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Stiftet Gangster-Rap im Internet zu Jugendgewalt an?

Stiften Videoclips von Gangster-Rappern im Internet auch zu Gewalt im wahren Leben an? Sicher kann man sich da nicht sein. Trotzdem: Die BPjM setzte auch schon Songs von Sido (l.) auf den Index.
Stiften Videoclips von Gangster-Rappern im Internet auch zu Gewalt im wahren Leben an? Sicher kann man sich da nicht sein. Trotzdem: Die BPjM setzte auch schon Songs von Sido (l.) auf den Index. © Foto: dpa
31.01.2012, 16:29 Uhr
Bonn (dpa) Vorgezeigte Messer, Schläge ins Gesicht, Tritte gegen den Kopf, martialische Drohposen und finstere Mienen unterm Kapuzenpulli: Im deutschsprachigen Gangster-Rap gibt es einen offenen Gewaltkult. In derbem Sprechgesang werden - für viele Eltern wohl schier unglaubliche - Botschaften für Faustrecht und Körperverletzung abgegeben. Kriminelles Verhalten wird als positiv dargestellt, Gewalt erscheint als "cool", die "Bullen" werden lächerlich gemacht.

Wer sich etwa bei YouTube durch solche Angebote klickt, findet zuhauf Belege der Verrohung. Die Songs und Clips sind für Kinder und Jugendliche im Internet frei zugänglich. Eine Einladung.

Ist das alles nur verbale und virtuelle Gewalt und deshalb harmlos? Darüber streiten die Experten. Verlässliche und umfassende Studien gibt es dazu nicht. Ebenso wie bei Computer-Gewaltspielen gibt es auch beim Gangsta-Rap völlig unterschiedliche Einschätzungen, ob solche Angebote mit zur Jugendgewalt beitragen.

Neben den Produktionen einschlägig bekannter Gangsta-Rapper wie Sido, Bushido, Massiv oder Haftbefehl gibt es einen Trend: unzählige Jugendliche ahmen mit Stadtteil-Bezug den Gangsta-Rap nach und stellen eigene Stücke ins Internet.

Dazu erklärt die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM), die für die Aufsicht im Internet zuständig ist: "Es ist anzunehmen, dass die Interpreten solcher Rap-Songs Vorbildfunktion - und Identifikationspotenzial für Jugendliche haben."

Die etablierten Stars haben Millionenklicks. Der Offenbacher Rapper Haftbefehl singt in "Thug-Life - Meine Stadt Frankfurt": "Ich zieh mein Messer und ramm es direkt in Deine Fresse!" Oder: "Vor dem Richter keine Aussage - droh" den Zeugen." In "Ghetto Baba" von Haftbefehl heißt es: "Du Sohn einer Hure, sag ich zum Kommissar." Und in "Hol doch die Polizei" von Sido und B-Tight ist zu hören: "Bevor sie hier erscheint, ist die Action schon vorbei."

Ein 15-Jähriger aus Bonn sagt: "Viele Jugendliche hören Haftbefehl und andere Gangsta-Rapper. Sie mögen die Reime und singen sie auch nach. Doch es gibt auch die Gefahr, dass man das für normal hält. Und es gibt auch den Anreiz und Aufforderungen in Cliquen, etwas "real" zu machen."

In der Öffentlichkeit werden die möglichen Gefahren meist nur bei spektakulären Gewalttaten wie den U-Bahn-Attacken in Berlin oder Hamburg diskutiert. Die Gewaltsongs werden häufig auch als authentische Milieusprache oder als "Jugendkultur" verharmlost. Versagen hier staatliche Kontrolle und Jugendschutz?

Bei der KJM hat sich in den Prüffällen immer wieder die Frage gestellt, wie sich solche Texte und Bilder auf Jugendliche auswirken. "Doch dazu gibt es kaum Forschungsergebnisse", heißt es von der KJM. Es gehe bei dem Thema auch um einen "Balance-Akt zwischen Kunst- und Informationsfreiheit auf der einen und der Verantwortung Kindern und Jugendlichen gegenüber auf der anderen Seite".

Die für Indizierung von jugendgefährdenden Internetangeboten zuständige Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hat bisher rund hundert Rap-Songs auf den Index gesetzt. Darunter viele wegen "zu Gewalt anreizenden Texten". Betroffen waren auch Stars der Szene wie Sido oder Bushido und das Label Aggro Berlin.

Laut BPjM wird in diversen der indizierten Songs ein brutales Vorgehen gegen Gegner "als nachahmenswert oder bewundernswert" beschrieben. "Gewalt wird insgesamt als probates Mittel und legitimes Mittel zur Durchsetzung von Zielen und als das beste Konfliktlösungsmittel präsentiert." Die Prüfgremien sind jedenfalls der Ansicht, dass auch "verbale Gewalt" generell geeignet sei, "eine verrohende Wirkung auf Kinder und Jugendliche auszuüben".

Eine Totalsperre bedeuten die Indizierungen nicht, erst recht nicht für Angebote etwa bei YouTube. "Für die weitere Kontrolle sind wir nicht mehr zuständig", erklärt die stellvertretende BPjM-Vorsitzende Petra Meier. Der Ball liegt dann bei der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM). Die Erfahrung zeige, dass YouTube auf Hinweise reagiere, sagt Meier.

Doch umfassend sind Kontrollen und Sperren offensichtlich nicht: Eigene Recherchen ergeben, dass auch indizierte Titel weiter abrufbar sind, zum Beispiel "Blut gegen Blut 2" von Massiv. Auch das Album "Alles oder nix" des Bonner Rappers Xatar kam im Februar 2010 auf den Index - und ist weiter bei YouTube zu sehen.

Xatar ist auch ein Beispiel für den Übergang von Rap-Gewalt zu realer Gewalt. Als Organisator eines spektakulären Goldraubs bei Ludwigsburg (Baden-Württemberg) wurde er im Dezember zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Tat und Gefängnisstrafe werden im Internet vermarktet. Seit einigen Tagen ist bei YouTube der Clip "Xatar - Interpol.com" zu sehen - mit dem Fahndungsfoto von Xatar und Unterstützungsbeiträgen bekannter Rapkollegen wie Farid Bang, Haftbefehl, Massiv, Fard oder Celo & Abdi.

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