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Berlin
Ein Haus für Straßenkunst

Maria Neuendorff / 15.09.2017, 07:15 Uhr
Berlin (MOZ) Ein Museum für Straßenkunst? Was wie ein Widerspruch klingt, wird am Wochenende in Berlin-Schöneberg Wirklichkeit. Mit dem "Urban Nation Museum" eröffnet an der Bülowstraße eine weltweit einzigartige Kunstinstitution.

Der U-Bahnhof Nollendorfplatz wirkt mit seinen bunt beklebten Scheiben plötzlich wie eine Kathedrale. Unter dem Hochbahnviadukt bringen Arbeiter Lampen an. Auf der rauen Bülowstraße, wo sonst spärlich bekleidete Bordsteinschwalben die Blicke der Autofahrer auf sich ziehen, bemalen Künstler Fassaden und Gehwege, bekleben Laternen und errichten Skulpturen aus recycelten Skateboards.

Mit einer Kunstmeile wird am Sonnabend ein Museum eröffnet, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Ein Haus für Kunst, die normalerweise auf der Straße entsteht. "Ich habe nicht vor, die Werke hier hineinzuzwingen und festzuhalten", stellt Museumsgründerin Yasha Young klar, während sie durch ein umgebautes Wohnhaus aus der Gründerzeit führt. An den weißen Wänden hängen abstrakte Landschaften, Zwitterwesen aus Mensch und Tier und Frauengesichter, in denen sich ganze Comicszenen abspielen. Ein portugiesischer Künstler hat sein Selbstporträt mit Hammer und Meißel in die Wand aus verputzten Ziegelsteinen geschlagen. Eine Etage tiefer formen sich Wolken zu einem Herz aus Kontinenten.

Viele Werke haben politische Botschaften. Ironie und rätselhafte Brüche gehören genauso dazu wie Fantasiewelten im realen Kontext. So tragen die Flüchtlingsfrauen auf dem Bild "Queen of the Sea" zu ihren orangefarbenen Schwimmwesten Perlenkronen. Ihr verzweifelter Blick lässt den Betrachter nicht kalt.

Die Ausstellungen sollen jährlich wechseln, die Werke fotografiert und im Museums-Archiv dokumentiert werden. In den Gastwohnungen über den Ausstellungsräumen sollen Künstler aus aller Welt Quartiere auf Zeit finden. Yasha Young hat selbst lange in New York und London gelebt, ist tief in der Szene vernetzt. "Auf der ganzen Welt gibt es keinen Ort, wo es keine Street Art gibt", erklärt die 44-Jährige. Doch Berlin sei perfekt für das bisher einzigartige Museum. "Weil sich hier alles trifft und sich immer noch etwas bewegen lässt." Allein in der Eröffnungsausstellung werden Werke von rund 130 Street-Art-Künstlern zu sehen sein. Darunter auch große internationale Namen wie zum Beispiel "Banksy". Der anonyme britische Graffiti-Künstler ist bekannt für Schablonen-Bilder mit Motiven aus der Pop-Kultur wie Mickey Mouse, die er mit sozialkritischen Botschaften unterlegt.

Mithilfe der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag haben viele der Szenegrößen schon im Vorfeld der Eröffnung insgesamt 42 Gemälde auf Häuserwänden im Schöneberger Kiez hinterlassen. Auch die Museumsfassade selbst soll sich immer wieder wandeln. Gelder dafür fließen unter anderem aus der Lottostiftung. "Ich hoffe, dass damit auch der lokale Nachwuchs ohne Rang und Namen gefördert wird", sagt Josef Dube. Der Street-Art-Künstler und Sozialarbeiter aus Moabit gibt regelmäßig Graffiti-Workshops für Schüler. Die Nachfrage nach solchen Kursen sei in den vergangenen Jahren unglaublich gestiegen, berichtet der 33-Jährige. "Es wäre schön, wenn es hier auch ein, zwei Wände geben würde, an denen sich die Berliner Jugend ausprobieren kann."

Das "Urban Nation Museum" an der Bülowstraße 7 wird am Sonnabend um 19 Uhr mit einem Nachbarschaftsfest und einer Artmeile eröffnet. Bis Sonntag 18 Uhr gibt es auch draußen 50 Kunstwerke zu sehen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Internet: www.urban-nation.de

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