miete Elfriede Brüning Scheck Ulrike Koska Rentner

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